Schwarzwaldhaus: Wie Hardy Happle alte Höfe rettet

Wo andere abreißen, schafft Hardy Happle Wohnträume. Der Wolfacher Architekt hat im Schwarzwaldhaus seine Bestimmung gefunden. Unser Hausbesuch mit Zeitreise.

Text: Pascal Cames · Fotos: Jigal Fichtner

Hardy Happle: Die Liebe für Schwarzwaldhäuser

Fast könnte man meinen, hier sei der Mittelpunkt des Schwarzwalds. In Kirnbach, das heute zu Wolfach gehört, ist ein schönes Schwarzwaldhaus nach dem anderen zu sehen. Dazwischen schlängeln sich Kirnbach und Bollenhutwanderweg durch das satte Grün. Von hier (und zwei Nachbarorten) stammt die berühmte Tracht, die zum Symbol des Schwarzwalds geworden ist. Hier im Tal stoßen Buntsandstein und Granit aufeinander. Dass im mehr als 750 Jahre alten Dorf Kirnbach einer der Retter des berühmten Schwarzwaldhauses lebt und arbeitet, kann da nur logisch sein.

Hardy Happle (52), den man auf den ersten Blick für einen Jockey oder Tennisspieler halten könnte, spricht Deutsch ohne die geringste Färbung von Mundart. Glasklar. Ein Reingeschmeckter? Ja und nein. Er kommt zwar aus dem Sauerland, aber da sein Vater ein Schwarzwälder war, fuhren die Happles jedes Wochenende die 470 Kilometer nach Titisee-Neustadt. Es muss wohl wunderschön gewesen sein, denn nachdem Hardy in Zürich und Basel als Architekt gearbeitet hatte, ging er in den Schwarzwald – und blieb. Sein Lebensthema: das Schwarzwaldhaus!

Schwarzwaldhäuser retten: Gegen Verfall und Vergessen

Mittlerweile sind bei ihm im Architekturbüro 14 Leute beschäftigt, die immer um die 60 Projekte am Laufen haben, von der Renovierung, Restaurierung und Planung bis hin zu angedachten Ideen, die noch gar nicht spruchreif sind. Lange Zeit wurde Hardy nicht für voll genommen. Warum sollte man ihn in die Architektenkammer aufnehmen? „Sie bauen doch nicht neu!“ Ja, das stimmt. Anfangs flog er unter dem Radar, dann waren „unsere kleinen Projektchen plötzlich im Fokus von den ganz Großen“, wie er sagt.

Architekten und Minister kamen, um sich anzuschauen, was für Gebäude dieser Schwarzwälder vor dem Verfall rettet. „Das hat jahrhundertelang unsere Identität und unsere Heimat geprägt. Wenn es weg ist, ist es halt weg“, sagt Hardy. Und weiter: „Andere bauen halt Flughäfen oder andere riesige Sachen und ich an vierhundert Jahre alten Holzhäusern.“ Für die Sanierung und Umnutzung des Gründlehofs in Hornberg bekam er gleich drei renommierte Architekturpreise.

Schwarzwaldhäuser erhalten: alter Charakter, neue Zwecke

„Leute, wollt ihr nicht das Haus retten?“ So oder so ähnlich fängt es meistens an, bevor es konkret wird. Da steht ein Wirtshaus an der Straße, das jemand gerne weghätte. Oder es gibt einen alten Kornspeicher, der im Weg steht. Oder das Bauernhaus, das seit 40 Jahren zusehends verwahrlost. Das besagte Bauernhaus steht heute proper auf dem Moosmättle oberhalb von Kirnbach und ist sein Wohnhaus geworden. Hier hatte er bis vor wenigen Jahren sein Büro, zu dem auch eine Schafsherde gehörte. So mussten die Architekten nicht nur über den Plänen sitzen, sondern auch nach den Schafen schauen. Der Getreidespeicher vis-à-vis des Schwarzwaldhauses dient heute als Seminarhaus und stammt aus dem Tal.

