Werner Ziebold: Der älteste Schiedsrichter Südbadens

Werner Ziebold ist mit seinen 90 Jahren als ältester Schiedsrichter Südbadens bekannt. Eine letzte Saison in der Kreisliga B hat er noch durchgezogen. Wie macht er das nur?

Text: Jannik Jürgens Fotos: Rémy Vronnen

Mit 90 Jahren noch als Schiedsrichter auf dem Platz

Wenn Spieltag ist wie heute, trinkt Werner Ziebold nach dem Aufstehen ein Glas Rote-Bete-Saft. Danach isst er ein hartgekochtes Ei, und weil der 90-Jährige beim Frühstück nicht stillsitzen kann, tapert er mit einer Banane in der Hand von der Küche ins Wohnzimmer und wieder in die Küche zurück. Dort isst er Heidelbeeren und presst eine Grapefruit aus. Wer gut pfeifen will, muss gut essen. Vor allem, wenn er 90 Jahre alt ist. Werner ist als einer der ältesten aktiven Schiedsrichter Deutschlands bekannt geworden. Wir begleiten ihn an einem Sonntag im Mai. An diesem Tag wird er die Partie Untermünstertal II gegen Buggingen/Seefelden II leiten. Kreisliga B. Eines von Werners letzten Spielen – dann hängt er seine Schiri-Pfeife an den Nagel.

Im Wohnzimmer setzt sich Werner nun doch mal hin, auf einen Sessel mit Schonbezug. Seine Augenbrauen haben etwas von Theo Waigel, die wilden weißen Haare erinnern an Albert Einstein. Er trägt eine Hose mit Bügelfalte, eine Trainingsjacke und eine Uhr, die ihm der DFB zum 60-jährigen Jubiläum als Schiedsrichter geschenkt hat. Er hat den Fernseher angemacht, um eine Wiederholung des Bundesligaspiels Stuttgart gegen Frankfurt zu sehen. Wenn Werner ein Spiel schaut, dann beobachtet er vor allem, was die Schiedsrichter machen. Lassen sie den Rempler laufen oder pfeifen sie ab? „Das letzte Spiel von Patrick Ittrich“, sagt der Fußballveteran. Der Bundesligaschiedsrichter beendet in dieser Saison seine Karriere. Genau wie Deniz Aytekin, der halb so alt ist wie der 90-Jährige. „Allzu viel darf man sich von der Bundesliga aber nicht abschauen. Sonst jagen sie mich später vom Platz“, sagt Werner und lächelt. Wenn Ziebold in der Kreisliga so viel durchgehen würde wie in der Bundesliga, könnte es schnell ruppig werden.

Tausende Spiele und mehr als 60 Jahre als Schiedsrichter

Werners Schiedsrichterkarriere begann, als seine Karriere als Spieler beim SV Weilertal endete. Mit 31 Jahren riss er sich den Meniskus. Weil er dem Fußball treu bleiben wollte, wurde er Schiedsrichter. Der Anfang war nicht einfach. „Ich war ein harter Spieler“, sagt er. Viele seiner ehemaligen Gegner protestierten, sobald er ein Foul pfiff. Sie sagten ihm: „Das hast du doch selbst so gemacht!“ Um kurz nach elf schnappt sich Werner die Sporttasche, läuft an Urkunden und Pokalen vorbei, die ihm die Schiedsrichtervereinigung und der DFB verliehen haben, und tritt auf die Luisenstraße in Badenweiler. Mit seinem roten Ford Fiesta braust er die Schwärzestraße hinauf. Werner schätzt, dass er in seiner Karriere zwischen 2500 und 3000 Spielen gepfiffen hat. Immer wieder gab es brenzlige Situationen. Einmal packte ein 1,90-Meter-Mann den 20 Zentimeter kleineren Schiedsrichter und warf ihn zu Boden. Werner brach das Spiel ab und der Spieler wurde gesperrt. Doch das sei ein Einzelfall gewesen, sagt er. Oft spiele er in der Aufmerksamkeit der Spieler und Zuschauer keine große Rolle. Wenn Schiedsrichter nicht wahrgenommen werden, machen sie vieles richtig.

