Reportagen

The older the Boys…

… the bigger their toys! So in etwa ist #Heimat-Herausgeber Ulf Tietge seine erste Rallye angegangen. Mit 45 gehöre er ja auch schon zum alten Eisen, sagen die lieben Kollegen und verabschieden den Chef zu einer Erfahrung, die er nie vergessen wird.

Text: Ulf Tietge · Fotos: Jigal Fichtner

Noch zehn Minuten bis zum Start. Der Nebel verschwindet so langsam aus Baiersbronn-Obertal und gibt den Blick frei aufs Starterfeld der Baiersbronn Classic: Ein Bentley WO mit 4,5 Litern Hubraum in vier Zylindern vor einem Alfa Romeo 6C aus den 1930ern. Ein Alvis Firebird und ein Lagonda Le Mans, ein Derby Blower von Bentley und ein MG TA Midget Special. Mehr als 130 Fahrzeuge sind heute unterwegs und sorgen bei mir schon jetzt für Gänsehaut. Wahnsinn! Was die für Musik machen! Wie das duftet! Dass ich jetzt lieber das Roadbook lesen sollte, als hier mit offenem Mund zu staunen: schon klar. Ist schließlich meine erste Oldtimer-Rallye. Mal mitgefahren? Ja, klar. Aber eben noch nie am Steuer …


In Freiburg und Karlsruhe werden nachher wieder die Greta-Kids auf die Straße gehen. Die Schule hat wieder angefangen, also kann man auch wieder streiken. Fridays for Future in den Städten und wir mit den Oldtimern durch den Schwarzwald? Mal sehen, wie die Menschen an der Straße auf uns reagieren. Aber für derlei Philosophisches ist nachher noch genug Zeit. Denn jetzt liegen erstmal 234 der schönsten Schwarzwald-Kilometer vor uns und die wollen wir genießen!

Pech und Panne

Gestern sah das alles noch ganz anders aus. Eigentlich wollten wir mit einem Alfa die Rallye fahren, einem der Autos, die Dominic Müller an die Gäste vom Hotel Ritter Durbach verleiht. Ein wunderschöner cremeweißer Spider mit dicker Gummilippe hinten. 87er-Baujahr, zwei Liter Hubraum und im Grunde ganz unkompliziert. Nur: Der kleine Italiener will nicht. Nach kaum fünf Probekilometern ist Schicht im Schacht. Also Dominic anrufen. Auch wenn’s wehtut. Ich mein: Da kriegst du einen Oldtimer geliehen und musst nach zehn Minuten SOS funken … Katastrophe!

Nach ein paar Minuten hilft uns Dominics Kumpel Antonio ,Tony‘ Fuchs aus der Patsche, ein Petrolhead mit eigener Oldtimer-Vermittlung. Wer auf der Suche nach seiner automobilen Jugendliebe ist, findet in Tony den richtigen Verkuppler. Den Fehler an der Alfa-Kupplung findet er auch schnell, beheben aber können wir ihn nicht. Also wieder Dominic anrufen – und langsam den Traum von der ersten Oldtimer- Rallye aufgeben? „Quatsch“, sagt Dominic. „Ich lass euch nicht hängen! Komm her, du nimmst Jacky, den Healey!“

Wie erklär ich's meiner Frau? 

Also alles in Butter? Sachen packen und los? Nee, es bleibt spannend. Der Austin Healey 100/6 hat ein bisschen ein Problem mit seinem Abblendlicht. Nach einer Viertelstunde fetzt es vorn die Sicherung durch – und der Motor geht aus. Zappenduster. Wir stehen irgendwo am Kinzigdamm und ich versuche meiner Frau zu erklären, dass man auch zweimal an einem Abend ’ne Panne haben kann … Tony ist nicht zu erreichen, also googeln. Wo und wie kriegt man beim Healey die Haube auf?

Ist was kaputt? Wo versteckt sich die Sicherung? Ah, gleich da! Es gibt auch praktischerweise nur eine! 30 Ampere – zum Glück nichts Exotischeres. Im Aschenbecher findet sich Ersatz, reingefriemelt krieg’ ich die auch mit zwei linken Händen und als dann der Reihensechszylinder leicht spotzend und freundlich brummend wieder ins Leben findet, hab’ ich ein breites Grinsen im Gesicht: Fühlt sich an, als fahre ich die Rallye nicht als eine Art Gast – sondern als einer, der dazugehört. Einer von den Schraubern und Tüftlern, einer von denen mit Öl an den Fingern und Benzin im Blut – aber sicherheitshalber hol’ ich jetzt noch ein paar Sicherungen und fahr morgen ohne Licht. Auch wenn wir um kurz vor sieben schon hoch nach Baiersbronn müssen …

Wo geht's lang?