Die Geschichte geht so: Eines Tages rief ihn ein Denkmalschützer an und meinte, dass die Hofbesitzer den Getreidespeicher abreißen wollen. Ob er ihn haben will? Hardy: Ja! Normalerweise hätte er für ein weiteres Gebäude auf dem Grundstück keine Genehmigung bekommen, aber da es der Wunsch des Denkmalamts war, ging die Sache d’accord. Das Wirtshaus schließlich, das Hardy vor ein paar Jahren ebenfalls übernommen hat, ist die Krone, die vor 600 Jahren schon ein Gasthaus war. Auch hier drohte der Abriss.

Die Hotelzimmer aus den 70er-Jahren haben Hardy und sein Team stattdessen in Wohnungen verwandelt. In den Hotelbereich darüber und in die ehemalige Wirtewohnung über der Gaststube ist das Architekturbüro eingezogen. Die Wände wurden entfernt und ein neues Gebälk eingezogen. Die Arbeitsplätze sind luftig, hell und heimelig.

Heute hat die Krone dann geöffnet, wenn auch Hardy und seine Kollegen schaffen. Café und Bistro sind urbadisch, aufgeräumt und gemütlich. Statt Landschaftsbildern hängen gerahmte Fotos von Happles Projekten an den Wänden.

 

Wie ein Schwarzwaldhaus gebaut ist

Hardy ist ein Fan von der Idee und dem Prinzip des Schwarzwaldhauses. Er spricht von „form follows function“, also dass die Funktion die Form bestimmt. Die Lebenszykluskosten dieser „Ikonen in der Landschaft“ sind winzig im Vergleich zu anderen Wohnhäusern, die gerade 50 oder 100 Jahre Bestand haben. Ein Schwarzwaldhaus kann 400 oder 500 Jahre alt werden – oder älter. Zudem hat alles seinen Sinn und es ist perfekt an die Gegebenheiten der Landschaft angepasst.

Hardy erklärt, wie es dazu kam, dass das Schwarzwaldhaus so ist, wie es ist: So richtig besiedelt wurde das Mittelgebirge nämlich erst spät, manche Orte erst im 16. Jahrhundert urbar gemacht und besiedelt. Die Grundstücke wurden von den damaligen Landesherren (wie dem Haus Fürstenberg, den Straßburger Bischöfen und anderen) für ihre Untertanen in Handtücher von einer Talseite zur nächsten geschnitten. So bekam jeder, der sich im damaligen „Schwartz Waldt“ niederließ, ein Stück Wald, eine Quelle, eine Wiese, vielleicht eine Stücke Ebene, dann ein bissl Ufer und Bach.

Das Haus wurde in der Hanglage unterhalb des Quellhorizonts gebaut. Warum dort? Dann hat das Haus fließend Wasser aus der eigenen Quelle. Dank der Hanglage konnten die Bauern ihren Heuwagen einfach über eine Rampe (Hocheinfahrt) in die Tenne schieben und später das dort gelagerte Heu nach unten in den Stall werfen, das spart Kraft. Apropos Stall: Eigentlich besteht das Schwarzwaldhaus aus zwei Häusern, Stall und Wohnhaus. Happle zeigt an seiner Küche, wo das eine Haus endet und das andere beginnt. Dort, wo eigentlich ein Kuhstall wäre, ist heute unter anderem das Bad.

Hardys eigenes Schwarzwaldhaus

Irgendjemand musste vor langer Zeit auf die Idee gekommen sein, beide Häuser nebeneinander zu stellen und dann ein großes Dach darüberzubauen. So wurde aus zwei Häusern eines. Das berühmte Walmdach, das manchmal fast bis runter auf den Boden geht, schützt im Winter vor Schnee, im Sommer bei hohem Sonnenstand vor Hitze. Im Winter aber, wenn die Sonne tief steht, schaffen es die Sonnenstrahlen bis in die Stuben. An manchen Tagen musste dann gar nicht geheizt werden, so warm wurde es. Trotzdem gibt es Kachelöfen. Die Holzbauweise aus dem Schwarzwald sei neben der japanischen die höchstentwickelte der Welt, sagt Hardy Happle. In seinem Haus gibt es noch Türen, die ganz ohne Metall funktionieren. Auch die Bretter sind verzapft. Holz pur.

