Gleitschirmfliegen im Schwarzwald: Tandemflug am Kandel

Gleitschirmfliegen im Schwarzwald – besser kann man einen Sommersonntag kaum genießen. Auf dem Kandel gibt es Tandempiloten und Mitfluggelegenheiten für jedermann: von ganz sportlich bis sehr gechillt …

Text: Kübra Karakus, Ulf Tietge · Fotos: Pascal Oertel

Tandemflug im Schwarzwald: Vorbereitung und Sicherheit

Heute heben wir ab. Auf halb neun sind wir mit Torsten Kleint und Kalle Hüglin verabredet, beides Gleitschirm-Piloten mit Tandemausrüstung. Bei besten Bedingungen! Der Himmel ist blau, die Morgensonne wärmt und ein laues Lüftchen weht in der herrlich heilen Welt des Freiburger Hinterlands: So geht Sonntagsausflug, wenn man das mit dem Flug wörtlich nehmen will! Kübra kann es seit Tagen kaum erwarten, wie ein Vogel über den Schwarzwald zu schweben – mir dagegen ist noch ein bisschen flau im Magen. Denn bis gestern Abend wusste ich noch gar nicht, dass wir heute gleich zwei Piloten treffen und ich auch fliegen darf. Nicht dass ich Flugangst hätte oder so … aber ein bisschen Respekt dann doch. Sich den Kandel hinunterstürzen? Ohne Motor, ohne Knautschzone, dafür mit einer Art Lenkdrachen über dem Kopf – ob das gut geht?

Unser Abenteuer beginnt sehr deutsch mit einem Formular. Name drauf, Datum drunter, Unterschrift: Wahrscheinlich verzichten wir mit diesem Stück Papier auf irgendwelche Rechtsmittel, wenn wir mit unserem Gleitschirmpiloten in die Büsche brettern. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür: die ist verschwindend gering. „Ich fliege jetzt seit mehr als 40 Jahren“, sagt Kalle Hüglin, 62, der seine Kinder schon mit gerade mal drei Jahren dabeihatte – aber auch Omas jenseits der 90. Kalle ist einer der erfahrenen Gleitschirm-Pioniere hier oben auf dem Startplatz Kandel-West, breitet gerade sorgsam seinen rot-gelben Gleitschirm auf der Wiese aus und checkt noch einmal die dünnen Tragschnüre aus Aramid. „Jedes einzelne davon würde uns tragen“, beantwortet er meinen skeptischen Blick auf die kaum zwei Millimeter dicken Schnüre. „Bis hier etwas reißt, müssten wir mehr als zwei Tonnen dranbinden.“

Nun, das kriegen wir nicht zusammen. Aber zweimal zwei Zentner – das bringen wir dann doch auf die Waage. Und damit sollen wir wie Greifvögel nach Aufwinden suchen können? So ganz überzeugt bin davon noch nicht, aber Kalles Zuversicht ist dann doch ansteckend. Außerdem müssen wir jetzt den Start üben. „Du läufst“, sagt Kalle. „Denn du hast die längeren Beine.“ Einfach nach vorn ins Gurtzeug legen wie ein Zugpferd, dann rennen, bis kein Boden mehr da ist. Aber wie weit genau? „Das ist egal“, sagt Kalle. „Wahrscheinlich sind wir nach fünf Schritten schon in der Luft, wenn du so Gas gibst!“ Und wenn nicht? „Dann landen wir in den Büschen da vorn – aber das ist mir noch nie passiert.“

In diesem Moment heben auch schon Kübra und Torsten ab. Kurzer Anlauf in Richtung Berghang, dann schnappt sich der Wind meine Freundin und ihren Piloten und die beiden gleiten lautlos davon. Ob wir das auch so elegant hinkriegen?

Thermik beim Gleitschirmfliegen: So bleibt ihr länger in der Luft

Mit dem passenden Gleitschirm am Rücken sind auch 10 oder 20 Kilo mehr kein Problem – erzählt mir Kalle noch, während wir auf Wind aus der richtigen Richtung warten. Von vorn wär gut, wie beim Skispringen. „Jetzt!“, sagt Kalle in diesem Moment. „Lauf los!“ Mach ich! Ein Schritt, zwei, drei – den vierten krieg ich schon gar nicht mehr auf den Boden. Fliegen wir? Tatsächlich! Das ist ja ganz anders als im Flugzeug, viel gechillter, viel sanfter! Also lehn ich mich zurück in diese überraschend bequeme Mischung aus Sitzsack und Steuergestänge und lass den Blick schweifen. Wir schweben langsam über die ersten Baumwipfel hinweg, lassen den Kandel hinter uns und genießen die Aussicht. Irgendwo dahinten ist der Kaiserstuhl, da vorn schrauben sich zwei Bussarde auf einem warmen Luftstrom in den Himmel, und genau da will Kalle jetzt auch hin.

Wir suchen Thermik. Warme Aufwinde, mit denen wir Höhe gewinnen können, um länger durch die Luft zu gleiten. An perfekten Tagen kann man das stundenlang machen, kann vom Kandel bis fast nach Karlsruhe und wieder zurück – aber für heute ist erst mal das Glottertal unser Ziel. Wenn wir nach zehn Kilometern schon wieder landen, sprechen die Gleitschirmflieger spöttisch von einem Plumpsflug.

