Wenn der Haslacher Storchenvater klappert

Am Storchentag sorgt Alois Krafczyk dafür, dass der Haslacher Nachwuchs die Taschen voll Süßes hat

Text: Sophie Radix · Fotos: Jigal Fichtner

Die Geschichte erinnert an ein Märchen der Gebrüder Grimm: Als im 17. Jahrhundert eine Ungezieferplage die Ernte in Haslach bedrohte, kamen Störche zu Hilfe. Sie fraßen die Insekten und retteten die Gemeinde im Kinzigtal. Dafür gelobten die Bürger, zum Petrustag Kinder und Ältere zu beschenken. Seitdem erfüllen sie ihr Versprechen mit einem besonderen Brauchtum: dem Storchentag. Jedes Jahr zieht der Storchenvater am 22. Februar von Haus zu Haus. Er wird begleitet von einer Kinderschar und alle rufen „heraus, heraus“. Mit seinem Stock klopft er an Türen und Fenster und bittet die Menschen um Gaben.

Alois Krafczyk ist seit mehr als 30 Jahren Storchenvater. Die Rolle passt zu ihm – denn er weiß, wie man Geschichten lebendig erzählt. Wenn der 71-Jährige von der Storchensage spricht, wirkt er fast wie ein Schauspieler auf der Bühne. Seine ausdrucksstarke Stimme hallt durch das historische Kapuzinerkloster in Haslach, mit dem Alois Krafczyk immer eng verbunden war. Denn die Rolle des Storchenvaters ist nur ein kleiner Teil seiner vielen Tätigkeiten. So wirkte er an der Neugründung der Bürgerwehr im Ort mit. Auch den Nikolaustag rief er zurück ins Leben – und übernahm die Rolle des Bischofs gleich selbst. Für sein besonderes Engagement erhielt er 2021 die Bürgermedaille. 

Der Storchentag aber gehört zu seinen Lieblingsfesten. Ein paar Tage davor geht er in die Schulen und lädt den Nachwuchs ein. Seine Freude ist ansteckend: „Es gibt nichts Schöneres, als mit Kindern zusammen zu sein“, betont er. Gleichzeitig sieht er die Erhaltung von Traditionen als persönliche Pflicht an: „Wir müssen die alten Geschichten unbedingt weitergeben. Heimat bedeutet auch, Sitten zu bewahren.“ 

Schulfrei für die Störche

Traditionell startet der Zug aus Kindern und Storchenvater dann an der Mühlenkapelle. Dort wird gebetet. Danach zieht die Gruppe in die Stadt: „Wir gehen gabenheischend von Haus zu Haus. In anderen Ortschaften findet auch am 22. Februar, dem Petrustag, ein Gabensammeln statt. Aber der Storchentag ist halt noch mal anders.“ An Kindern schätzt der Rentner die  Aufmerksamkeit – und den Blick für Details. Manch ein Kind lässt sich auch nicht lumpen: „Einmal erzählte ein Junge seiner Oma: ‚Der Storchenvater und der Nikolaus haben die gleichen Hände‘“, erinnert sich Alois Krafczyk und muss lachen.

Traditionen verbinden

Als Storchenvater hat der Kinzigtäler das älteste dokumentierte Ehrenamt der Stadt inne. Woher diese Leidenschaft für Heimatgeschichte kommt? Alois Krafczyk erzählt von Menschen, die sein Interesse am Brauchtum entfachten. Die verstorbene Schriftstellerin und Hansjakob-Biografin Maria Schaettgen gehörte dazu. Dank ihr hielt er auch seinen ersten Publikumsvortrag: „Ich half ihr immer mal wieder mit dem Projektor. Einmal war sie krank und sagte: ,Der Alois übernimmt für mich.‘ Damals war ich in der siebten Klasse.“ Der Haslacher hörte danach nicht mehr auf zu erzählen. Er wurde Leiter des Trachtenmuseums im Kloster und machte Stadtführungen. Außerdem organisierte er Feiertage wie das Dreikönigssingen – noch so eine Haslacher Besonderheit. 

Der Gemeinsinn liegt ihm dabei am Herzen: „Traditionen verbinden die Menschen über Generationen hinweg“, findet er. Eine Geschichte zeigt dies besonders: „Bei einem Dreikönigssingen stand Maria Schaettgen im hohen Alter auf ihrem Balkon. Als sie die Lieder ihrer Kindheit hörte, fing sie an zu weinen.“ Solche Momente sorgten dafür, dass Alois Krafczyk bei der Bewahrung von Brauchtümern nie aufgab. „Ich muss ja auch die nächste Generation wieder dafür begeistern können“, findet er. 

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