Boule im Elsass: Zu Besuch bei den Kugelprofis von Ottrott

Text: Pascal Cames · Fotos: Jigal Fichtner

Ottrott: Wein, Wald und Boule

Für Wanderer ist Ottrott im Elsass eine Etappe auf dem Weg zum Odilienberg. Für die Weintrinker ist es eine Art kleines Burgund. Ah, le rouge d’Ottrott! Eine besondere Spezies Mensch berauscht sich weder am Wein noch am Wald, sondern an diesem ganz besonderen Ton, der entsteht, wenn eine Kugel aus Eisen auf die andere trifft. Klack! Klack! Klack!

Wir sprechen natürlich von Boule. Jeden Freitag treffen sich Louis und seine Freunde nahe der Elsässer Weinstraße auf ein Spiel. Schattig ist es hier. „Ja, das ist unser Platz!“, lacht der zigarrenrauchende Monsieur le Président des Boule-Vereins Tirer Pointer à Ottrott. Wer das Hausrecht hat, kann Spielverderber vom Platz scheuchen. Seit vier Jahren ist der Mann, der an einen Typen aus einem New Yorker Mafiafilm erinnert, hier der Boss. Sein Kumpel Laurent, Uli genannt, ist genauso lange der Kassenwart.

Das Boule Spiel will gelernt sein

Eigentlich kommen Louis und Laurent vom Fußball, aber mit Ende sechzig noch dem Leder hinterherrennen, ist das eine, eine Kugel legen oder schießen das andere. Darum Boule. Ihre Knie danken es ihnen. Auch die anderen Spieler haben schon ihre Sportkarriere hinter sich. Der junge Siegfried etwa, ein Kraftprotz vor dem Herrn, gab früher beim Rugby sein Bestes. Jetzt spielt er in einer Bouleliga.

Die Spieler sind so spielsüchtig, dass sie nicht nur in Ottrott die eiserne Kugel legen oder schießen, sondern auch noch in den umliegenden Vereinen Mitglied sind. So können Siegfried und Co. dreimal die Woche spielen und demnach auch dreimal schneller Fortschritte machen.

Hier bei Tirer Pointer à Ottrott zählt man um die 70 Mitglieder, zwei Drittel sind über 60 Jahre alt, höchstens ein Fünftel der Spieler sind Frauen. Warum? Am Verein liegt es nicht, der ist offen für alle, die mitspielen möchten. Tania aus Rosheim kennt den Grund für den geringen Frauenanteil beim Boule auch nicht, weiß aber, warum sie in Ottrott spielt: „Ich will immer besser werden!“

Aber da es nicht immer so klappt wie gewünscht, hat sie ein „es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“ und ein feines ironisches Lächeln parat. Angenommen, alle elsässischen Spieler machten es so wie Siegfried, Laurent und Tania und spielten dreimal die Woche, dann würde zwischen Rhein und Vogesenkamm eine Boulegroßmacht entstehen. Dann können sie in der Provence einpacken. Aus die Maus!

Wie spielt man Boule?

Gespielt wird entweder zwei gegen zwei (Doublette) oder drei gegen drei (Triplette). Die Mannschaften werden nach dem Zufallsprinzip gebildet. Jeder soll mit jedem spielen. Wer das nicht will, bekommt es mit dem Chef zu tun. „Der soll irgendwo anders spielen, aber nicht mehr in Ottrott“, sagt Louis der Boss. Animositäten werden nicht geduldet. Wichtig ist, dass pro Mannschaft sechs Kugeln im Spiel sind. Das Ziel ist es, möglichst viele (oder mindestens eine) Kugel möglichst nah an die kleine Holzkugel zu platzieren. Das bringt die Punkte.

Wenn eine Mannschaft auch eine zweite oder dritte (manchmal auch vierte, fünfte, sechste) Spielkugel an der Zielkugel landet, so macht das einen zweiten oder dritten (oder vierten, fünften, sechsten) Punkt. Die erste Mannschaft mit 13 Punkten hat gewonnen. Nur die Mannschaft, die mit ihrer Spielkugel am nächsten an der Zielkugel liegt, kann punkten. Die andere nicht.

Boule Kugeln: Darauf kommt es an

Laurent übernimmt es, neuen Spielern das Grundlegende zu erklären. Welche Kugeln brauchst du? Die aus hartem Metall oder solche, die ein bisschen weicher sind? Oder Kugeln mit Rillen. Die rollen besser. Oder Kugeln ohne Rillen. Die sind nicht fürs Rollen gedacht, sondern fürs Werfen und Wegschießen. Oder die schweren Kugeln. Die sind für einen wie Marcel erste Wahl, denn er will die Kugel legen. Legen heißt, die Kugel exakt dort platzieren, wo sie hin soll. Entweder als Barriere, um die kleinen Kugeln vor den anderen Kugeln abzuriegeln, oder um sie neben die kleine Holzkugel zu setzen. Diese heißt übrigens Schweinchen – Le Cochonnet.