Zurück nach Baiersbronn, wo wir als Nummer 59 losbrettern dürfen. Aber kaum über die Startlinie sind wir auch schon lost. Mein Freund und Beifahrer Jigal murmelt was von Navis und dass er seit 15 Jahren keinen Weg mehr ohne fährt, während er das Roadbook mit den Chinesenzeichen dreht und wendet, um vorn von hinten und oben von unten zu unterscheiden. Eijeijei! Das kann ja was werden! Zum Glück ist ein 356er Porsche vor uns, dem folg’ ich einfach mal, während Jigal versucht, sich doch noch mit dem Roadbook anzufreunden. Der Porsche ist ziemlich fix unterwegs, aber unser 1957er Healey hält gut mit. 119 PS sind eben ’ne ganze Menge, wenn das Auto nur 1100 Kilo wiegt. Tempo 190 soll der kleine Engländer mal geschafft haben, aber das müssen wir heute vielleicht nicht versuchen. Eine Rallye ist zwar keine Prozession – aber eben auch kein Rennen. Apropos Rennen. An Deutschlands erstes Rennen nach dem Krieg erinnert die Baiersbronn Classic in diesem Jahr mit besonderer Freude. 1946 war das. Bergrennen am Ruhestein. Möglich gemacht durch die Unterstützung der französischen Militärregierung in einer Zeit, in der es an allem fehlte. Mehr als 30 000 Zuschauer säumten damals die acht Kilometer lange Strecke mit ihren fünf Spitzkehren und sahen den Sieg von Hermann Lang, der es von Baiersbronn zum Kurhaus Ruhestein in 04:57 Minuten schaffte. Dass parallel dazu der Stuttgarter Verleger Paul Pietsch hier im Schwarzwald den Vorläufer der späteren „auto, motor und sport“ erstmals unter die Leute brachte, ist für mich als Journalist natürlich auch inspirierend.

Die erste Prüfung

Vor uns tauchen die ersten Schilder auf. Wertungsprüfung. 2890 Meter in exakt 6,50 Minuten. Mathematisch bringt uns das schon an den Rand der Leistungsfähigkeit. Dreisatz. Da war doch was … Wir hätten vielleicht doch einen Taschenrechner mitbringen sollen, aber glücklicherweise stehen erst noch drei andere Autos vor der Lichtschranke. Also wieder Google fragen. Wie viele Meter hat eine Meile? Und sind das jetzt sechseinhalb Minuten oder doch 6 Minuten und 50 Sekunden? Wie schnell müssen wir denn fahren? „Etwa 16 Meilen“, meint Jigal und ich guck auf den Tacho. Die Nadel hüpft lustig zwischen der 10 und der 30. Hmm. Das wird nicht einfach. Versuchen wir es mit der Stoppuhr?

Man ahnt, wie’s ausgeht: Wir sind viel zu schnell. Da man auf den letzten hundert Metern vor dem Ziel aber nicht einfach anhalten darf, nehmen wir’s mit Fassung und rollen die Ewigkeit von 10 Sekunden zu früh durch die zweite Lichtschranke. So wird das nichts mit ’nem Pokal, oder?

Autogramme, bitte!

Den Menschen an der Strecke ist unser WP-Fiasko egal. Sie freuen sich einfach mit uns und über die tollen Autos. Da wird gewunken und gefilmt. Manche haben ihre eigenen Oldtimer dabei und sitzen im Campingstuhl davor, um uns zuzuschauen, andere sind mit den Kids gekommen oder nutzen ihren Balkon als Logenplatz mit Kaffee und Kuchen. Später am Sportplatz von Musbach wird uns eine Gruppe Jugendlicher sogar um Autogramme bitten. Wahnsinn! In Freiburg treiben Lehrer ihre Schüler zur Demo, um Verbrenner zu verbieten und hier oben sind wir Helden.