Neckarline: Brückenbauer Günter Eberhardt im Interview

Brückenbauer Günter Eberhardt kämpfte zehn Jahre für seine Neckarline in Rottweil. Ein Interview auf der längsten Hängebrücke im ganzen Länd ...

Text: Uwe Baumann · Fotos: Jigal Fichtner

Neckaline: Die längste Hängebrücke Baden-Württembergs

Für diesen Nervenkitzel war viel Tauziehen nötig: Zehn Jahre hat Günter Eberhardt gerungen, um seinen Traum von der Neckarline wahrzumachen. Seit April verbindet die längste Hängebrücke Baden-Württembergs Rottweils Aufzug-Testturm mit der historischen Altstadt – erdacht und finanziert von dem umtriebigen Schwaben, der als Maurermeister einen Familienbetrieb für Bewehrungsbau hochgezogen hat. Er mischt bei Frankfurter Wolkenkratzern und algerischen Moscheen mit und hat abenteuerliche Hängebrücken wie die Wildline in Bad Wildbad oder die Blackforestline in Todtnau realisiert. Was treibt den Brückenbauer an? Sechzig Meter über dem Neckartal hat uns Günter Eberhardt mehr über seine Passion verraten – und was seine Attraktionen so besonders macht.

Herr Eberhardt, das schwankt ganz schön. Geht es bei Ihren Brücken um Nervenkitzel und Adrenalin?

Also ein bisschen schwingen soll sie ja. Als ich das erste Mal über eine Hängebrücke gegangen bin, habe ich auch Angst gehabt. Man ist megastolz, wenn man es rübergeschafft hat. Aber der Nervenkitzel ist nicht das Entscheidende. Eine Brücke hat eine Symbolik. Zwischen Menschen kann man Brücken bauen, manchmal muss man das sogar. Man kann mit Hängebrücken eine andere Perspektive auf die Natur erschließen. In Todtnau schaut man von der Brücke auf den Wasserfall – barrierearm wie alle meine Brücken. Es ist doch einmalig, wenn jemand im Rollstuhl diesen Blick erleben kann.

Wie kam es dazu, dass Sie Hängebrücken bauen?

Brückenbau ist ein bisschen ein Hobby von mir. Manche meinen, der baut Brücken, weil er vielleicht zu viel Geld hat. Ist aber tatsächlich nicht so. Mir macht das Spaß, weil es spannende Projekte sind. Man muss erst mal einen Standort finden – und da gibt es gar nicht so viele, die bezüglich Länge und Attraktivität funktionieren. Aber eigentlich bin ich über Umwege zu den Hängebrücken gekommen. Wir haben seit 1993 einen Bewehrungsbau in Riedlingen und Schömberg, ganz in der Nähe. In Rottweil bauten wir die Sparkasse, dann ging es nach Berlin: das Sony Center am Potsdamer Platz. Später haben wir uns auf den Gleitbau spezialisiert. Da wird rund um die Uhr betoniert und Eisen eingebaut, auch am Wochenende. So realisiert man hohe Gebäude wie Getreide- oder Zementsilos, oder eben den Testturm hier.

Der Elevator-Testturm in Rottweil?

Ja. Im Turm testet TK Elevator Aufzüge mit Magnettechnik – ohne Seile. Der Gemeinderat hat das unter der Bedingung genehmigt, dass es oben eine Aussichtsplattform gibt. Seit ihrer Eröffnung 2017 ist es die höchste in Deutschland. Wir haben dort sechs Monate gebaut, rund um die Uhr – unser bis dahin schwierigstes Projekt. Ich hatte wirklich Angst, meine Firma zu versenken. Und weil ich immer auf der Baustelle war, lernte ich viele Leute aus der Stadt kennen. Da war ein Architekt, Herr Bürk. Mit ihm entstand die Frage, wie Besucher der Aussichtsplattform in die Innenstadt kommen. Der Turm steht auf der anderen Seite des Neckartals. Zuerst dachte man an eine Seilbahn – die hat aber hohe Wartungskosten. Dann kam uns die Idee mit der Hängebrücke. Wir sind nach Reutte in Tirol gefahren und haben eine Brücke angeschaut. Und dann sind wir blauäugig rangegangen und gesagt: Okay, wir bauen sowas hier auch.

Aber so leicht war es dann nicht?