Wer die gegnerischen Kugeln oder das Schweinchen wegschießen will, braucht leichte Kugeln. Und ein gutes Auge. Und eine sichere Wurfhand. So wie Siegfried, der die Dinger wegklackt, als wäre er mit einer Boule in der rechten Hand auf die Welt gekommen. Aber wenn es sein muss, dann legt er die Kugel ziemlich genau da hin, wo sie liegen muss. Mit viel Gefühl wird sie so geworfen, dass der Zuschauer meint, die Kugel werde mit jeder Umdrehung ein bisschen langsamer. So kommt sie sicher ans Ziel!

Auf dem Spielfeld herrscht ein fröhliches Sprachmischmasch. Die einen reden nur Französisch, die anderen auch mal Elsässisch. „Mach mi nid lätz“, ruft einer und meint, dass man ihn nicht verwirren soll. „Allez!“ Tania, Linkshänderin, spuckt in eine Hand und hält die Kugel mit der ausgestreckten Hand gerade von sich weg. Sucht sie die Ideallinie zum Ziel? Siegfried winkelt den Arm so an, dass er die Boule vor der Nase hat. Muss er das Eisen riechen, bevor er wirft? Der schlanke Laurent wirft so, als würde ein Stromstoß durch ihn durchjagen. Zu viel Energie? Ein anderer muss vorher noch mal stark an der Zigarette ziehen.

Treffen? Gar nicht so einfach

Wie beim Wein kommt es aber auch auf den Boden an. Gerade, wenn das Spielfeld wie hier in Ottrott bickelhart ist und mit kleinen Steinchen übersät. Da macht das Spielgerät, was es will, kullert perfekt aufs Ziel zu, nur um im letzten Moment links oder rechts abzubiegen. Manchmal holpert die Kugel, manchmal wird das Ziel elegant umkurvt. So oder so ist es Essig mit dem erträumten Punkt. Aber dann kommt Siegfried und räumt ab. Eine Kugel getroffen und zwei weitere werden auch abgeräumt.

Manchmal hilft es, wenn man den Zielort von einem erfahrenen Spieler gezeigt bekommt. Da hin! So gelingt auch dem Autor dieser Zeilen der eine oder andere Punkt. Aber es hilft alles nix. Bei der Doublette Siegfried und Pascal gegen die beiden Marcels bleibt das französisch-deutsche Duo nach langem Ringen – beide Mannschaften zwölf Punkte – nur zweiter Sieger. Warum? Der Boden. Es lief ja perfekt für die Amitié franco-allemande. Also nahezu perfekt, bis auf Kleinigkeiten hier und da. Die Steinchen! Aber besser geht bekanntlich immer, wie Marcel und Marcel gezeigt haben.

Merci vielmols Ottrott für den Wein und das Spiel ...

Petanque, Boule und Boccia

Boule (dt. Kugel) heißt eigentlich Petanque und ist eine französische Präzisionssportart, mit Wurzeln bis ins Mittelalter. In Frankreich (rund 300 000 Lizenzspieler) und Italien (Boccia) ist es sehr beliebt. In Deutschland spielen ca. 20 000 Menschen Boule im Verein. dbbpv.de

#heimat Schwarzwald Ausgabe 53 (2/2026)

Weitere tolle Artikel aus der #heimat

Surfen im Schwarzwald

Surfen mitten in Freiburg: Die Citywave macht's möglich

Hang Loose im Breisgau? Geht auf der stehenden Surf-Welle bei irie surf in Freiburg. Unsere Autorin hat sich mit ihrer Schwester aufs Brett gewagt ...
Restaurants

Restaurant-Tipp im Schwarzwald: Bruggaa im Dreisamtal

Weltoffen und heimisch regional. Dem Bruggaa in Oberried gelingt eine aufregend farbenfrohe Küche inmitten einer traumhaften Landschaft im Dreisamtal...
Brezel: Herkunft und Rezept

Das Brezel-Rätsel: Woher stammt die Brezel?

Mit viel oder wenig Salz, mit oder ohne Butter. Ein Tag ohne Brezel ist zwar möglich, aber sinnlos. Unser Autor Pascal hat ihr ein ganzes Buch gewidme...
Klettern Schwarzwald

Klettern im Schwarzwald – mit Daniela und Robert Jasper

Die Extremkletterer Daniela und Robert Jasper haben ihr Basislager im Schwarzwald – wir klinken uns mal ein und besteigen mit ihnen den Schwedenfelsen...
... Schwarzwald Boule im Elsass