Brettern, nicht bremsen!

Seit einem Jahrhundert saust man in Bad Wildbad mit Dauben die Hänge runter. Am 8. Februar 2025 ist es wieder so weit.

Text: Sophie Radix Fotos: Jan Walter

Was macht man, wenn gefühlt alle fröhlich Ski fahren – man selbst aber kein Geld hat für solch mondäne Freuden? Den Kopf in den Schnee stecken? Jammern? Nein. Besser: Holzfässer aufbrechen, um die Dauben daraus zu lösen – und damit dann die Skihänge runterbrettern. So trug es sich zu in Bad Wildbad – und das fast punktgenau vor einem Jahrhundert. „Die Situation damals im Schwarzwald: Goldene Zwanziger, Aufschwung, Wirtschaftswachstum“, fasst die Wildbader Heimatkundlerin Barbara Hammann-Reister zusammen. „Die Menschen entdeckten das Skifahren.“ Hintergrund: Der Norweger Fridtjof Nansen hatte 1891 ganz Grönland auf Skiern überquert. Nach und nach kam der Trend dann auch in den Schwarzwald. Doch die Leute auf dem Land konnten sich Ski meist nicht leisten. So fand man kreative Lösungen, um selbst die Hänge runter zu düsen. Und diese haben sich bis heute bewährt...

Skier vom Juwelier

1923 fand das erste Fassdaubenrennen statt. Mitten auf der Bätznerstraße. Der Pforzheimer Schmuckfabrikant Haug stiftete damals echte Ski für den schnellsten Läufer. Alle Teilnehmer des Rennens  heißen übrigens „Fassdaubenritter“. Und alle bekommen am Ende einen Preis. In den 1950er-Jahren wurde die Skizunft Wildbad gegründet, welche sich zusammen mit der ansässigen Wilhelmschule um das Rennen kümmert. „Früher gab es in fast jedem Wildbader Haushalt eigene Fassdauben“, sagt Barbara. Marcus Eisele, der derzeitige Vorstand der Skizunft, ergänzt: „Für die Schuljugend war es Ehrensache, als Fassdaubenritter teilzunehmen. Später, als es nicht mehr so viele Fässer gab, machten auch Schreiner und Wagner Dauben aus gebogenen Brettern.“ Dabei war nicht jedes x-beliebige Brett geeignet! „Das Aussehen war und ist streng geregelt“, erklärt Barbara. Ein perfektes Paar Dauben ist 70 bis 100 Zentimeter lang und leicht gebogen. „Ganz wichtig: Die Bindung darf keine festen Teile enthalten“, ergänzt Marcus. Zur Befestigung der Schuhe sind Riemen erlaubt. Am besten aus Leder, Kunststoff geht aber heute auch. Schon lange laufen nicht mehr nur Wildbader mit: „Alle sind willkommen!“, betonen beide. Seit 2011 ist das Rennen außerdem ein Gaudirennen: Die Fassdaubenritter sind kostümiert. Bis 2022 waren über 4300 Rennfahrer im Ziel.

An diesem Samstag Anfang Februar warten schon die nächsten Ritter auf den Startschuss. Vom Kleinkind bis zum Senior sind alle vertreten – und auch alle Verkleidungen: Hexen, Dinos, Frauen im Dirndl und mehr. Für das Jubiläum im vergangenen Jahr hatte sich außerdem hoher Besuch angekündigt: Bundestagsabgeordneter Klaus Mack (CDU) lässt sich als ehemaliger Bürgermeister von Bad Wildbad die Veranstaltung nicht entgehen. Und auch Ehrenmitglieder der Zunft sind da, wie der  80-jährige Fritz Sander aus Schömberg. Er hat als Neunjähriger das Rennen gewonnen und erzählt heute noch begeistert davon.
Und nu? Die Teilnehmer sind da, die Promis auch. Und wer nicht? Der Winter. Kein Schnee. Keine einzige Flocke weit und breit. Dafür umso mehr begeisterte Pokalanwärter. Manche starten aber auch einfach so. Und das heißt an diesem Tag: Shorts und T-Shirts. Denn es ist erstaunlich warm für Februar. „Wenn alle Stricke reißen, starten wir auf dem Rasen“, hatte Marcus Eisele uns vorab versichert. „Und wenn es Bindfäden regnet, rutschen wir eben einmal durch das Festzelt.“

Liebe zur Tradition

Wir – dazu gehöre heute auch ich. Durchs Festzelt rutsche ich nicht. Aber: Alle laufen einen großen Teil der Strecke heute auf dem Rasen. „Normalerweise ist das Rennen länger und rasanter“, sagt Skizunft-Vorstand Marcus. Heute watschelt man pinguinartig einen Hang hoch, rutscht über Hindernisse und brettert dann einen letzten verbliebenen Streifen Schnee herunter, der mit einem Radlader zusammengefahren wurde. So viel Engagement für heimatliche Traditionen ist bemerkenswert. Es hat aber auch einen traurigen Hintergrund: „Das 100-jährige Rennen findet auch zu Ehren von Götz Bechtle statt, unserem kürzlich verstorbenen Ehrenvorsitzenden“, erzählt Marcus.