Heimattage Oberkirch: Geschichte und Genuss im Schwarzwald

Heimattage 2026: 700 Jahre Stadtrechte, Grimmelshausen und 300 Jahre Brennrechte. Oberkirch zeigt, wie lebendig Geschichte im Schwarzwald heute noch ist.

Text: Pascal Cames Fotos: Jigal Fichtner, Renchtal Tourismus, Maxi Höck
Heimattage in Oberkirch: Stadtrechte, Grimmelshausen und Genuss im Renchtal

Oh, wie schön ist Oberkirch! Die Heimattage Baden-Württemberg finden 2026 hier im Renchtal statt. Das allein ist schon ein Grund zu feiern! Hinzu kommen drei Jubiläen: 700 Jahre Stadtrechte, 350. Todestag von Grimmelshausen, 300 Jahre Brennrechte. Da gibt es viel zu erzählen – und zu entdecken. Folgt uns einfach auf unserer Wanderung durch die Geschichte ...

Das Leben im 18. Jahrhundert in Oberkirch

Beginnen wir unsere Tour an der Stadtmauer. Hier steht eine in mehrere Lagen Röcke bekleidete Frau, und wer sie anspricht, kriegt einiges zu hören! Die Schleiferbärbel, wie die Meisterdiebin genannt wird, kann sich zwar nicht an die Stadtrechtverleihung 1326 erinnern, so alt ist sie nun doch nicht, aber sie weiß eine Menge über Oberkirch um das Jahr 1750. „Die Stadt war reich. Damals gab es um die 30 Schneider und Schuhmacher, die für die feinen Herrschaften in Straßburg gearbeitet haben“, erzählt Anette Matt, die für ihre Stadtführungen in die Rolle der Schleiferbärbel schlüpft. Oberkirch gehörte damals zu Straßburg. Schon kurz nachdem es in den Besitz der Bischöfe gekommen war, wurde der Fleck zur Stadt erhoben.

Die Menschen hier waren Ackerbürger, also Handwerker mit Äckern und Streuobst. Es gab immer was zu schaffen. Links und rechts des Baches stehen noch immer ihre alten Häuser. Und die Schleiferbärbel? Die lebte von ihren Stick- und Näharbeiten. Aber wenn es nix zu schaffen gab, dann musste sie stehlen. Sie hebt ihren Rock an, wo so einige Geheimfächer zu entdecken sind. „Jeder Zehnte war arm und lebte auf der Straße“, erzählt uns die Schleiferbärbel und zieht uns über die Hauptstraße in Richtung Kirche, dann durch die Thomaslohgasse mit dem Puppenmuseum Richtung Gaisbach.

„Gleich sind wir im Ausland“, schnauft sie und beschleunigt ihren Schritt. Ist jemand hinter ihr her? Wahrscheinlich die Gendarmerie, die immer auf der Jagd nach Vagabunden ist. Wer geschnappt wird, bekommt die Peitsche und ein Brandzeichen. Beim zweiten Mal den Tod. Aber gleich hat sie’s geschafft – und wir sind im Ausland, wo ihr nix mehr passieren kann. Wie das geht? Damals gab es auf dem heutigen Gemeindegebiet gleich drei Länder. Das Straßburger Bistum, zu dem die Stadt Oberkirch gehörte, die österreichischen Dörfer Nussbach und Zusenhofen und die freie Reichsritterschaft Schauenburg.

Während wir in der Gaisbacher Straße bissle außer Atem kommen (immer de Buckel nuff), winkt uns eine Winzerin zu. In der Ferne sehen wir einen Mann vor einer frisch gestrichenen Wirtschaft stehen, dem Silbernen Stern. Die Schleiferbärbel ist währenddessen mit unseren Brezeln nach „Österreich“ abgehauen …

Grimmelshausen in Oberkirch

Der Mann, der uns vor der Gaststätte erwartet, ist Baron Ulrich von Schauenburg (70), der letzte männliche Nachkomme der Schauenburgs, die bis ins 12. Jahrhundert zurückgehen. Ulrichs Vorfahr Hans Reinhard von Schauenburg führte im Dreißigjährigen Krieg ein Regiment. Da er seinen Regimentsschreiber Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen (um 1622 bis 17. August 1676) mochte, nahm er ihn mit in seine Heimat Gaisbach, das heute ein Ortsteil von Oberkirch ist. Die Schauenburg hatte weder Fenster noch Vorhänge. Von „schöner Wohnen“ konnte also nicht die Rede sein. Hinter der Wirtschaft war die Wiese zum wilden Bosch, wo die Pestkranken zum Sterben abgelegt wurden. Am Eingang des Gaisbacher Schlosses stand ein Galgen …

