Die Trompeterin von Bad Säckingen

Melanie Bächle bringt einen musikalischen Zauber nach Bad Säckingen – und hält so die Geschichte eines Dichters am Leben

Text: Daniel Oliver Bachmann · Fotos: Jigal Fichtner

Wenn Melanie Bächle, die Trompeterin von Säckingen, in ein historisches Kostüm mit rotem Umhang, Federhut und Lederstiefeln gewandet ihr Instrument an den Mund hebt und zu spielen beginnt, scheint einen Augenblick lang der Alltag in Bad Säckingen stillzustehen. Es ist ein magischer Moment. Menschen wenden sich ihr zu und zücken Handys. Fenster werden geöffnet und neugierige Gesichter erscheinen. Dabei ist Melanie Bächle keine Seltenheit im Stadtbild – bringt sie es doch auf bis zu hundert Auftritte im Jahr. 

Melanies literarisches Vorbild, „Der Trompeter von Säckingen“ von Joseph Victor von Scheffel, ist ohnehin allgegenwärtig in diesem gemütlichen Städtle am Hochrhein, ganz unten am südlichen Zipfel des Schwarzwalds. Kaum ein Gasthaus, das im Namen nicht auf dessen Werk zurückgreift – und wir machen uns bei unserer Stadtrunde den Spaß, immer neue Wirtshausschilder zu entdecken. Dort, der Schwarze Walfisch! Sollen wir Scheffels Trinklied „Im schwarzen Walfisch zu Askalon“ anstimmen? 

Wie Romeo & Julia, nur mit Happy End 

Lieber nicht, wenn man eine so charmante Meisterin ihres Faches dabei hat wie Melanie. Sie lässt ihre Trompete erklingen, und erneut kommt es zum magischen Moment: „Behüt’ dich Gott“, das berühmteste Lied aus der Oper „Trompeter von Säckingen“, die einige Jahre nach dem Roman entstand. Was der Dichter als Text dazu gab, kennen viele, die selbst mal Liebeskummer hatten: „Das ist im Leben hässlich eingerichtet / dass bei den Rosen gleich die Dornen stehn.“ Doch jetzt kommt’s: Melanie Bächle lässt die letzten Töne verklingen und setzt ihr sonniges Lachen auf. Denn: „Anders als bei Romeo und Julia kamen bei Scheffel die Liebenden zusammen. Es gibt ein Happy End!“ Darüber muss man sich nicht wundern: Erstens will es die historische Vorgabe der Geschichte. Da durfte das Liebespaar Maria Ursula von Schönau und Franz Werner Kirchhofer trotz Standesunterschieden am Ende glücklich in den Hafen der Ehe einfahren. Zweitens ist Bad Säckingen irgendwie auch ein Happy End. Das wird uns klar, als Melanie zum Stadtrundgang bittet. 

Rhein-Romantik

„Wusstet ihr, dass Bad Säckingen eine Insel war, vom Rhein umgeben?“, fragt sie uns zum Start. Das wussten wir nicht. Gerade marschieren wir durch das ehemalige Flussbett in Richtung Münsterplatz. Und das ist einer von den Orten, die Touristen „Ahs“ und „Ohs“ entlocken. Hier leben zu dürfen, um samstags vor dem mächtigen Fridolinsmünster über den Wochenmarkt zu schlendern, muss pures Glück sein – stimmt’s, Frau Bächle? Die Trompeterin strahlt und gibt uns recht. Sie will nirgendwo sonst auf der Welt leben, verrät sie: den Rhein zu Füßen, den Hotzenwald dahinter, habe sich die Stadt einen perfekten Platz ausgesucht. 

Aus dem Städtchen heraus führt die längste überdachte Holzbrücke Europas hinüber zum Nachbarn Schweiz. Wir hören Schwyzerdütsch, wir hören alemannischen Dialekt, wir hören Elsässisch und Französisch, und wir denken: So muss Europa sein – frei, ungezwungen und mit einem gehörigen Maß an Lebensfreude. Heiter gestimmt schlendern wir also mit der Trompeterin durch die Fischergasse und die Rheinbrückstraße und bemerken natürlich auch die vielen Geschäfte, Gasthäuser und Cafés. Bad Säckingen macht einen quirligen Eindruck; und dennoch kann man hier die Seele baumeln lassen. Dafür sorgen romantische Orte wie der Kurpark mit der Villa Berberich, Schloss Schönau mit seinen Gärten und natürlich der Rhein, der gemächlich an der Uferpromenade vorbeifließt. Hier fällt uns ein besonders massiger Turm ins Auge. Der Gallusturm, der sich einst mit seinem 4,50 Meter starken Mauerwerk dem Fluss als Wellenbrecher entgegenstemmte. Heute ist der Rhein gezähmt, und so kann sich dort die Narrenzunft Bad Säckingen in den Zunfträumen völlig ungezähmt ihrem Treiben hingeben: als „Bollwerk gegen Trübsal“, wie uns ein Schild am Turm informiert. 

Das Siechenmännle und Friends 

Überhaupt ist hier die fünfte Jahreszeit eine sehr wichtige – und so wundern wir uns nicht, dass Melanie auch bei den Narren mitmischt. Nicht im Gewand der Trompeterin, sondern in einem Häs, das den Wälder oder den Hüüler, den Römer, das Siechenmännle oder den Maisenhardt-Joggele repräsentiert. Der führte einst als Geist im Wald die Menschen in die Irre. Könnte das die Rolle der Trompeterin zwischen Schmutzigem Dunschdig bis Aschermittwoch sein? Melanie lacht verschmitzt und bleibt uns die Antwort schuldig.

Das tut sie nicht auf die Frage, wie sie Trompeterin von Säckingen wurde: Eine Voraussetzung ist, sehr gut Trompete spielen zu können, und zwar in der örtlichen Stadtmusik. Dann schadet es nicht, einen ordentlichen Packen Selbstvertrauen mitzubringen, schließlich tritt die Musikerin meist als Solistin vors Publikum. Und drittens sollte man eine Frau sein, oder? Wieder schenkt uns Melanie ihr Lachen: „Die erste Trompeterin von Säckingen war Pia Schwenke, Anfang der 1990er Jahre“, erzählt sie. Damals sei die Frage, Trompeter oder Trompeterin, tatsächlich ein Thema gewesen. „Das ist es aber längst nicht mehr.“ Was macht die Trompeterin eigentlich, wenn sie nicht Trompete spielt oder gerade fünfte Jahreszeit ist, fragen wir zum Abschied. Dann ist die gelernte Bankfachwirtin als Berufsschullehrerin tätig.

Jetzt wissen wir alles, außer, was es mit dem „Bad“ in Bad Säckingen auf sich hat. Dürfen wir mit einem wohligen Laut beginnen, der tief aus dem Körper aufsteigt, umblubbert vom mineralischen Wasser der Fridolinsquelle? Aqualon (statt Askalon) heißt die Therme von Bad Säckingen – ein Wortspiel, das sicher auch Joseph Victor von Scheffel gefallen hätte. 

Dort fläzen wir im Japanischen Pavillon, der zu Ehren der fernöstlichen Partnerstadt Nagai errichtet wurde, und denken darüber nach, dass das Leben schön sein kann. So wie in Säckingen. Schon schwebt aus der Ferne ein Trompetenton heran – oder ist es Einbildung? Nein, auch andere Badegäste spitzen die Ohren. Irgendwo im Städtchen spielt Melanie Bächle, und einmal mehr wird klar: Wer magische Momente erleben will, muss hier hin.