Es war ein langer Prozess: zehn Jahre. Viel Durchhaltevermögen. Manche in der Firma oder in der Familie haben das Projekt nicht unterstützt. Es kam dann auch Stimmung gegen die Brücke in Rottweil auf. Und die Gegner waren sehr laut. Manche wollten das Stadtbild schützen – was ja auch gut ist. Der ehemalige Stadtarchivar, Dr. Winfried Hecht, hat direkt am Bockshof gewohnt, wo die Brücke heute in die Stadt führt. Er gründete eine Initiative gegen die Brücke. Schließlich kam es zum Bürgerentscheid. Wir betrieben sogar Wahlkampf – völlig neu für uns als Baufirma. Und dann gab es 72 Prozent Zustimmung dafür, dass wir die Brücke weiterplanen. Als wir später für die Fundamente eine alte Eiche am Bockshof fällen mussten, bat mich der Stadtarchivar, aus dem Holz eine Figur des Heiligen Johannes Nepomuk zu schaffen, des Brückenpatrons. Winfried Hecht ist leider im Herbst vergangenen Jahres gestorben und hat die Eröffnung der Neckarline nicht mehr erlebt. Aber ich habe mein Versprechen gehalten und die Figur des Nepomuks steht nun am Eingang auf der Stadtseite.

Was hat es mit der Brückenform auf sich?

Wir haben 18 Varianten entwickelt, bis wir den finalen Entwurf fanden. Die Brücke sollte nicht über Privatgrundstücke führen, dann der Denkmalschutz – in Rottweil als ältester Stadt Baden-Württembergs, ein Riesenthema. Zwei Stützpfeiler gingen aus Naturschutzgründen nicht. Dazu die schwierigen geologischen Verhältnisse hier. Schließlich haben wir die Konstruktion komplett neu gedacht und den 60 Meter hohen Pylon entwickelt, der die Brücke stützt. Mit einem Modell der Golden Gate Bridge bin ich zum Konstrukteur – aber auch das haben wir wieder verworfen. Also bin ich nach Singapur und habe geguckt, wie echter Bambus wächst – die Konstruktion ist von der Natur inspiriert. Durch den Pylon konnten wir etwas Besonderes realisieren: den Bogen, diese S-Kurve. Die Form entsteht durch die Länge der senkrechten Seile. So eine Konstruktion gibt es nirgendwo auf der Welt.

Wie kam es zu den anderen Hängebrücken?

Als sich das Projekt in Rottweil verzögerte, war ich vielleicht ein bisschen ungeduldig. Ich wollte ausprobieren, ob es funktioniert, eine Hängebrücke zu bauen und mit Eintrittsgeldern zu refinanzieren. So kam es 2018 zur Eröffnung der Wildline in Bad Wildbad. Die Kurstadt musste sich neu erfinden und man war sehr offen für meine Idee. Eine Stadt, die früher Glanz und Gloria hatte, wiederzubeleben – da kann man mit einer Brücke sehr viel auslösen. Der Besucherstrom ist seither praktisch gleichmäßig, auch in Todtnau, dem danach realisierten Projekt. Bisher läuft es tipptopp. Man merkt, dass die Brücken einen Stein ins Rollen bringen. Rottweil wird mit ihr die Landesgartenschau austragen. Gerade wird hier auch ein Kapuzinerkloster zum Hotel umgebaut, das jahrelang leerstand. Da muss einer einfach Mumm haben und was umsetzen. Dann getrauen sich auch andere. Sowas trag ich gern mit.

Was hat Ihre Leidenschaft für Brücken ausgelöst?

Mein Vater hat ab 1975 an der Neckarburgbrücke der A81 mitgebaut. Ich war mit meinem Bruder zwei Wochen in den Sommerferien an der Brückenbaustelle – mit neun. Wir sind damals nicht nach Italien gefahren, man hat Urlaub bei der Verwandtschaft gemacht oder eben auf der Baustelle. Heute wäre das undenkbar. Wir haben unten am Neckar auf einer Kiesbank gespielt, Schiffchen fahren lassen, abends gegrillt und auf der Baustelle geschlafen. Dennoch hab ich die Brücke aus dem Gedächtnis verloren. Als wir den Testturm in Rottweil hochgezogen haben, habe ich sie von dort oben aus wiederentdeckt. Plötzlich sah ich sie aus dem Wald aufragen – ein imposantes Bauwerk mit dieser tollen Bogenform! Und die schöne Erinnerung war wieder da. Ein bisschen hat sich die Geschichte auch wiederholt: Mein Sohn war vom ersten bis zum letzten Tag auf der Baustelle der Neckarline dabei.

Ist die nächste Brücke schon in Planung?

In Boppard am Rhein, das ist so zehn Kilometer von der Loreley entfernt, wo wir auch mal bauen wollten. Im Vorbeifahren habe ich dann bei Boppard einen Sessellift gesehen, bin hoch, habe das erkundet und der Bopparder Hamm wird jetzt tatsächlich unser nächster Standort – mit spektakulärem Blick auf die große Rheinschleife. Wir haben zwar noch keine schriftliche Genehmigung, aber die Aussage, dass wir dort bauen dürfen. Auch ein sehr besonderer Ort!

Ausflug zur Neckarline

Ihr wollt selbst die Hängebrücke überqueren? Mehr Informationen zu den Öffnungszeiten und Preisen findet Ihr bei neckarline.de

#heimat Schwarzwald Ausgabe 54 (3/2026)

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