Die Ausweitung der Biozone

Kein Pflanzenschutz, kein Dünger, dafür viel Arbeit. Warum macht Spargelbauer Bernd Kiechle das? Wegen Mutter Natur - und der eigenen Lust auf Spargel

Text: Pascal Cames · Fotos: Baschi Bender

Die riesengroßen Flächen gehören ihm nicht. Er ist keiner dieser Spargelbarone mit ihren kilometerlangen Feldern. Der kompakte Mann mit dem weichen Blick heißt Bernd Kiechle und ist die große Ausnahme in Südbaden. Er macht in Demeter, das ist bekanntlich die aufwendigste Art der Biolandwirtschaft.

Blumen, Raubvögel, Kräuter

Bernd Kiechle hat blutjung den Betrieb übernommen, weil ihm klar wurde, dass er keinen Chef über sich haben wollte. Er lernte Landwirtschaftstechniker und dann kam schon bald das große Erwachen. Er wollte nicht mit Schutzanzug, Gummihandschuhen und belüftetem Helm auf dem Obstacker stehen. „Da muss es doch etwas anderes geben!“ Also setzte er auf Bioland, das war vor 30 Jahren. „Ich mach’s, probier’s mal! Das war ziemlich blauäugig“, erinnert er sich. Fehler machen kostet Geld, hat er erfahren, denn einfach ist es nicht, auf Bio umzustellen. Vor allem musste er seinen Vater überzeugen, mit dem er viele Kämpfe ausgefochten hat. Warum jetzt etwas anders machen? Vor zwölf Jahren kam wieder ein Wechsel und seitdem betreibt er Demeter-Landwirtschaft nach Rudolf Steiner in Mengen.

Mengen ist ein lauschiges Dorf, wie so viele im Markgräflerland. Die Hauptstraße ist eng, die Hoftore sind groß und rund, das Geräusch von Traktoren gehört zum Sound der Idylle.

Idyllisch ist es auch bei Bernd Kiechle auf seinem Spargelacker. Wo sind die kilometerlangen Felder? Warum sind die Dämme nicht so tief wie anderswo? Und überhaupt, warum ist hier alles so grün? Der Demeterbauer pflanzt Einsaaten zwischen den Dämmen, um Lebensräume zu schaffen und auch den Stickstoff zu binden. Überall hat es Vogelhäuschen (der Schwiegervater hat’s drauf) und Standsitze für Raubvögel. Das ist gut für die Artenvielfalt und schlecht für die Mäuse, die es sich hier gut gehen lassen. Auch Blumen wachsen, dazu Schnittlauch und Petersilien. Die einen sind schön fürs Auge, die anderen für den Marktstand am Freiburger Münster, wo man seit mehr als 100 Jahren präsent ist und die Stammkunden warten.

Was macht einer wie Bernd Kiechle anders? Er deckt auch mit der Plane ab wie seine Kollegen. Er arbeitet mit der Spargelspinne. Das ist ein Gerät, das automatisch den Damm abfährt und die Folie heftet. So müssen die Spargelstecher sich nicht verrenken, wenn sie zur eigentlichen Arbeit noch die Folie heben müssen. „Keine Schinderei“, sagt er, „ich weiß, wie sich die Arbeit anfühlt.“ Andere Spargelbauer haben das nicht, weiß Bernd Kiechle. Beim Dünger macht er es anders. Er holt sich Pferdeäpfel, Kuhmist, Grünschnitt und Gärtnereiabfälle und hat neben Spargel, Obst, Gemüse auch noch eine ausgedehnte Komposterei.

Die Kraft der Pflanzen

Beim Pflanzenschutz unterscheidet er sich auch von der Konkurrenz. „Die Fragestellung ist ganz anders“, sagt er. „Herkömmlich: Wie kann ich Krankheiten bekämpfen? Bei Demeter: Wie kann ich Krankheiten vermeiden?“ Er fürchtet die Reaktionen auf die Gifte. Auch ein Zuviel an Dünger würde die Natur aus dem Gleichgewicht bringen. Also greift er nicht zum Kunstdünger, sondern bleibt beim hausgemachten Kompost. Außerdem soll sich die Pflanze selbst ernähren, dafür hat sie Osmose und Wurzeln. „Ich mache nichts kaputt“, sagt er, denn von einem Kiechle- Acker sickere nichts ins Grundwasser, was nicht ins Grundwasser gehört.

Wie jeder, der das Land bearbeitet, hat auch Bernd Kiechle einen harten Job. Sechs Tage morgens um halb sechs raus, zwölf Stunden schuften, sonntagmorgens Büro. Kann er Spargel überhaupt noch sehen? Schmecken ihm die Stangen noch? „Oh ja“, sagt er so freudig, als würde man einen Dagobert Duck fragen, ob er Lust auf ein Bad im Geldspeicher hat. Natürlich liebt er ihn klassisch mit Sauce hollandaise, aber noch lieber mag er die hausgemachten Spargelspaghetti, die nur mit dünnen Spargli zu machen sind.

Diese gibt es aber genauso wenig in der Gastronomie wie seinen Spargel. Unter der Woche würden die Restaurants zu wenig abnehmen, am Wochenende, wenn’s brummt, kann er nicht alle Wünsche bedienen. So ist der Biospargel- Fan auf seinen Hofladen oder den Marktstand am Freiburger Münster angewiesen. Nur einmal ist er einer Gastro-Anfrage nachgekommen. Das war vor zwei Jahren, als ein Restaurant in Schweden 100 Kilogramm bestellt hat. Da muss er drüber lächeln. Er hat sich geehrt gefühlt. 

Demeter

Die griechische Göttin der Fruchtbarkeit Demeter wurde zur Namensgeberin für Rudolf Steiners (1861–1925) ökologische Art der Landwirtschaft, die nicht nur Produktion, sondern auch Artenvielfalt und Biotopdichte im Blick hat. Fast 1700 Betriebe sind in Deutschland Demeter-zertifiziert, darunter viele Weingüter. Demeter ist weltweit verbreitet und gilt als das härteste Bio-Label überhaupt.

www.demeter.de

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