Surfen mitten in Freiburg: Die Citywave macht's möglich

Hang Loose im Breisgau? Geht auf der stehenden Surf-Welle bei irie surf in Freiburg. Unsere Autorin hat sich mit ihrer Schwester aufs Brett gewagt ...

Text: Julia Müller Fotos: Paul Wagner

Von außen sieht und hört man erst einmal nichts. Kein Wasser, keine Surfer, kein Meeresrauschen. Nur eine Konstruktion aus übereinandergestapelten Containern auf einem Parkplatz bei der Tramstation Messe Freiburg und eine Treppe, die nach oben führt. Wer hier vorbeiläuft oder -fährt, würde kaum vermuten, dass sich dahinter eine Surfwelle verbirgt. Sollen meine Schwester und ich lieber beim Flugplatz um die Ecke fragen, ob uns jemand mit an die nächste Küste nimmt?

Mitten im Brühler Gewerbegebiet surfen zu gehen, klingt fast absurd. Wir steigen hinauf, Stufe für Stufe. Erst oben, als wir die Plattform erreichen, öffnet sich der Blick. Vor uns im 18 Meter langen Becken rauscht eine perfekte stehende Welle. Menschen in Neoprenanzügen stehen barfuß neben ihren Boards, ein Mann kommt tropfnass aus dem Wasser. Für einen Moment wirkt die Anlage wie ein Surfspot am Atlantik – nur eben mit Schwarzwaldblick. Logisch, dass wir das ausprobieren ...

Wellenreiten in Brühl

Seit Mai 2025 ist auf der Freiburger Citywave, genannt irie surf, Wellenreiten möglich – bei gutem Wetter und ausreichend Kundschaft auch im Winter. Mit der Anlage ist für Gründer und Hobbysurfer Mario Gerlach ein Traum in Erfüllung gegangen. Nachvollziehbar: Surfen fühlt sich an wie ein endloser Sommer, die Energie der Brandung erfüllt einen, man denkt an nichts außer an die nächste Welle – wer wünscht sich diesen Flow nicht in seiner Stadt? Obwohl meine Schwester und ich beide schon im Urlaub in Portugal und Marokko auf Brettern gestanden haben, haben wir uns für den Anfängerkurs entschieden. Am Telefon hatte uns ein Mitarbeiter von irie surf dazu geraten, denn das Surfen auf einer künstlichen Welle sei anders als in der Natur.

Im Gepäck haben wir Handtücher und Badekleidung, alles weitere für unsere Session bekommen wir vor Ort gestellt: Softboard, Neoprenanzug, Lycra-Shirt und Helm. Dann folgt eine Einweisung in Sachen Sicherheit und Technik. Anders als an der Eisbachwelle in München genügt bei irie surf ein Knopfdruck, um die Strömung abzustellen, und das Becken ist mit Schaumstoff gepolstert. Gut zu wissen für Anfänger.

Surfgrundlagen: Regular oder Goofy?

Noch eine wichtige Frage: Welcher Fuß steht eigentlich vorne? Beim Surfen gibt es nämlich zwei Möglichkeiten: Wer mit dem linken Fuß vorne auf dem Brett steht, fährt in der sogenannten Regular Stance, das ist die häufigste Variante. Steht dagegen der rechte Fuß vorne, spricht man von Goofy. Der Name erinnert zwar an die schlappohrige Cartoonfigur von Disney, ist unter Surfern aber ein ganz normaler Begriff. Wer nicht weiß, ob er Regular oder Goofy ist, lässt sich mal schubsen: Der Fuß, mit dem man sich abfängt, ist meistens der, der später vorne auf dem Brett steht.

Wer noch nie auf einer künstlichen Welle gesurft ist, der kann bei irie surf an der Haltestange starten. Oder Hand in Hand mit einem der Surflehrer, die dem Anfänger von ihrem Brett aus zur Seite stehen und helfen, ein Gefühl für die Kraft der Strömung zu bekommen und die Balance zu finden. Im Meer würden wir jetzt durch die Brandung paddeln, auf die Wellen warten und uns dann zügig aufrichten. Hier geht die Action sofort los! Meine Schwester und ich springen vom Beckenrand auf das Surfboard und halten uns zusammen mit den anderen Kursteilnehmern aufgereiht wie die Hühner an der Stange fest. Oha! 

Stehende Welle mit Haltestange

Wir spüren sofort, was der Mitarbeiter meinte, als er davon sprach, dass auch fortgeschrittene Surfer sich erst an die künstliche Welle gewöhnen müssen. Bei der Konstruktion des Entwicklers Rainer Klimaschewski werden hunderte Kubikmeter Wasser mit hoher Geschwindigkeit über ein Gefälle gepumpt. Dadurch entsteht die stehende Welle. Anders als im Meer rollt sie nicht weiter und bricht sich am Strand, sondern bleibt immer konstant. Wir Surfer fahren also nicht ein paar Sekunden mit, sondern balancieren permanent auf der stehenden Welle.

