Museums-Check: Textilmuseum in Zell im Wiesental

Das Wiesentäler Textilmuseum macht ein wichtiges Kapitel der Industriegeschichte des Schwarzwalds erlebbar 

Text: Petra Kistler Fotos: Michael Wissing

Die Textilwirtschaft war lange die wichtigste Industrie Europas und prägte auch die Region zwischen Basel und dem südlichen Schwarzwald. Wie es dazu kam, wird im Textilmuseum in Zell im Wiesental erzählt – und das anhand von Maschinen, die immer noch Stoffe produzieren. 

Für den Eigenbedarf gesponnen und gewoben wurde auf jedem Schwarzwaldhof. Im Hotzenwald wie im Wiesental waren viele der armen Bauern auf den Nebenerwerb angewiesen. Basler Fabrikanten, die über Kapital und Kontakte verfügten, engagierten im 18.  Jahrhundert darbende Kleingütler, die in Heimarbeit Seidenbänder, Seidenstoffe und Baumwollstoffe herstellten. Das Geschäft basierte auf dem Verlagssystem: Verleger versorgten Heimarbeiter mit Rohbaumwolle und schickten das fertige Tuch an die Schweizer Kaufleute. Die lieferten es den aufblühenden Textildruckfabriken in Mülhausen. Abgerechnet wurde nach Stückzahlen. 1795 zahlte allein Meinrad Montfort aus Zell Akkordlohn an 2500 Haushalte, in denen mindestens ein Familienmitglied spann oder webte.

Jenny startet die Revolution

Die Arbeit in der Stube war dennoch ein Auslaufmodell. Für die Zeitenwende sorgte eine Erfindung aus England: die Spinning Jenny. Die Maschine konnte so viel produzieren wie 20 Handspinner. 1828, fast 50 Jahre nach ihrer Erfindung, drehen sich die ersten mechanischen Spinnmaschinen im Wiesental: der Beginn der Industrialisierung.

Billige Arbeitskräfte, das Wasser der Wiese zum Bleichen und zum Antrieb der Maschinen, Kapital aus Basel und dem Elsass waren die Bestandteile des Erfolgsrezepts. Baumwolle war begehrt, die Nachfrage kaum zu stillen. Mechanische Webstühle gaben seit den 1840er-Jahren den Takt an. Immer mehr Bauern betrieben die Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb und verdingten sich in der Fabrik – oft aber unter miserablen Bedingungen. Der Verdienst war karg, Arbeits-
tage mit 15 Stunden keine Seltenheit und für Vergehen wie Schwätzereien oder Albernheit mussten Strafen gezahlt werden, wie im Wiesentäler Textilmuseum eine Liste der Mechanischen Spinnerei aus dem Jahr 1880 zeigt. „Freiwillig ging keiner in die Fabrik“, sagt Andreas Müller vom Textilmuseum, der sich in die Geschichte der Textilherstellung eingearbeitet hat. Erst recht nicht die Kinder. Sie reinigen die Rohbaumwolle, müssen spulen, Fäden anknüpfen, Fussel zusammenkehren – 11 bis 13 Stunden am Tag, Montag bis Samstag. Erst Ende des 19. Jahrhunderts wird die Kinderarbeit verboten, jedenfalls offiziell.

Der Emir orderte in Zell

Der Beitritt Badens zum Deutschen Zollverein 1834 unterstützt die Indus-trialisierung des Wiesentals. Schweizer Textilfabrikanten, in Sorge, den wichtigen Absatzmarkt im Nachbarland zu verlieren, gründen Firmen und Filialen jenseits der Grenze. „Tausend Fabrikfenster beleuchten eine Gegend, die vorher nur vom Mond beschienen war.“ So beschreibt der Lörracher Arzt Eduard Kaiser 1877 die Veränderungen. 1912 werden im Wiesental 280 000 mechanische Spindeln und 9500 Webstühle gezählt. Das Wiesental wird zum Webland, zum bedeutendsten Zentrum der Textilindustrie in Baden.

Die Zell-Schönau Textil GmbH, besser bekannt unter dem Markennamen Irisette, in deren tausend Quadratmeter großer Shedhalle das Textilmuseum untergebracht ist, zählt in Spitzenzeiten mit 4000 Mitarbeitern und 100 Millionen Mark Umsatz zu den größten Unternehmen am Hochrhein. Als 1954 die erste bunt gewebte Bettwäsche die deutschen Schlafzimmer belebt, geht der Umsatz durch die Decke. „Die Nachfrage war so groß, dass die meisten Händler mit einer Lieferzeit von 18 Monaten kalkulieren mussten“, plaudert Andreas Müller aus dem Nähkästchen. Selbst der Emir von Kano orderte in Zell. Zwar nicht die edle Bettwäsche aus feinster Makobaumwolle mit dem beliebten Maiglöckchenmuster, dafür aber wurden teuerste Jacquardstoffe mit eingewebten Bildern für die traditionellen Boubous nach Nigeria geliefert. 

Goldene Zeiten. Doch am Ende konnten die Erzeugnisse aus dem Wiesental mit Billigimporten aus Fernost nicht mithalten. 1991 wurde der Betrieb eingestellt.

Das 1996 gegründete und 2006 wiedereröffnete Textilmuseum nimmt den Faden wieder auf und zeigt Spinn- und Spulmaschinen, Saitenflechtmaschinen und Webstühle, Musterbücher, Musterzeichnungen und Exponate zur Färberei.An Jacquard-Webmaschinen wird vorgeführt, wie Bilder aus Stoff entstehen: Hunderte von Zugfäden ziehen nach einem Lochkartenmuster die Kettfäden, um den gewünschten Effekt auf dem Stoff weben zu können. Die Textilindustrie, immer auf der Suche nach den niedrigsten Kosten,  zieht derweil weiter um die Welt. „Derzeit ist Addis Abeba gefragt“, erzählt Andreas Müller. In Äthiopien verdient ein Arbeiter in einer Textilfabrik ungefähr 21 Dollar – im Monat.

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