Mykologe Flavius Popa: Den Sporen auf der Spur

Flavius Popa erforscht Pilze im Nationalpark Schwarzwald. Welche gibt es? Wie leben sie? Auf einer Wanderung nimmt uns der Mykologe mit in eine verborgene Welt ...

Text: Pascal Cames · Fotos: Jigal Fichtner

Die verborgene Welt der Pilze im Nationalpark Schwarzwald

Viele denken beim Thema Pilze an leckere Pfännchen im Herbst. Das ist nicht falsch, aber es ist nur die halbe Wahrheit, denn Pilze gibt es immer – und überall. Flavius Popa (40), der die Funghi im Nationalpark Schwarzwald zwischen Baden-Baden und Freudenstadt erforscht, hat anderes im Sinn. Der studierte Biologe sagt, dass ein Wald ohne Pilze nicht funktionieren könnte.

Mehrmals im Jahr bietet Flavius Führungen an. „Dann kommen die Leute mit dem Korb, weil sie auf Steinpilze und Maronen hoffen." Im Nationalpark ist das Sammeln von Pilzen und Pflanzen sowie das Verlassen der Wege aber verboten, hier gilt das Motto: Natur Natur sein lassen. Mitgenommen wird hier von den Mitarbeitern nur, was wissenschaftlichen Zwecken dient. Und Flavius will den Menschen sowieso eine verborgene Welt zeigen, die viel größer ist als ein Pfannengericht. Der Fruchtkörper ist nur der oberirdisch sichtbare Teil, das unterirdische Leben, das Mycel (abgeleitet vom griechischen Wort für Pilz und Nagel), nehmen wir meist nicht wahr. „Mein Ziel ist, dass die Leute bei der Führung vergessen, dass sie einen Korb dabeihaben", sagt der Mykologe.

Forschung im Nationalpark Schwarzwald

Flavius erzählt uns auf einem Rundgang durch den Nationalpark, dass Pilze die zweitartenreichste Organismengruppe auf der Erde sind. Nur bei den Insekten gibt es noch mehr Vielfalt. Zwischen 2,5 und 5 Millionen Pilzarten vermutet man auf der Erde. Im Nationalpark Schwarzwald sind es aktuell „nur" 2000. Aber wer weiß das so genau? Viele Pilze sind klein, so gut wie unsichtbar. „Ein Nichtnachweis ist kein Beweis, dass es sie nicht gibt", sagt Flavius, der mit noch mehr Funden rechnet. Vor ein paar Jahren wurde zum Beispiel ein weiterer Hexenröhrling entdeckt. Eine gute Nachricht für Feinschmecker.

Nicht alle Pilze sind so beliebt. Wer möchte schon juckende Zehen haben? Auch Schimmel im Badezimmer ist so unnötig wie ein Kropf. Aber es gibt auch andere Arten, die als Baustoffe, für Kleidung oder sogar in der Medizin Verwendung finden. Pilze geben viele Rätsel auf. Warum riecht einer nach Kokos und der andere wie frisch gehobelter Rettich? Warum produzieren sie Gerüche? Zum Anlocken oder zum Abschrecken? Das interessiert den Biologen.

Aber erst mal will er wissen, was im Nationalpark Schwarzwald zu finden ist. Flavius ist hier zwar als Mykologe Einzelkämpfer, aber doch nicht allein. An den Standorten des Nationalparks am Ruhestein und der Alexanderschanze erforschen Insektenexperten und Geografen sowie andere Wissenschaftler den Nationalpark. Dort, wo Flavius die meiste Zeit Pilze unterm Mikroskop anschaut, beschreibt und eintütet, sitzen auch Praktikanten, Studenten und Kollegen. Bis unter die Decke stapeln sich die Kartons mit Pilzen, die schon bestimmt wurden oder noch bestimmt werden müssen. Alles wird aufgehoben. Würde er unerforschte Pilze entsorgen, wäre das „wie ungelesene Bücher aus dem Fenster zu werfen".

Echte und unechte Pilzvergiftung: Das ist der Unterschied

Beim Blick durchs Mikroskop sieht er nicht nur Lamellen, Leisten und Röhren, sondern auch Tierchen, die das Weite suchen. Was da auf der Flucht ist, will man gar nicht so genau wissen, wenn man regelmäßig selbst in die Pilze geht. „Was glauben Sie, was da alles drin ist." Tatsächlich sind die Fruchtkörper Nahrungsquelle für eine Vielzahl an Bakterien, Tieren oder auch Schleimpilzen.

