Schlepperlissi: Landwirtin Lisa Dinger räumt mit Vorurteilen auf

Lisa Dinger zeigt auf Social Media, wie ihr Alltag in der Landwirtschaft aussieht: ungefiltert, humorvoll, mit mehr als hunderttausend Followern. Dabei wollte sie eigentlich nie Bäuerin werden...

Text: Uwe Baumann · Fotos: Jasmin Fehninger

Ein Traktor, eine Landwirtin, 115.000 Follower

Schlepperlissi: Landwirtin Lisa Dinger räumt mit Vorurteilen auDa geht einfach nur eine junge Frau über einen matschigen Hof. Ihr Smartphone klingelt – die Arbeit ruft. Sie muss los. Doch statt ins Auto oder aufs Fahrrad klettert sie in einen riesigen grünen Traktor und fährt weg. Eigentlich eine komplett unspektakuläre Szene. Trotzdem geht das Video auf Instagram viral.

Lisa Dinger wacht am nächsten Tag mit zwanzigtausend neuen Followern ihres Kanals Schlepperlissi auf und ist einigermaßen fassungslos. „Ich hab gar nicht gewusst, woher das alles kommt“, sagt die 24-jährige Landwirtin. Sie sitzt in ihrer Latzhose vor dem Gutshofs ihres Vaters und lacht ihr ansteckendes Lachen. Seit etwa zwei Jahren gibt sie auf Social Media kompetente und humorvolle Einblicke in ihren Beruf – und zeigt, dass eine Frau am Steuer eines Fendts mit mehr als 200 PS unter der Haube die normalste Sache der Welt ist ...

Frauen und Vorurteile im Argrarservice

Wir gehen in Richtung Maschinenhalle. Um uns herum: rostige Pflüge, ein haushoher Mähdrescher und Schlepper in allen Größen. In diesen Familienbetrieb am Rand von Emmendingen wurde sie hineingeboren. Doch die Landwirtschaft selbst zum Beruf machen? Das hatte Lisa früher nicht auf dem Plan. Eher Kommunikation, vielleicht Design – sie ist kreativ, redselig, ein Mensch, der gern und gut erklärt. Die Wende kam in der elften Klasse: Ihr Vater stand kurz vor der Prüfung zum Meister Agrarservice und wurde krank, also schickte er seine Tochter in den Vorbereitungskurs, um nichts zu verpassen. Dort durchdrang sie die Inhalte auf Anhieb.

Davon motiviert, machte sie auch die Ausbildung zur Fachkraft Agrarservice für den landwirtschaftlichen Pflanzenbau: Säen, düngen, ernten, lernte sie auf dem Gutshof der Familie – ohne die befürchteten negativen Kommentare. Von den knapp vierzig Auszubildenden ihrer Klasse waren nämlich genau drei weiblich. „Wen man als Frau einen Fehler gemacht hat, wurde man abgestempelt“, erinnert sich Lisa. Sie habe ja kein technisches Verständnis und nicht genug Kraft für den Beruf.

Seltsame Vorurteile, wenn man bedenkt, dass Frauen seit jeher in der Landwirtschaft mit anpacken – ob mit oder ohne Ausbildung. Lisa ließ sich nicht unterkriegen: Sie erklärte den Jungs Lernstoff und diese halfen ihr im Gegenzug bei sehr schweren Handgriffen.

Farmvlogs: Familie Dinger zeigt den Landwirtschaftsalltag

Inzwischen hat sie ihren Meister und arbeitet als Pflanzenbauberaterin im Außendienst der ZG Raiffeisen. Gegen Ende der Ausbildung durfte sie am bundesweiten Berufswettbewerb teilnehmen – als einzige Frau. Lisa wurde Dritte, aber die Medien interessierten sich mehr für sie, als für den Sieger: „Ich wurde als Kuriosität bezeichnet“, erinnert sie sich nicht ohne Groll. Der Begriff sage viel darüber aus, welche überholten Bilder von der Landwirtschaft weiterhin vorherrschen. Auf sozialen Netzwerken kämpft sie dagegen an und zeigt den Menschen, wie dieser Beruf tatsächlich aussieht.