An „die gute alte Zeit“ erinnern ein Brunnen, die lange Mauer, die vor circa 400 Jahren gebaute Kapelle, das Schloss (im 19. Jahrhundert renoviert und umgebaut) und natürlich der Silberne Stern. Grimmelshausen hatte viel zu tun: Er musste für Ordnung sorgen, Steuern eintreiben, die Burg auf Vordermann bringen. Der Dreißigjährige Krieg hatte ein ganz schönes Chaos hinterlassen.

Zwei Jahre war er Wirt im Silbernen Stern. Gegessen wurde wenig, getrunken viel (heute ist es gerade andersherum, es gibt hier Wurstsalat, Flammkuchen, Schnitzel …). Während seiner zwei Jahre als Wirt schrieb Grimmelshausen seinen „Simplicissimus Teutsch“ und landete mit dem ersten Roman in deutscher Sprache einen Bestseller.

Oberkirch Sehenswürdigkeiten: Museum, Schloss und Grimmelshausen

Erinnert heute noch jemand an den Schreiber, der vor 350 Jahren starb? Oh ja, zum Beispiel das gerade runderneuerte Heimat- und Grimmelshausenmuseum im alten Rathaus in der Innenstadt. Und natürlich Freiherr Ulrich von Schauenburg. Dem ehemaligen Boeing-737-Piloten wurde das Interesse für Geschichte in die Wiege gelegt. Die Familie führt seit hunderten von Jahren ein Familienbuch, in dem unter anderem auch der berühmte Grimmelshausen steht – und auch Balthasar Alexis Henri Antoine von Schauenburg, ein General Napoleons.

Den Grimmelshausen hätte er wohl gerne kennengelernt. Er glaubt, dass es ein lustiger Kerl war, dass er wahrscheinlich gerne einen mit seinem Vorfahren getrunken hat und dass er einer von denen war, die sagen, was sie denken. Vor allem die Pfaffen und Ärzte nahm er aufs Korn. So viel Geradlinigkeit imponiert dem Baron. Vor ein paar Jahren hat er von Grimmelshausen eine Wachsfigur machen lassen.

Die Gesichtszüge sind vom Gemälde aus der Gaststube inspiriert, die Kleidung erinnert an die Musketiere und für den Körperbau musste der Koch Modell stehen. Im ersten Stock sitzt dieser Wachs-Grimmelshausen am Schreibtisch. Die Wirtin ist überzeugt, dass es im Haus einen Geist gibt. „Wenn ich alleine bin, höre ich Schritte“, erzählt sie. Die Wachspuppe kann’s kaum sein …

Brennkunst aus Oberkirch

Unser nächstes Ziel ist die Schauenburg, wo Grimmelshausen Burgverwalter war. Sicherlich genoss auch er die schöne Aussicht, so wie man es heute mit einem Glas Wein in der Hand machen kann. Schau, man sieht sogar das Straßburger Münster! Wow, so viele Obstbäume! Die fielen auch dem Straßburger Bischof vor 300 Jahren auf. Was machen wir mit den ganzen Kirschen? Der kluge Bischof erlaubte 1726 das Schnapsbrennen. Die Idee war genial. Die Obstbäume auf dem Weg über Wolfhag nach Ringelbach sprechen Bände von der Brennkunst.

„Wir leben im Obstparadies“, freut sich Anne-Katrin Hormann in Ringelbach, deren Großeltern die Brennerei Fies gegründet haben. Für sie ist die Geschichte immer noch präsent, denn dank des Bischoferlasses von 1726 wurde Oberkirch zur inoffiziellen Hauptstadt der Obstbrenner.

Um die 700 Brennrechte sind in der Stadt verteilt. Kirschwasser, Williams, Zwetschgen- und Mirabellenwasser und vieles mehr sprudeln hier förmlich, was die Genießer freut. Zu Zeiten der Straßburger Bischöfe war Schnaps Trostspender, Energydrink und Medizin. Heute wird er als Genussmittel oder Verrisserle (Digestif) nach dem Essen geschätzt. Oder das Kirschwasser als Zutat für Torten gebraucht.

