Hotel 48°Nord: Der schlichte Luxus

Das unkonventionelle Landscape Hotel 48° Nord im französischen Breitenbach bringt Architektur und Ökologie zusammen: für modernes Abschalten in den Vogesen.

Text: Uwe Baumann

Hygge im Hotel 48°Nord

Das ist dann wohl der Million-Dollar-View. Wir stoßen an und lassen den Blick in die Ferne schweifen, während konstant wohlig-warmes Wasser gegen unsere Rücken in den Hot Tub strömt. Außer dem leisen Gurgeln des skandinavischen Badefasses hören wir nur Vogelgezwitscher und Rauschen in den Bäumen. Die Sicht reicht weit hinaus aus den Vogesen: durch das Tal von Villé in die Rheinebene und bis zum Kaiserstuhl. So geht Luxus im Hotel 48°Nord im elsässischen Breitenbach.

Fast unwirklich, dass wir vor knapp zwei Stunden noch in Straßburg waren. Dort kennen viele meiner Freunde das Hotel, wollen unbedingt auch hin, oder schwärmen schon von ihrer Auszeit dort. Unser Ausklinken begann direkt beim Einzug in das hölzerne Häuschen, die sogenannte Hytte. Ihr Design ist reduziert, beinahe clean und dennoch heimelig. Hygge, das dänische Konzept von der Gemütlichkeit drinnen, stand Pate bei der Ausgestaltung der kleinen Häuser, die außer einer Küche alles haben. Die Architektur beruhigt den Geist, das Fehlen von Bildschirmen und Lautsprechern erledigt den Rest.

Ein nachhaltiges Landschaftshotel im Schutzgebiet

Eine Oase in bester Lage: „Wie in Arkadien“, schwärmt Hotel-Inhaber Emil Leroy-Jönsson über das hügelige Panorama. Der Landschaftsarchitekt hatte den Platz bei einer Wanderung entdeckt und war verzaubert. Das war auch die Gemeinde Breitenbach, als Leroy-Jönsson seine Vison von einem nachhaltigkeitsorientierten Landschaftshotel vorstellte. Der ökologisch-bewusste Ort mit vegetarischem Bürgermeister – erwähnenswerter Fakt im Elsass – gab viel Vertrauensvorschuss für das Experiment des Landscape Hotel 48° Nord auf dem namensgebenden Breitengrad. Und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Erste Besonderheit: Die Fläche ist Erbpacht. Das Hotel steht gewissermaßen nur „geduldet“ mitten in einem Schutzgebiet des EU-weiten Netzes Natura 2000. Auf diese Bedingungen geht die Architektur ein: kein großer Fremdkörper, sondern ein Unikat aus zwei Welten, geprägt von Leroy-Jönssons Wurzeln in Dänemark und Frankreich. Das Ergebnis sind 14 Hytten in vier verschiedenen Bautypen, die sich oberhalb des Empfangsgebäudes an den Hang schmiegen.

14 asymmetrische "Hytten" aus Kastanienholz von Architekt Reiulf Ramstad

Die Hytten sind aus robustem Kastanienholz gefertigt, aus Bäumen aus direkter Umgebung. Im Falle eines Falles leicht demontierbar. „Aber das dauert hoffentlich noch lange“, scherzt Leroy-Jönsson. Für ihr Design arbeitete er mit dem norwegischen Architekten Reiulf Ramstad zusammen. Warum gerade ein Norweger? „Dänen planen für Städte und Dörfer, Norweger sind es gewohnt, in der Natur zu bauen“, sagt er rückblickend. In jedem Fall konnte Ramstad das Hütten-Feeling ins Elsass übersetzen, das Leroy-Jönsson auf Wandertouren in Lappland erlebt hatte.

Die asymmetrischen Hytten verschwinden nahezu in der Natur. Bei Eröffnung noch strahlend hell, hat das Holz inzwischen nachgedunkelt – wie bei urigen Berghütten eben. Ein junges Paar aus Frankfurt ist gerade wegen dieser einmaligen Architektur angereist: „Es stand auf unserer Bucket List, seit wir Bilder auf Instagram gesehen haben“. Sie hält sich derweil den schwangeren Bauch. Es ist die Erholung, die sich beide gewünscht haben. Insgesamt wirken die Gäste wie die verschworene Gemeinschaft einer eigenen Welt. Wissende Blicke werden ausgetauscht: Man ist angekommen. Riesenhafte Wellness-Bereiche braucht es für diese Zufriedenheit nicht.

Der Natur ganz nah – im Hotel 48°Nord

Statt Schönheitspflege gibt es Massagen mit hausgemachten Ölen. „Die Gäste sind sehr entspannt“, sagt Emil Leroy-Jönsson, der uns schnell das Du anbietet. Ein bestimmter Schlag Menschen werde von seinem Hotel angezogen. Ganz skandinavisch verzichtet er deshalb weitgehend auf Überwachung. Passiert sei nie etwas.
Im Elsass trägt noch ein weiteres Ziel die Handschrift des Architekten-Duos Leroy-Jönsson und Ramstad: der Chemin des Carrières, der Steinbruchpfad. Entlang einer stillgelegten Bahnlinie zwischen Rosheim und St. Nabor haben sie durch bauliche Interventionen eine Erlebnis-Landschaft mit historischem Bezug geschaffen. Neben den nahen Elsass-Klassikern wie dem Mont-Sainte-Odile oder der Route du Vin ist er unbedingt einen Ausflug wert. E-Mountainbikes können hierfür im Hotel geliehen werden – vorausgesetzt, man möchte seine Hytte überhaupt verlassen.

