Gravelbiken im Schwarzwald: Seen, Sonne und Hofromantik

Der Hochschwarzwald hat für Gravelbiker mehr zu bieten als nur Höhenmeter. Wir starten bei Hinterzarten in eine Rundtour voller Sonne, Seen, Hofromantik und Hochgefühlen ...

 

Text: Jannik Jürgens Fotos: Rémi Vroonen

Der Hitze davonfahren – mit dem Gravelbike

Über dem Häuslebauernhof vor dem Feldberg türmen sich Gewitterwolken auf. Oben sehen sie aus wie Blumenkohl, rund und leuchtend weiß, doch unten schimmern sie blau und schwarz, ein untrügliches Zeichen für einen bevorstehenden Schauer. Wir trinken das Radler aus, das wir uns am Getränkebrunnen genehmigt haben, springen auf die Gravelbikes und sprinten Richtung Fürsatzhöhe. Bloß weg vom drohenden Gewitter.

Fotograf Rémy und ich haben heute die schwüle Rheinebene hinter uns gelassen, um im Hochschwarzwald Höhe zu machen – und uns abzukühlen. Von Freiburg aus sind wir mit der Höllentalbahn nach Hinterzarten gefahren. Die Räder fanden bequem Platz, und dann haben wir unsere Gravel-Tour gestartet. Dabei wollen wir die schönsten Seen des Hochschwarzwaldes besuchen und in manchen davon auch schwimmen gehen. Ganz einfach geht das, wenn man der Tour Seenreicher Gravelgenuss folgt – knapp 40 Kilometer und 791 Höhenmeter liegen vor uns. Schnell die GPS-Daten auf das Smartphone geladen; ab dem Bahnhof Hinterzarten folgen wir erst einmal der gelb-blauen Radbeschilderung – es kann losgehen!

Mit einem Gewitter haben wir nicht gerechnet. Regenjacken haben wir auch nicht dabei. Doch fürs Erste scheint die Gefahr gebannt. Die dunklen Wolken hängen wie festgetackert auf der Hochebene und auf unseren Rädern entfernen wir uns Meter für Meter von ihnen. Bevor wir den ersten See des Tages erreichen, sind schon einige urige Schwarzwaldhöfe zu sehen. Den Menschen, die hier leben und arbeiten, ist es zu verdanken, dass die Landschaft im Hochschwarzwald so offen und abwechslungsreich ist. Noch ein Bonus: An vielen Höfen kann man sich mit kühlen Getränken oder einem Vesper aus regionalen Produkten versorgen.

Gleich am Ortsrand von Hinterzarten, an einem steilen Anstieg, treffen wir bei einem ersten Stopp auf Wolfram Tritschler. Er bewirtschaftet zusammen mit seiner Frau Boba und fünf Kindern den Kesslerhof. Tritschlers Gesicht ist vom Wetter gegerbt. Eigentlich will er schnell zu den Schafen, doch dann nimmt er sich Zeit für einen kleinen Plausch. Er erzählt von den drei Kälbern, die neugierig ihre Köpfe durchs Gatter stecken. Sie heißen Joshi, Milla und Ella. Und Ella hat eine besondere Geschichte: Nach ihrer Geburt am 14. April 2025 wollte Ella nicht aufstehen. Sieben Tage lang lag sie auf dem Boden. Tritschler hatte bereits den Tierarzt gerufen, um das Kalb einschläfern zu lassen. Doch just am Ostermontag stand Ella plötzlich auf. Die Auferstehung zu Ostern – ein kleines Kuhwunder ...

Hofgenuss im Schwarzwald: Käse aus der Region

Wir lassen Tritschler zu seinen Schafen weiterziehen. Am Automaten könnten wir uns zur Stärkung vor der Weiterfahrt noch Heumilch zapfen. Doch wir haben kein Kleingeld dabei. Beim nächsten Mal werden wir daran denken. Über eine schmale Straße gelangt man zum nächsten Bauernhof, dem Mathislehof der Familie Lützow. Im Verkaufsraum steht eine Theke mit Hartkäse, Schnittkäse, Weichkäse und Frischkäse.

Alle Käsesorten sind zu empfehlen, insbesondere aber der zwölf Monate gereifte Vorderwälder Alt. Die Verkäuferin erklärt uns nebenbei, warum die Käseproduktion im Hochschwarzwald selten ist. Früher herrschte Realteilung. Die Höfe wurden im Erbfall aufgeteilt. Was zwar gerecht war, jedoch auch dazu führte, dass landwirtschaftliche Flächen immer kleiner wurden. Für die Käseproduktion braucht man jedoch viele Kühe und entsprechend große Flächen.

Gravelbiken und Baden am Mathisleweiher

Den Mathislehof gibt es seit 1708. Hier ziehen 14 Milchkühe als Ammenkühe Kälber auf. Wir verlassen den Hofladen und schwingen uns auf die Räder. Nach einer kurzen Abfahrt beginnt die Schotterstrecke. Am Wegesrand liegen Baumstämme, der Waldboden ist mit Moos bedeckt. Ein paar Minuten weiter erreichen wir den Mathisleweiher, einen der kleineren und eher unbekannten Seen im Hochschwarzwald. Zu Unrecht! Er liegt zwischen Tannen- und Fichtenwäldern, Felsen säumen sein Ufer, wo auch Schilf wächst. Man erreicht ihn nur zu Fuß oder mit dem Rad. Ein Geheimtipp.