Der Architekt zeigt dabei auf die Sprossenfenster, die schon damals alle genormt waren und trotzdem so ausschauen, als wäre jedes ein Unikat. Aber wie schaut es drinnen aus? Damit es auch hier luftig und klar ist, ließ er Wände entfernen, mit Originalfarbe nachbessern oder neu lackieren. Jetzt hat man afghanische Teppiche und neues Parkett unter den Füßen. Alte Stoffbilder von der Oma dienen als Deko an den Wänden, hier stehen drei Kristallgläser und dort ein Kerzenständer, woanders eine Skulptur aus Südamerika. Hier und da hängen Bilder an der Wand. Es sind alte Ölbilder, abstrakte Kunst oder auch mal eine künstlerische Fotografie. Irgendwo liegt auch ein roter Bollenhut auf dem Schrank. „Das war der Bollenhut, der zum Haus gehörte“, erklärt Hardy. Bis in die 80er-Jahre hätten die jungen Frauen in Kirnbach ihre Bollenhüte bei der Konfirmation getragen, weiß er. Das findet er toll.

Vom Wohnzimmer schließt sich ein kleiner Raum an, dahinter ist ein weiterer Raum mit Schreibtisch. Eigentlich wäre hier kein Fenster, aber er hat eines einbauen lassen. So kann man nicht nur vom Flur über die Küche durchs Haus schauen, sondern auch vom Wohnzimmer ans andere Ende. Blick frei, Kopf frei.

Eine zeitgemäße Küche für das Schwarzwaldhaus

Die ehemalige Rauchküche schließt sich links an. Früher gab es im ganzen Haus keine Kamine. In der Küche wurde der Speck geräuchert, darum war über dem Rauchhorizont alles schwarz. Der durch das Gebälk abziehende Rauch sorgte dafür, dass es im Haus kein Ungeziefer gab. Wenn Hardy will, kann er hier wie zu Omas Zeiten auf dem Feuer kochen oder mit der portablen Induktionsplatte. Von der Küche geht eine Treppe hoch zu den verschiedenen Schlafzimmern. Im Garten vor dem Haus zwitschern die Vögel, zirpen die Zikaden und blöken die Schafe. „Da drüben ist schon Württemberg“, zeigt er auf eine Hütte am Waldsaum. Von dort weht der Schwabenwind rüber, wie man im Badischen zum rauen Ostwind sagt.

Das idyllische Leben im Schwarzwald

An diesem Tag scheint die Sonne wie bestellt. Dort, wo Hardy vielleicht mal morgens sitzt, ist es so grell erleuchtet wie in einem Fotostudio. Wenn es an besagter Ostseite zu heiß wird, dann könnte er zum Teich gehen oder zum Lindenbaum oder zum Eingang des Hauses, wo es auch eine schattige Bank gibt und der Brunnen mit Quellwasser sprudelt, das angeblich die gleiche Zusammensetzung hat wie das Wasser einer berühmten Biermarke. Ein Alpenblick vom Fohrenbühl ist nur einen Spaziergang entfernt. Er könnte aber hierbleiben, einen Blumenstrauß im eigenen Bauerngarten pflücken oder auf der Himmelsliege den Wolken nachschauen oder weiter in einem Buch lesen.

Will man da überhaupt noch weg? Der Vorbesitzer seines Hauses war so einer. Den zog es nirgendwohin, der blieb, erinnert sich Hardy. Happle ist aber aus anderem Holz geschnitzt. „Wenn ich eine Weile hier bin, dann bekomme ich so viele Inspirationen für die Arbeit, dass ich wieder wegmuss.“ Natürlich kommt er immer wieder in seinen geliebten Schwarzwald zurück …

Krone Kirnbach: Das Architektur-Café

Hardy Happles Büro befindet sich in der Krone Kirnbach, Talstraße 12. Das Architektur-Cafe hat Montag bis Freitag von 11 bis 17.30 Uhr geöffnet.

Zur Krone Kirnbach!

#heimat Schwarzwald Ausgabe 54 (3/2026)

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