Nach kurzer Zeit im Becken finde ich mein Gleichgewicht, lasse die Stange los, stehe ein paar Sekunden wie ein Meister auf dem Brett – und lande plötzlich lachend und prustend im Wasser. Wer den Halt verliert, wird schnell nach hinten weggespült. Das muss ich gleich noch mal versuchen!

Wieder rauf aufs Board. Ich beuge die Knie leicht, verlagere mein Gewicht nach hinten, hebe den Blick von meinen Füßen nach oben auf den Horizont – oder eher Richtung Beckenrand, wo Menschen auf Klappstühlen im Schatten chillen. Das werde ich mir nachher auch gönnen, aber erst bändige ich die Welle! Plötzlich macht es Klick und das Wasser trägt mich länger als erwartet. Die Citywave und ich grooven uns aufeinander ein. Und da ist es, das Gefühl der Leichtigkeit, wenn man ein paar Herzschläge lang wie schwerelos über die weißen Schaumkronen gleitet. Und das ohne Flugreise und Meer.

Dass ich immer noch in Freiburg bin, habe ich für den Moment ganz vergessen. Nach ein paar weiteren Erfolgserlebnissen lassen wir die Stange ganz weg. Jetzt darf jeder Kursteilnehmer einzeln aufs Wasser und versuchen, die Welle von links nach rechts oder umgekehrt zu reiten. Die Richtung ist entscheidend, je nachdem, ob man Goofy oder Regular fährt. Zur Freude aller machen wir schnell Fortschritte.

"Hang Loose" für jedes Alter 

„Wir hatten bei uns auf der Welle schon Menschen, die älter als 70 Jahre sind“, wird uns Gründer Mario Gerlach später berichten. „Man muss nicht besonders sportlich oder athletisch sein, um bei uns das Surfen auf einer stehenden Welle zu lernen.“ Aber auch Fortgeschrittene und Profis können vom Training auf der Anlage profitieren. Die Intensität der künstlichen Welle ist stufenweise von Anfänger über Intermediate bis Advanced verstellbar – hier bestimmt der Mensch die Bedingungen, nicht die Natur. So kann es im Urlaub an der Küste leicht passieren, dass aufgrund von zu starkem oder zu schwachem Wind tagelang schlechte Bedingungen herrschen und das Surfen ausfällt. Wir verlassen das Becken, ziehen uns trockene Kleidung an und genießen noch etwas die Atmosphäre bei irie surf. Auch wenn wir nicht am Strand sind: Rund um die Welle herrscht eine überraschend lockere Stimmung, ganz nach dem Surfer-Motto „Hang loose“! Leute sitzen mit Bier oder Cocktails auf den Holzstufen, schauen zu, lachen über spektakuläre Abgänge oder geben sich gegenseitig Tipps. Bei irie surf kann man auch Yoga-Kurse oder Private Spa buchen. Die Anlage selbst kostet keinen Eintritt und es gibt keine Verpflichtung zu surfen, man kann einfach die Chill-out-Musik bei einem Getränk genießen und dazu einen Burger, Loaded Fries, Flammkuchen oder Salat bestellen. Meine Schwester und ich setzen uns in die Sonne und stoßen mit einem eiskalten Caipirinha auf unser erfolgreiches Wellenreiten an. Irie heißt übersetzt übrigens sorgenfrei oder entspannt. Der Name ist Programm!

Vision: Surf-Therapie und Expansion

Ganz günstig ist der Sport allerdings nicht. Eine halbstündige Surfsession auf der Citywave Freiburg kostet mindestens 54 Euro. Eher also ein besonderes Erlebnis als ein spontanes Feierabend-Workout. Ein Verein ist in Planung, der Menschen das Surfen bei erlebnispädagogischen Aktionen oder Surf-Therapien ermöglichen soll. Irie surf ist nur der Anfang, so Marios Vision. Wenn er weiter erfolgreich Menschen in der Region für den Sport begeistern kann, will er als Nächstes einen größeren Surfpark in Lahr bauen. Vorbild ist eine Anlage im englischen Bristol. Bis dahin gibt es aber noch viele offene Fragen zu klären. Vorerst bleiben die Citywave in Freiburg – und die stehende Flusswelle in Pforzheim – die einzigen Möglichkeiten, in der Ferienregion Schwarzwald regelmäßig surfen zu üben. Als wir später irie surf in Richtung Tram-Station verlassen, wirkt die Anlage von außen wieder komplett unscheinbar. Wer vorbeiläuft, ahnt kaum etwas von der perfekten Welle darin. Vielleicht macht genau das den Reiz dieses Ortes aus ...

Rauf auf's Brett

Entspannte Surf Sessions mitten in Freiburg bietet irie surf durch seine endlose Welle.

#heimat Schwarzwald Ausgabe 53 (2/2026)

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