Warum er Schiedsrichter geworden ist? Vielleicht hängt das auch mit dem 31. Mai 1953 zusammen. An diesem Tag stürzte der Mannschaftsbus des SV Weilertal eine Straße hinab. Zwei Menschen starben, viele wurden schwer verletzt. Werner, damals 18 Jahre alt, wurde aus dem Fenster geschleudert, kam mit Kratzern davon und half, die Verletzten zu bergen. Wenn man so etwas erlebt, bekommt das Wort Fußballfamilie eine andere Bedeutung. Doch Werner ist keiner, der groß über Gründe für sein Engagement nachdenkt. Auf dem Parkplatz in Münstertal begrüßen die Spieler den Schiedsrichter. Werner holt den Schlüssel zur Kabine und zieht sich um. Dann geht er hinaus auf den Platz und trippelt über den Kunstrasen, um zu überprüfen, ob die Copa-Schuhe mit Noppen die richtigen sind.

Wenn der Körper Grenzen setzt

Noch vor zehn Jahren pfiff er 40 bis 50 Spiele pro Jahr, manchmal drei in der Woche. Oft war er nach einem Spiel so müde, dass er sich erst mal hinlegen musste. In seiner Abschiedssaison musste Werner kürzertreten. Das hat einen Grund: Im Frühjahr hat sein Körper gestreikt. „Meine Lunge wollte nicht mehr“, sagt der 90-Jährige. Sobald er sich nur leicht bewegte, bekam er kaum Luft. Lag es an der Corona-Infektion, die ihn vor drei Jahren schon einmal zu einer Pause zwang? Oder an dem Krebsgeschwür, das sie ihm aus der Lunge schnitten? Ziebold besuchte Ärzte, doch sie konnten die Kurzatmigkeit nicht erklären. Eine halbe Stunde vor Anpfiff sitzt der Schiri mit leuchtend gelbem Trikot in der Kabine und presst die Daumen unter die Kniescheibe. Ein paar Sekunden hält er den Druck aufrecht, dann wechselt er die Position. „Da komme ich direkt an den Meniskus ran“, sagt Werner. Die Akupressur-Technik hat er sich selbst angeeignet. Wenn er sie vor dem Spiel anwendet, verschwinden die Schmerzen. „Man kann praktisch jeden Schmerz wegdrücken“, glaubt er.

Um 12.35 Uhr pfeift Werner das Spiel an. Untermünstertal geht früh in Führung, doch Buggingen/Seefelden ist die bessere Mannschaft. Die Spieler gehen fair miteinander um. Es dauert 20 Minuten, bis das erste Foul passiert. Der Schiedsrichter pfeift und als ein Spieler einen anderen anschießt, weist er ihn ruhig, aber bestimmt zurecht. Werner hat sich die Augen lasern lassen, doch er kann nicht alles auf dem Platz sehen. Meist bewegt er sich um den Mittelkreis: zehn Meter in die eine, zwanzig Meter in die andere Richtung. Er muss seine Kräfte schonen. Ist ein Stürmer im Abseits? Aus seiner Position ist das schwierig zu beurteilen. Seine Erfahrung scheint ihn zu leiten. Fast immer trifft er die richtigen Entscheidungen.