Das Wasser ist kühl, vor allem, wenn man in die Mitte des Weihers schwimmt. Ich lege mich auf den Rücken, halte die Luft an und lasse mich treiben. Wie tief ist der Weiher wohl? Zieht vielleicht ein Wels unter mir seine Kreise? Falls ja, lasse ich ihn in Ruhe und er mich auch. Eine Libelle surrt vorbei und ich würde gerne länger bleiben. Doch wir haben noch andere Seen auf dem Programm.

Mit und ohne Motor durch den Hochschwarzwald

Das Wasser hat den Schweiß vom Körper gespült, die Haut fühlt sich weich an. Als wir am Ufer trocknen, halten drei ältere Damen mit ihren E-Bikes an. Sie setzen sich auf eine Bank und beraten, wie es weitergeht. Der Emil-Thoma-Weg mit dem E-Bike? „Kein Problem“, sagt die eine. Viel zu heiß in der Sonne, sagt die andere. Dann müsse man wieder fahren, der Wind kühle ab, sagt die dritte. Rémy schlägt ihnen vor, in den Weiher zu springen. In Fahrradklamotten? Die drei lachen nur. Bevor sie losfahren, erzählt die älteste Dame, dass sie bis zum 76. Geburtstag ohne Motor Rad gefahren sei. Das E-Bike hat sie sich redlich verdient.

Hinter dem Weiher fahren wir durch einen Heidelbeerwald. Spinnennetze glitzern in der Sonne, Moose und Beeren bilden ein Bett, in das ich mich am liebsten reinlegen möchte. Wir folgen einem breiten Wanderweg, um wieder auf die offizielle Gravelroute zu gelangen. Der steile Anstieg bringt uns ins Schnaufen. Die Sonne brennt, doch die nasse Fahrradhose und der Fahrtwind spenden Kühle. Kurz vor dem Häuslebauernhof öffnet sich die Landschaft, der Feldberg kommt in Sichtweite. Wald und Weiden wechseln sich ab. Wir haben das Gefühl, durch Kanada zu fahren. Nachdem wir per Zwischensprint dem Gewitter entkommen sind, rollen wir über Lochrütte und Rinken zum Raimartihof.

Ein paar Meter weiter wartet der Feldsee. Doch weil dort vor 25 Jahren das unter Naturschutz stehende Stachelsporige Brachsenkraut entdeckt wurde, ein Unterwasserfarn, ist Schwimmen verboten. Die Wirtin Claudia Andris erzählt, dass sie in ihrer Jugend oft in den See gesprungen sei, als es erlaubt war. Schade, dass es nicht mehr geht. Aber Andris hat eine Alternative: „Wenn es richtig heiß wird, springen meine Söhne in den Brunnentrog.“ Andris erzählt, dass Gewitter nur selten am Raimartihof abregnen. „Meist gehen sie am Schluchsee oder in Hinterzarten nieder, aber nicht bei uns im Tal.“ Neben dem Spielplatz hat die Familie eine Leiter der Länge nach aufgestellt, an der sich Fahrräder aufhängen lassen. An dieser Leiter befinden sich auch zehn Steckdosen, mit denen E-Biker ihre Akkus kostenlos laden können. Nur das Ladegerät müssen sie selbst mitbringen. Das scheint sich herumgesprochen zu haben. „Im Hochsommer kommen 80 Prozent unserer Gäste mittlerweile mit dem E-Bike“, sagt Andris.

So endet ein perfekter Sommertag im Schwarzwald

Über dem Feldberg grummelt es. Wir essen das Stück Schwarzwälder Kirschtorte auf und fahren weiter. Der steinige Weg steigt steil an, Bäche rauschen vom Seebuck herunter, es geht durch Bannwald. Nach einigen Höhenmetern queren wir die Passstraße auf dem Feldberg. Nachdem wir am Caritashaus vorbeigefahren sind, genießen wir die Aussicht ins Menzenschwander Tal. Eiszeitliche Gletscher haben es einst geformt. Wir freuen uns auf die rauschende Abfahrt zum Schluchsee, der nach ein paar schnellen Kurven in der Sonne glänzt. Das Gewitter hat sich verzogen, Adrenalin strömt durch den Körper und nach wenigen Minuten stehen wir am Ufer des Sees. Ein Sprung, und schon wieder sind wir in einer anderen Welt.

Vom Schluchsee aus geht es parallel zu den Bahngleisen in Richtung Windgfällweiher. Die Zeit verging schneller als gedacht und so wird der Weiher der letzte Schwimmstopp auf unserer Tour. Die meisten Menschen sind bereits gegangen oder sitzen im Restaurant nebenan. Der Weiher liegt einsam da, kleine Wellen kräuseln sich auf der Oberfläche und dann ist es fast still. Ich atme tief ein und springe vom Bootssteg in den beinahe schwarzen See. So lässt sich ein Sommertag aushalten!

Gelb-blaue Schilder weisen den Weg

Derzeit wird das Radwegenetz im Hochschwarzwald umstrukturiert und erweitert – und mit neuen, gelb-blauen Wegweisern versehen. Ziel ist ein Netz von mehr als 1000 Kilometern Strecke. Der erste Abschnitt um Furtwangen, Schonach, Schönwald und St. Georgen ist schon fertig.

#heimat Schwarzwald Ausgabe 54 (3/2026)

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