Der SC Freiburg kickt anders

Der Dreisamschatz SC Freiburg ist der Liebling der Fußballwelt. Bodenständig und familiär soll es da zugehen. Stimmt das?

Text: Uwe Baumann Fotos: Maxi Höck

SC Freiburg: Sympathieträger mit Underdog-Image

Der Sport-Club Freiburg ist derzeit so erfolgreich wie nie. Alle Welt redet über die Badener und das durchweg positiv. Der SC ist irgendwie zum kleinsten gemeinsamen Nenner der Fußballwelt aufgestiegen. Ein Sympathieträger mit Underdog-Image. Die Erzählung vom Verein ohne Allüren, der seine Spieler heranzieht wie kein anderer, die kennen sogar Fußballmuffel wie ich. „Die Wurzeln wachsen in Freiburg manchmal etwas schneller als anderswo. Es kommt eben auch auf den Boden an", hat Kulttrainer Christian Streich einmal über die Freiburger Verhältnisse gesagt. Wir gehen auf Spurensuche: Was ist dran an diesem Phänomen SC Freiburg

Meine eigene Beziehung zum SC war in meiner Freiburger Studienzeit eher nachbarschaftlich-distanziert. Manchmal schwappten Jubelfetzen vom Dreisamstadion auf den Balkon meiner WG herüber, mischten sich mit dem Geruch der Ganter-Brauerei. Spieltage brachten mir vornehmlich eine knallvolle Tram-Linie 1. Inzwischen residiert der SC im neuen Stadion, seit Jahren trägt ihn die Erfolgswelle – bis ins Finale der Europa League in Istanbul. Dafür bin ich nach Freiburg gefahren.

Im Biergarten Kaiser: Wo die Freiburger Fußballkultur lebt

Im Biergarten des Gasthofs Kaiser in der Wiehre wird es eng unter den Kastanienbäumen. Es ist ein Stammlokal der Freiburger Fußballkultur. Flammkuchen, Weinschorle, Kässpätzle und Ganter-Biere flirren zwischen vielen rot-weißen Outfits hin und her. Stolz liegt in der Luft: Der Marktwert von Aston Villa, dem Finalgegner, ist mehr als doppelt so hoch. Irgendwie unfassbar. „Es ist so geil", entfährt es dem Vater zweier Teenager neben mir im Fünf-Minuten-Takt. Eine fast kindliche Freude steht den meisten hier im Gesicht. „Isch ja wie beim Heimspiel", lobt einer am Tisch die Stimmung am Bosporus, die da vor unseren Augen über den Bildschirm rauscht. Co-Moderator Lothar Matthäus spricht derweil vom familiären Rahmen, der den SC auszeichne.

In Minute 42 fällt das erste Tor für Aston Villa. Ein Schock? Jein, eher bricht anerkennendes Raunen die Stille: „Sensationelles Tor". Sekunden vor Ende der ersten Halbzeit sagt mein Nebenmann: „Jetzt noch ein zweites Tor wär' echt scheiße" – da ist es auch schon geschehen. Englands Prince William jubelt in Istanbul, die Stimmung im Biergarten bleibt gefasst. Auch, als die prophezeite Niederlage wirklich eintritt. „So isch's", sagt man zum Abschied. Keine Randale, kein Geheule in der Stadt, selbst am Bertholdsbrunnen bleibt alles entspannt.

Im nahen Dartstüble macht sich eine junge Gruppe in SC-Trikots selbstironischen Deutschrap in die Bar-Playlist und spielt eine Runde Karten: Das Leben geht weiter.

 

Fußball, die sechste Weltreligion?

Bemerkenswert lässig. Das weckt den Kulturwissenschaftler in mir: Fußball sei inzwischen eine Art Religionsersatz, hab' ich aus Texten noch parat. Der Philosoph Gunter Gebauer zieht Parallelen zu religiösen Verhaltensweisen: gemeinsame Symbole, Riten und das Erleben von Gemeinschaft. Auch der Freiburger Volkskundler Michael Prosser-Schell sieht diese Ähnlichkeiten zwischen Fangesängen und Choreografien in Stadien mit Religiösem. Die Funktion eines Ventils für Gefühle übernimmt der Kult um das Ballspiel ebenfalls. Gesellschaften brauchen das wohl zum Funktionieren: einen abgesteckten Rahmen für alles, was im Alltag als Ausrasten gelten würde. Kennt man auch von Brot und Spielen im antiken Rom, von der Fasent oder Malle-Trips zum Junggesellenabschied.