Ich verspüre zunächst nicht den Drang. Wie ein Eichhörnchen im Kobel sitze ich nach dem Saunagang im Bett und schaue durch das riesige Fenster in die Landschaft. Natur aus sicherer Distanz, schön eingerahmt zum Landleben-Spielen für stressgeplagte Städter, ist das alles trotzdem nicht. Man ist mit allen Sinnen mittendrin in Emils „Labor der Nachhaltigkeit“. Auch der weitläufige Küchengarten mit seinen duftenden Kräutern gehört zum Versuchsaufbau. Beim Spazieren treffen wir dort auf Camille, die gerade Spinat fürs Abendessen erntet. Sie lässt uns ein paar zuckersüße Erdbeeren probieren, dann muss sie sich um die Schafe kümmern, die in der Nähe grasen. Diese gehören nicht zum Hotel, sondern zu einem Hof in der Nachbarschaft: Zulieferer mit ökologischem Anbau wie die meisten Betriebe der Umgebung.

Wie ein Hotel den ökologischen Fußabdruck reduziert

Fast ausschließlich werden für die Küche Produkte aus einem Radius von 48 km um das Hotel bezogen. Vom Konzept berichtet Emil bei einem Glas Wein – natürlich aus der Gegend. Über die positiven Effekte des lokalen Einkaufs für Natur und Wirtschaft in der Region spricht er gerne und malt sich lebhaft die Veränderungen aus, wenn mehr Betriebe ähnlich handeln würden.

Insgesamt ist die Optimierung des ökologischen Fußabdrucks seines Hauses für Emil und sein Team eine Herzensangelegenheit. Deshalb findet man am Frühstücksbuffet auch French Toast aus Brot vom Vortag und im Winter wenig Obst. „Wir sind ein bisschen anders“, wiederholt der Inhaber immer wieder. Er freut sich, wenn dies inspiriert, dennoch will er keinen Zeigefinger erheben. Er weiß, wie schwer es viele Gastronomiebetriebe haben.

Der jüngste Versuch des Weinliebhabers findet unter der Erde statt: Stolz zeigt uns seine vinophile Mitarbeiterin Jeanne die mehr als 400 eingelagerten Weine des Chefs. Versteckt im Hügel können sie reifen – bei elsässischem Wein eine absolute Seltenheit. „Wo du gut trinkst, isst du auch gut“ ist Emils Philosophie, die durch den 48-km-Radius keineswegs beschränkt wird.

Ein grüner Michelin-Stern für Küchenchef Julien Schaffhauser

Dafür sorgt der Anfang dreißigjährige Küchenchef Julien Schaffhauser. An die neuen Verhältnisse musste sich der erst einmal gewöhnen. „Die Winter in den Vogesen sind lang“, sagt er in Bezug auf die saisonale Verfügbarkeit von Zutaten: schwierig, aber für den Koch eine Herausforderung, die ihn um die Ecke denken lässt. Sein Können brachte dem hoteleigenen Restaurant NYD im Frühjahr einen grünen Michelin-Stern.

Schaffhauser selbst gibt sich bescheiden und erklärt, wie er von Omas Küche inspiriert sei. Die Gänge lässt er in kleinen Portionen servieren, die am Tisch geteilt werden. Austausch und gemeinsamer Genuss stehen für ihn an erster Stelle. Seine Kreationen schöpfen das Potenzial von verfügbarem Fleisch und Gemüse voll aus, sind raffiniert und überraschend. Karamellisierter Fenchel mit Erdbeeren zum Beispiel: eine Geschmacksexplosion. Das Menu Surprise in fünf Gängen für 89 Euro, das der Küchenchef zusammenstellt, war unser absolutes Highlight. Es gehört definitiv zum Erlebnis dieser Hüttenauszeit dazu. Wie lange die dauern sollte, will ich noch von Emil wissen: „48 Stunden auf jeden Fall“, grinst er. „Das ist das Minimum, um anzukommen und richtig abzuschalten“.

Eine Auszeit im 48°Nord

Skandinavische Gemütlichkeit trifft beim Hotel 48° Nord auf elsässischen Weitblick: Die Hütten aus Kastanienholz schmiegen sich an den Hang über Breitenbach und holen die Natur durch die Fensterfronten nach drinnen. Das Design entstand in Zusammenarbeit mit dem Norweger Reiulf Ramstad.

Die Hytten sind perfekt für eine Auszeit zu zweit. Unter der Woche gibt es zusätzliche Rabatte. Mehr Informationen beim Landscape Hotel 48°Nord.

#heimat Schwarzwald Ausgabe 54 (3/2026)

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