Sobald Flavius mit Erwachsenen und Kindern oder anderen Wissenschaftlern in den Wald stiefelt, geht ihm das Herz auf. Er hat Lust, seine Begeisterung weiterzugeben, und er freut sich, wenn er den Leuten ein Aha-Erlebnis bescheren kann. Bei seinen Wanderungen kommt man nicht weit – es gibt so viel zu sehen und zu besprechen. „Ich gehe mit den Leuten 50 Meter und dann bleiben wir zwei Stunden." Manche sind dann ein bisschen enttäuscht. „Das ist doch keine echte Wanderung!"

Da drüben steht schon ein alter, gammliger Steinpilz etwas schepps neben einem Baumstamm. Der Steinpilz ist nicht mehr essbar. Das gäbe eine unechte Pilzvergiftung. Keine fünf Meter entfernt in den Kräutern leuchtet ein kleiner Fliegenpilz im Grünen. Der gäbe eine echte Pilzvergiftung. Sammler wissen, dass man Steinpilze und Fliegenpilze häufig zusammen oder zumindest nah beieinander findet. Da steht ein Pfifferling! Nein, das ist keiner, sagt sogleich Flavius. Der falsche Pfifferling sieht zwar ähnlich aus, gilt aber als ungenießbar. Aber das sind ohnehin nicht die Pilze, die er sucht.

Pilze, die auf Pilzen wachsen

Jetzt geht er tiefer in den Wald hinein. Unter dem Wanderstiefel knirscht das trockene Holz. Was in jedem Plenterwald (so heißen die normalen Nutzwälder) nicht zu sehen ist, gibt es hier massenweise. Totholz! Oder anders, in Flavius' Worten ausgedrückt: Partyholz, denn darin wimmelt es vor Leben. Es liegt auf dem Boden. Es ragt in den Himmel. Ein Baum ist in der Mitte abgebrochen und steht zwischen zwei noch lebenden Fichten. „Auf und in lebenden Bäumen sind Hunderte von Pilzen, die nur darauf warten, dass der Baum stirbt", erklärt Flavius. „Dann können sie loslegen und finden ihre Nahrung." Was machen die Pilze genau? Sie zerlegen das Holz und die Blätter und führen die Nährstoffe wieder zurück in den Boden. „Was glaubt ihr, wie es hier aussehen würde, wenn die Pilze das nicht machen würden."

Aber nicht alle Pilze finden in dicken Fichtenstämmen ihre Nahrung. Es gibt auch Pilze, die auf anderen Pilzen wachsen und sich von diesen ernähren. „Andere Arten gehen Symbiosen mit Pflanzen oder Tieren ein, mit einem beidseitigen Vorteil. Aber es gibt auch Pilze, die gefressen werden wollen. Andere halten sich Algen. Das sind die sogenannten Flechten. Aber was sind Flechten? Eine Wohngemeinschaft aus Pilzen, Grünalgen und manchmal auch Cyanobakterien. Ein eigenes kleines Ökosystem. Aha! Es gibt auch Arten, die Zucker und andere Stoffe von Baum zu Baum transportieren.

Flavius zeigt auf einen schwarzen Pilz auf einem verrotteten Baumstamm. Dieser sei ein Indikator dafür, dass sich die Kernzone des Nationalparks Schwarzwald bereits in einen Urwald entwickelt, getreu dem Motto „eine Spur wilder". Was uns Flavius auch mit auf den Weg gibt: Pilze sind enger mit uns Menschen verwandt als mit Pflanzen. Vor langer Zeit gab es einen gemeinsamen Vorfahren. Möchte man wirklich wissen, wie der ausgesehen hat?

Pilzwanderungen im Schwarzwald

Pilzwanderungen, Waldbaden, Vorträge und mehr Angebote der Nationalparkregion Schwarzwald findet ihr direkt beim Nationalpark Schwarzwald.

Flavius Popa bietet sowohl im Nationalpark Schwarzwald als auch für den Schwarzwaldverein Bad Peterstal-Griesbach Pilzwanderungen an. Nächster Termin: Sonntag, 25. Oktober von 15 bis 17 Uhr. Start beim Teufelskanzelsteig. Anmeldung unter: Tel. 07806/2940001

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