Dreh- und Angelpunkt der Fußballforschung ist die Arbeit des Soziologen Émile Durkheim. Anfang des 20. Jahrhunderts beobachtete er die sogenannte kollektive Efferveszenz: der Zungenbrecher meint gemeinsames Überschäumen als Folge „allgemeiner Gärung". Andere würden es brodelnde Stimmung nennen. Rührt daher meine Abkehr vom Fußball? War mir das zu viel Gasproduktion? Kann schon sein – aber heute bin ich hooked.

 

SC Freiburg Fans: Gelassenheit und Heimatliebe

Redaktionskollege Simon schreibt aus Istanbul. Auf einem Boot voller Freiburgfans tönte „SC Freiburg vor, wir stürmen jedes Tor" über den Bosporus. Irgendwie surreal. Schon am Vorabend wurde dort kräftig gefeiert – auch mit Aston-Villa-Fans zusammen, ganz wie es sich für die Freiburger Manieren gehört. Bestärkt mein Gefühl, wonach es in Freiburg anders gärt als anderswo. Extreme Zwischenfälle mit Freiburg-Fans? Mir nicht bekannt. Dass Geld alles regelt? Auch nicht. Ein guter Schaum also?

So objektiv lässt sich das nicht ergründen: Fans verehren ihren Verein – alles andere wäre Gotteslästerung. Für viele ist der Club ein Ausdruck von Heimat: Er vertritt ihren Regionalstolz nach außen und reist auf allen Lebensstationen mit. Oder es ergeht einem wie meinem Vater, dem als Zehnjährigem beim Kickern der BVB zugelost wurde: Seither ist er glühender Dortmund-Fan im Schwäbischen.

 

Clemens Becker: Vier Jahrzehnte Vereinsliebe

Szenenwechsel. Das Europa-Park-Stadion, letztes Heimspiel. Clemens Becker verkauft hier das Magazin des SC. Mit dem Verein ist der 59-jährige Offenburger aufgewachsen, sein Vater hatte stets eine Dauerkarte und sein Uropa hat in den 1930er Jahren sogar beim SC gespielt. Clemens' Vereinsarbeit hängt auch mit seiner Mutter zusammen. Seit vier Jahren ist sie pflegebedürftig und ebenso lang verkauft er schon die Heimspiele. So kann er Besuche bei ihr in Freiburg mit seiner SC-Leidenschaft verbinden. An Heimspieltagen geht's morgens von Offenburg zu seiner Mutter, auf Eins ins Stadion und pünktlich zur Sportschau zu ihr zurück: Die 90-Jährige teilt die Fußballleidenschaft mit ihrem Sohn und verpasst keine Ausgabe.

Insgesamt mag Clemens die Atmosphäre am Stadion und erzählt von einer Situation letzten Sommer beim Spiel gegen den VfB: „Es war mörderheiß! 35 Grad, und eine Gruppe VfB-Fans ist am Boulevard an uns vorbeigegangen. Wir standen da mitten in der prallen Sonne zum Verkauf und einer von denen hat mir eine große Flasche Wasser geschenkt. Trotz aller Rivalität mit den Schwaben: Das fand ich richtig stark."

Selbst die anerzogene Missgunst innerhalb the Länd kann sich beim SC also in Wohlgefallen auflösen. Auch Clemens betont den familiären Rahmen als Besonderheit des SC: „Man kennt sich. Leute wie der Stadionmoderator Stefan Mayer, die grüßen auch mich, den Heftle-Verkäufer." Dieses Gemeinschaftsgefühl bestimme auch die Vereinspolitik: „Es wird in die Menschen investiert. Es wird ihnen Zeit gegeben, sich zu entwickeln, und bei Misserfolgen wird nicht gleich gewechselt." Auch wenn es ökonomisch vorwärtsgeht, denkt Clemens, dass die menschliche Seite im Scouting weiterhin einen hohen Stellenwert einnimmt. Die Person soll in die Gruppe passen.