Um das zu verhindern, sucht Kalle nach Aufwind. Da vorn brezelt die Sonne auf einen Kletterfelsen, da müsste doch was gehen, oder? Jep! Wir gewinnen wieder an Höhe und der Variometer fängt an zu piepsen, das ist das Zeichen für Steigflug. „Der funktioniert wie ein Navi“, sagt Kalle. „Früher haben wir uns Landkarten auf die Oberschenkel geklebt und uns nur an den Vögeln orientiert.“ Mit den Variometern aber lässt sich die Luft regelrecht lesen. Wo kommt der Wind her? Geht’s aufwärts oder sinken wir? Mit welchem Tempo sind wir unterwegs? „48 Stundenkilometer“, sagt Kalle. „Das ist gemütlich.“ Bei Wettkämpfen oder mit mehr Wind sind die Gleitschirmflieger auch mal mit 70 Klamotten unterwegs – dann werden die Kurven steiler, die G-Kräfte größer und manchmal meldet sich dann auch der Magen.

Gleitschirmfliegen lernen: Vom Schnupperkurs bis zur Lizenz

Bei Kalle und mir aber bleibt’s gemütlich. Wie in einem Kettenkarussell schweben wir über Berg und Tal – und das mit einem wunderbaren Gefühl von Sicherheit. Keine Höhenangst, kein Durchsacken, kein Schwindel oder so – ganz im Gegenteil: Es ist einfach nur herrlich entspannend, diesen Panorama-Flug über den Schwarzwald zu genießen.

Ist es schwer, das auch zu lernen? Also nicht nur im Tandem mitzufliegen, sondern selbst Pilot zu werden? „Das kann jeder“, hat vorhin Torsten Kleint erzählt, der als Gleitschirmpilot, alpiner Bergführer und Speaker jedes Jahr Menschen dabei hilft, ihre eigenen Grenzen zu verschieben. Mehr Selbstbewusstsein, neue Energie, ganz viel Klarheit: Coach Torsten hilft Menschen dabei, über sich selbst hinauszuwachsen – weil er selbst das auch schon geschafft hat. Er war SEK-Beamter, landete nach einem Unfall im Rollstuhl, hat sich zurück ins Leben gekämpft und ist heute einer, der in den Alpen wieder die ganz steilen Grate begeht.

Auf dem Kandel gibt es Angebote für Schnupperkurse und eine Ausbildungsstation mit Winde, so absolviert man schon nach ein paar Tagen genug Starts und Landungen, um erst einen L-Schein und dann die A-Lizenz zu machen. Mit genug Flugstunden kann man auch die B-Lizenz machen und ist dann gerüstet für Streckenflüge ohne Limit. Einfach losfliegen, irgendwo auf einer Wiese landen – frei wie ein Vogel. Traumhaft ...

Landung nach dem Gleitschirmflug am Kandel

Kalle holt mich ins Hier und Jetzt zurück. „Wir landen gleich, mach dich bereit“, sagt er und nimmt Kurs auf die Wiese am Heimeck. Also Beine hoch, denn mangels Fahrwerk landen wir mit dem Hintern voraus. Wer solo fliegt, landet auf den Füßen, aber wir zwei gehen lieber auf Nummer sicher. In diesem Moment schießen wir auch schon durch eine Reihe frisch gemähten Heus, rutschen noch einen Moment weiter, dann klappt hinter uns der Schirm zusammen und die Erde hat uns wieder. Wow!

„Gleich noch mal?“, fragt Torsten, der seinen Gleitschirm schon wieder beisammen hat. Sehr gern, denke ich, überlasse meinen Platz dann aber doch unserem Fotografen Pascal, der privat so gern Motorrad fährt und nun mit Torsten in der Luft Gas gibt. Der Wind hat aufgefrischt, die Thermik ist voll da – und so schauen wir staunend zu, wie Torsten und Pascal enge Schrauben fliegen, sich immer wieder von warmen Winden hochziehen lassen, um dann gleich wieder in Richtung Tal zu schießen. Auch so kann man einen Gleitschirm fliegen und wir hören Pascal voller Freude jauchzen. Da hat wohl jemand Feuer gefangen…

Gleitschirmfliegen: So könnt ihr starten

Schulen und Fluggebiete für Drachenflieger und Gleitschirmpiloten gibt es überall in Deutschland – in den Bergen der Alpen, den Hügeln der Mittelgebirge und im Flachland mithilfe einer Schleppwinde. Eine gründliche Ausbildung zur staatlichen Pilotenlizenz in einer der rund 130 behördlich zugelassenen Flugschulen und strenge Zulassungstests für die Flugausrüstung garantieren einen hohen Sicherheitsstandard.

Mehr Infos zum Sport gibt es beim Deutschen Gleitschirm- und Drachenflugverband e.V., dem Fachverband der Gleitschirm- und Drachenflieger in Deutschland.

Ein guter Gleitschirm mit Zubehör kostet um die 5000 Euro – aber wer einfach nur mal wie ein Bussard über den Schwarzwald gleiten will, kann auch für um die 150 Euro einen Tandemflug buchen. Bei Piloten wie Torsten Kleint gibt es dabei unterschiedliche Angebote – vom ganz gediegenen Panorama-Flug bis zum Adrenalin-Kick mit viel Thermik.

Die Adressen vieler Piloten finden sich auf der Website vom DGFC, der auch den Flugplatz auf dem Kandel unterhält: den Startplatz auf dem Berg, die Landewiese Heimeck und den Shuttlebus wieder den Berg hoch …

#heimat Schwarzwald Ausgabe 54 (3/2026)

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