Der Medienmensch der Familie ist ursprünglich Lisas Vater Oliver. Schon in der Frühzeit von YouTube aktiv, schuf er einen Kanal für den Hof. Mit Lisas älterem Bruder Lukas produziert er heute richtige Farmvlogs wie das Format Schleppergeflüster: Aus den Fahrerkabinen ihrer Fendts erzählen die Dingers, was sie gerade umtreibt. Irgendwann meinte Oliver zu seiner Tochter: „Mach doch auch.“ Lisa zögerte: „Ich wusste nicht, ob das überhaupt jemand sehen will.“

Vom Techno zum Traktor

Wieder so ein Einfall „vom Vadder“, der sich nun gut gelaunt zu uns gesellt und aus den Anfängen des Hofs berichtet. Der ehemalige DJ war einer der frühen Techno-Pioniere, brachte Ibiza-Sounds in die Region und tourte durch die Schweiz. Schließlich residierte er in einem gut laufenden Club: „Sieben Tage die Woche voll. Für heutige Verhältnisse unvorstellbar“, erinnert er sich. Bis seine Frau die Notbremse zog. 1997 also der Exit: Oliver bekommt unverhofft den Zuschlag für den Gutshof, den er davor nur einmal im Vorbeifahren mit dem Motorrad gesehen hatte. Erfahrene Landwirte aus der Umgebung staunten nicht schlecht: Ein Quereinsteiger aus dem Nachtleben kultiviert da auf Anhieb hunderte Hektar Gemüse, mit dutzenden Mitarbeitenden und Lieferverträgen mit Großkunden.

Der zupackende Newcomer war wohl auch eine „Kuriosität“. Mit entsprechenden Kommentaren ist Lisa aufgewachsen. Heute kann sie wenig aus der Fassung bringen. Dass manche die Dingers „Fernsehbauern“ nennen, die nicht richtig arbeiten würden, steckt sie locker weg. „Ob ich jetzt im Schlepper sitze und die Kamera dabei laufen lasse oder nicht – ich arbeite ja trotzdem“, entgegnet Lisa trocken. „Ich bin nicht hauptberuflich Influencerin. Ich bin Landwirtin.“ Sie verkauft keine Produkte, liest keine Werbeskripte vor und lässt sich ohnehin nicht vorschreiben, was sie sagen soll. Lisa filmt und erklärt, was sie macht: Aussaat, Pflanzenschutz, Ernte, Reparaturen. Auch von Pannen und den daraus gezogenen Learnings berichtet sie und braucht für all das keine gesonderten Drehtage.

Wen Schlepperlissi auf Instagram erreicht

Aufklärung ist Lisa und ihrem Vater ein Anliegen. Beispielsweise beim Thema Pflanzenschutz kommen sie in Fahrt: „Viele sehen nur: der böse Landwirt, der spritzt Gift auf unser Essen“, stört sich Lisa. Denn, dass ein Bauer das Feld spritzt, bedeute nicht zwangsläufig, dass er chemische Keulen einsetzt. Ohnehin genügten heute dank Fachkompetenz und moderner Technik oft winzige Mengen.

Dies gehört ebenfalls zum Agrarservice des Gutshofs. 2011 wurde er weitgehend auf Lohnbetrieb umgestellt: vornehmlich werden seither fremde Flächen im Auftrag bewirtschaftet. Wenn ein Radfahrer am Feldweg die Nase rümpft, hält Lisa an und erklärt den Nutzen. Das kostet sie Zeit und Nerven. „Deswegen auch Social Media: weil ich damit viel mehr Leute erreiche, als wenn ich am Radweg stehe“, sagt sie.

Lisa und ihr Vater ergänzen und necken sich im Gespräch immer wieder. Man hört ihnen gerne zu. Sicher ist es diese Kombination aus Nahbarkeit und Fachwissen, die ihre Reichweite eingebracht hat. Auf Instagram folgen Lisa überwiegend 18- bis 25-Jährige, der Frauenanteil liegt bei rund zehn Prozent. Das klingt wenig, ist für Agrar-Inhalte aber recht viel. Manche ihrer Followerinnen haben tatsächlich eine Ausbildung in der Landwirtschaft begonnen. „Mir wurde schon mehrmals geschrieben: Durch dich hab ich mich getraut.“ Das ist die Ernte, die Lisa auf Social Media am liebsten einfährt.

Mehr von der Schlepperlissi

Lisa Dinger ist Meisterin im Agrarservice: Die Ausbildung für den landwirtschaftlichen Pflanzenbau hat einen geringen Frauenanteil – 2024 schlossen bundesweit nur sechs Frauen ab.

Neuigkeiten und Unterhaltung aus der eigenen Landwirtschaft gibt es auf Lisa Dingers Instagram Kanal.

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