Das Erbe von Volker Finke

Wieder liegt mir ein Streich-Spruch im Ohr: „Es geht nicht darum, woher jemand kommt, sondern wie er ist." Eine Philosophie, deren Grundstein der Sport- und Geschichtslehrer Volker Finke vor über 30 Jahren gelegt hat, als er SC-Trainer wurde. Von dieser Zeit kann Ex-Profi Ralf Kohl erzählen, der mit seinem Sportgeschäft in Freiburg St. Georgen auch weiterhin mit dem Sport-Club in Verbindung steht. „Der Kanzler" stieg 1994 mit dem SC in die erste Liga auf und absolvierte 147 Bundesligaspiele. Wer könnte mehr über die Besonderheiten des Vereins wissen? „Finke hat sicher den Grundstein für den jetzigen Erfolg gelegt. Streich und Schuster haben davon viel übernommen", sagt er in Bezug auf Ausbildung und Teamgeist. Kohl bezeichnet Volker Finke als den „besten Trainer, den man sich hätte vorstellen können".

Nicht nur Harmonie, sondern vor allem Leistung

Dennoch rückt der einstige Mittelfeldspieler auch das eine oder andere Narrativ ins Reich der Legenden: „Was soll familiär bedeuten? Wenn beim SC einer nichts leistet, muss er gehen, so wie überall. Man bekommt als Spieler, was man dem Verein gibt." Das galt schon in seiner aktiven Zeit. Was früher mehr war, das war die Nähe zu den Fans. In seiner Anfangszeit gab es noch keine Autoaufkleber oder Merchandise. Es war normal, dass er nach dem Training direkt auf dem Platz mit Fans ins Gespräch kam. Spieler konnten sich frei in der Stadt bewegen. Spätestens mit dem Hype der vergangenen fünf Jahre sei das ein wenig anders geworden.

Aber wenn Ralf Kohl heute Heimspiele besucht, kriegt er immer noch manchmal Gänsehaut und hat „Bock, wieder dort unten auf dem Platz zu stehen" – jedoch lieber zu den Bedingungen seiner Zeit: auch mal raus aus dem Trubel und abschalten können. Heute sei man durch Smartphones und Co. immer auf Sendung. „Ich finde ja: Man muss nicht der familiäre Verein sein. Das verklärt die Leistung. Ich mag den SC so, wie er heute aufgestellt ist", so das Schlusswort des Kanzlers.

Ollé Ollé: Die andere Perspektive

Sportjournalist Thomas Müller Heiduk sieht es ähnlich. Sein Herzensprojekt heißt Ollé Ollé: ein lesenswertes Magazin zu Freiburger Fußballgeschichten, gemacht von Leuten, die sich irgendwo zwischen Ultras und Sitzern verorten. Aus Freiburg und dem Exil schreiben diese – der andere Chefredakteur sitzt in Heidelberg – besuchen Schiedsrichter daheim im Schwarzwald, sammeln Anekdoten und beleuchten Hintergründe aus der südbadischen Fußballwelt und deren Historie. Für Müller Heiduk hat sich viel mit dem Stadion-Neubau verändert. Mit seinen Versatzstücken und Aufbauten hatte das alte Dreisamstadion noch den Underdog-Charme des Andersseins. Das fast schon rituelle Referieren der Öffentlichkeit zur Bodenständigkeit des SC nervt ihn inzwischen schon: Das widerspricht den Erfolgen und der wirtschaftlichen Lage. Trotzdem bleibt der SC für ihn ein familiär geführter Verein: Kurze Wege, starker Zusammenhalt und enorme Unterstützung gelten weiterhin.

Möglich, dass sich Geld und Werte nicht ausschließen müssen? Freiburg-Fans sind mir jetzt auf jeden Fall recht sympathisch. Vielleicht begeistere ich mich wieder ein wenig für Fußball – zumindest für den SC. Alles ist im Fluss, wie der Freiburger Fußball-Philosoph Christian Streich feststellte: „Man verändert sich immer, weil man hat ja Stoffwechsel. Man ist ja nicht tot".

Der SC Freiburg

Mehr Aktuelles aus dem Vereinsleben und Hintergründe zur Geschichte gibt es auf der Website des SC zu entdecken. 

#heimat Schwarzwald Ausgabe 54 (3/2026)

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