 

Schwarzwälder Kirschwasser: Darauf kommt es an

Anne-Katrin Hormanns Familiengeschichte ist exemplarisch. Die Familie Fies hatte einen sogenannten Mischbetrieb mit Obst. Als die Großeltern 1948 die Sache neu dachten, waren sie ihrer Zeit voraus. Franz war ein großartiger Verkäufer, seine Frau Elisabeth zeichnete den Schriftzug, der bis heute die Marke prägt. Seit einigen Jahren findet die Produktion in Oberkirch-Haslach statt, aber wer ins Stammhaus tritt, atmet immer noch die alte Zeit ein.

Hier glänzen kupferne Brennkessel, es darf probiert werden und man bekommt Antworten auf seine Fragen. „Die Herkunftsbezeichnung Schwarzwälder Kirschwasser ist geschützt“, erklärt Anne-Katrin Hormann. „Die Früchte müssen aus der Region Schwarzwald kommen, es darf nur im Schwarzwald gebrannt werden. Das ist unser Reinheitsgebot.“ Zudem werden weder Zucker noch Aromastoffe zugesetzt.

 

Schwarzwälder Kirschwasser für Sammler

Gemeinsam mit anderen Abfindungsbrennern hat Fies eigens für das Jubiläum eine exklusive und limitierte Sonderedition Schwarzwälder Kirschwasser gemacht. Diese 500 Flaschen sind für Genießer und Sammler gedacht, aber auch als ein Zeichen zu verstehen, das auf die Situation der Landwirte aufmerksam machen soll. Denn nur dank Kirschwasser und den anderen Bränden gibt es hier im Renchtal jedes Jahr im Frühling ein wahres Blütenwunder und auch zu den anderen Jahreszeiten eine Landschaft, bei der das Herz Sprünge macht.

So auch zu sehen auf unserem Weg zur Fatima-Kapelle und zum Weinberg Ullenburg, weiteren Stationen unserer Tour. Wir haben zweimal schöne Aussicht. Nein, zweimal die allerschönste Aussicht! Oberkirch liegt vor uns. Da wollen wir hin. Bestimmt wird irgendwo ein Fest gefeiert oder ein anderes Event zu den Heimattagen findet gerade statt …

Musik in Oberkirch: Termine & Events 2026

14. Mai – Rad- und Wandertag
Die Wander- und Radtouren führen durch Oberkirchs Ortsteile.

15. Mai – 25 Jahre piano.vocal
Jubiläum des Oberkircher Duos piano.vocal mit dem Baden-Symphonie-Orchester und Landespolizeiorchester.

16.–17. Mai – Baden-Württemberg-Tag
Beim ersten großen Festwochenende der Heimattage Baden-Württemberg präsentiert sich das ganze Land in Oberkirch. Mit Landesgewerbeschau, Brennermeile und verkaufsoffenem Sonntag.

21. Mai – Reise in die Vergangenheit
Mit Filmen und Fotos wird an die Stadtjubiläen 1926 und 1976 erinnert.

23. Mai – Stadtführung Schleiferbärbel
Historische Stadtführung durch die Altstadt (auch am 20. Juni).

30.–31. Mai – Oberkircher Erdbeerfest
Kulinarisch und auch sonst dreht sich hier alles um die rote Beere. Auch die Erdbeerkönigin ist dabei!

07. Juni – ADFC-Radtour
Die Radtour führt an der Rench „auf den Spuren von Grimmelshausen“ zum Simplicissimus-Haus in Renchen.

07. Juni – Wandern mit dem Skiclub
Die von Wanderführerin Ingrid Späth geleitete Tour geht auf den Geigerskopf.

11. Juni – After-Work-Party
Mit und bei Oberkircher Winzern den Feierabend genießen (auch am 9. Juli).

13. Juni – Annas Herzstück (Theater)
Lebenslust, List, Leidenschaft mit der Burgbühne Oberkirch im Freche Hus.

26.–28. Juni – Mundartmesse Dialecta
Die grenzüberschreitende Mundartmesse zeigt die Vielfalt und kulturelle Bedeutung der hiesigen Dialekte.

27. Juni – Musik-Picknick im Park
Picknick mit „BORcherster“ und Stadtkapelle im „Alten Stadtgarten“.

10. Juli – Vernissage „Gut beTRACHTET“
Ausstellung mit Trachten aus dem Ländle im Heimat- und Grimmelshausenmuseum.

11.–12. Juli – Mittelalterfest
Ein gar trefflich Spectaculum auf der Schauenburg mit allerlei Kurzweil.

#heimat Schwarzwald Ausgabe 53 (2/2026)

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