Ein letztes Spiel für Schiedsrichter Werner Ziebold

Werner bleibt unbeeindruckt, wenn Zuschauer von der Seitenlinie aus ein Foul oder Abseits reklamieren. Der Profi-Schiedsrichter Deniz Aytekin sprach in einem Interview einmal von den zwei Arten von Respekt, die ein Schiedsrichter braucht. Der vertikale Respekt ergibt sich allein aus der Position als Schiedsrichter. Bei Werner ist es auch das Alter, das hier einzahlt. Den horizontalen Respekt hingegen müsse man sich erarbeiten. Indem man Entscheidungen erklärt, sich nahbar gibt und Interesse an den Spielern zeigt. Auch diese Disziplin beherrscht der 90-Jährige. Immer wieder geht er auf Spieler zu und erklärt ihnen etwas. Am Ende gewinnt Buggingen/Seefelden das Spiel mit 4:3. „Gut gepfiffen, Schiri“, sagt ein Spieler auf dem Weg in die Kabine. Auch bei den Trainern genießt Ziebold Wertschätzung. „Werner sieht vielleicht nicht mehr alles“, sagt Tobias Wolf von den Untermünstertälern. Doch das sei bei jüngeren Schiedsrichtern nicht anders. Dafür verfüge Ziebold über enorme Ruhe und eine klare Linie. „Ich mag ihn. Bei ihm weiß man, was man hat“, sagt Wolf. Sein Gegenüber, Lars Müller, lobt den Schiedsrichter ebenfalls: „Souverän wie immer. So schade, dass er aufhört.“

Werner hatte sich eigentlich fest vorgenommen, auch mit über 90 Jahren noch ein paar Saisons als Schiedsrichter aktiv zu sein. Doch als ihm die Lunge Probleme machte, änderte er seine Entscheidung. „Irgendwann ist auch mal gut“, sagt Ziebold. Die Saison, die im Juni 2026 zu Ende gegangen ist, soll seine letzte als aktiver Schiri sein. Nach der Partie Untermünstertal gegen Buggingen/Seefelden hilft ihm ein Spieler bei der Eingabe der Ergebnisse auf dem Smartphone. Als das geschafft ist, setzt sich Werner mit einem Bier auf eine Bank und blickt sich um. Die Zuschauer feuern die erste Mannschaft an, in der Bude brät jemand Würste und ein paar Männer erzählen von früher. „Das wird mir fehlen“, sagt Werner.

Wie alt darf ein Schiri sein?

Schiedsrichter müssen fit sein. Aber in welchem Alter ist die Karriere vorbei? Diese Frage hat schon den Deutschen Fußball-Bund vor Gericht beschäftigt. 2023 bekam Bundesliga-Referee Manuel Gräfe eine Entschädigung wegen Altersdiskriminierung zugesprochen, weil er mit 47 Jahren vom DFB nicht mehr in die Schiedsrichterliste aufgenommen worden war.

Weitere tolle Artikel aus der #heimat

Schwarzwald

Weintourismus im Schwarzwald: Die schönsten Erlebnisse

Badischer Wein ist nicht nur was für den Gaumen – es gibt viele Wege, den Weinbau im Schwarzwald zu entdecken und zu genießen. Wir stellen ungewöhnlic...
Kochschule

5 Tipps für den perfekten Zwiebelkuchen

Herbst ist Zeit für Zwiebelkuchen! Damit der auch sicher gelingt haben wir 5 Tipps für euch. Und ein Rezept, dass ihr sicher noch nicht kennt...
Glottertal erleben

Das Glottertal entdecken: Ein genussvolles Wein-Wochenende im Tal des Roten Bur

Anzeige | Schwarzwaldklinik, Weine, Wandern: Das Glottertal im Südschwarzwald nahe Freiburg hat jede Menge zu bieten. Wir haben ein paar Tipps...
Landwirtin Lisa Dinger auf Social Media

Schlepperlissi: Landwirtin Lisa Dinger räumt mit Vorurteilen auf

Lisa Dinger zeigt auf Social Media, wie ihr Alltag in der Landwirtschaft aussieht: ungefiltert, humorvoll, mit mehr als hunderttausend Followern. Dabe...
... Menschen Werner Ziebold: Der älteste Schiedsrichter Südbadens