First Lady in Hinterzarten

Seit 575 Jahren gehört das Parkhotel Adler zu Hinterzarten. Damals wie heute will keiner mehr weg. Denn Tradition verpflichtet – zur Gastlichkeit

Text: Pascal Cames · Fotos: Dimitri Dell

Wann hat ein Hotel Persönlichkeit? Einfache Antwort: wenn es eine Persönlichkeit an der Spitze hat. Oder auf Schwarzwälderisch gesagt: Wie der Herr, so’s G’scherr. Natürlich kann der Herr auch eine Dame sein, und da wären wir schon bei Katja Newman, die seit der Jahrtausendwende bereits in 16. (!) Generation das altehrwürdige Parkhotel Adler in Hinterzarten leitet – charmant und kreativ.

Gut möglich, dass der Adler damit das älteste, durchgängig in Familienhand betriebene Hotel im Schwarzwald ist, aber ganz sicher weiß man das auch bei den Newmans nicht. In jedem Fall lohnt es in diesem Haus, das auf den ersten Blick gar nicht so alt aussieht, sich auf die Suche nach der Vergangenheit zu begeben. Denn wenn man in dem charmant anmutenden Hotel genau hinschaut, findet man diese in ganz vielen Ecken. Klar, die Direktorin kennt sie alle – und geht netterweise schon mal vor …

Ursprünglich gehörte das Hotel einem Onkel, dann übernahm es Katja Newmans Vater. Die Familiengeschichte geht zurück bis ins 15. Jahrhundert. Genau genommen kaufte 1446 ein Vorfahr der Chefin, ein gewisser Hans Bilstein, den Hof und vermietete Zimmer. Später kam noch eine Schenke dazu. Man darf annehmen, dass die Zeiten so rustikal waren wie das Essen. Aber Schenke und Pension müssen ziemlich gut gewesen sein, denn 1490 wurde der zukünftige Adler eine Poststation. Jetzt machten hier alle auf dem Weg von oder nach Freiburg einen Stopp für eine Suppe oder einen Krug Bier. In der Chronik kommt dem Jahr 1639 eine besondere Bedeutung zu – das dazugehörige Schwarzwaldhaus wurde gebaut. Tragisch: In Süddeutschland tobte der Dreißigjährige Krieg, fast alles wurde niedergebrannt. Alles? Nein, ein kleines Stück des Gehöfts blieb wie durch ein Wunder heil …

Schwarzwälder Gemütlichkeit

Das heutige Schwarzwaldhaus steht unter Denkmalschutz. Unter den markanten Dächern befindet sich das Restaurant Adler Stuben sowie elf Zimmer und Suiten. In der Stube, Deckenhöhe keine zwei Meter, sind die damaligen Wirtsleute auf Holz verewigt. Zudem hat es noch einen weiteren Gastraum aus alter Zeit. Dort leuchtet der Kachelofen in hellen Farben und wärmt Körper und Seele. Das ist Schwarzwälder Gemütlichkeit vom Feinsten. Wer’s moderner mag, findet auch seinen Platz. Nur ein paar Schritte weiter leuchten und glitzern im Hotelrestaurant Bergkristall die Strasssteine wie für eine Gala der feinen Genüsse. So geht Zeitreisen von 1500 bis ins Jahr 2021 – mit ganz wenigen Schritten. Das prächtige Haupthaus im Stil der Belle Époque wurde 1890 zur rechten Zeit errichtet. Die im 19. Jh. gebaute Höllentalbahn verband den Hochschwarzwald mit Freiburg. Jetzt war der Schwarzwald ganz in der Nähe der Städter, die schon damals gestresst waren. Der Adler wurde zu einer Top-Adresse für die Sommerfrische.

Glanz, Glitzer, Stars

„Während des Wirtschaftswunders war hier ganz großes Kino“, erzählt Katja Newman vom „internationalen Flair“ in jenen Tagen. Zur glanzvollen Hotel-Historie gehören Politiker und Stars. Den Anfang machte 1770 die spätere französische Königin Marie-Antoinette. 200 Jahre später nächtigten Romy Schneider, Jean-Claude Juncker und Lenny Kravitz im Parkhotel Adler. Während seiner Tournee strampelte der Rockstar mit dem Mountainbike die Berge rauf und runter. Ob ihn einer erkannt hat? „Wahrscheinlich nicht“, lacht Katja Newman. „Wer rechnet hier mit Lenny?“ Inzwischen aber ist dem Star sogar eine Suite gewidmet.

So gut Katja Newman mit den Gästen kann, so natürlich ist sie auch im Haus zugange. Viele Mitarbeiter sind hier schon seit zehn Jahren und mehr, Küchenchef Bernhard König (48) etwa seit 2008. Dass ein Könner wie er hier am Schaffen ist, liegt auch an der Programmatik der Chefin. Als Katja Newman das Haus übernahm, musste was getan werden. Der alte Glanz war ermattet. Hier kommt ihre Weltläufigkeit ins Spiel. Als ehemalige Rock-Sängerin und Gastronomin, mit einem amerikanischen Musiker verheiratet (daher der Nachname), ging sie „amerikanisch“ ans Werk. „Amerikaner sind pragmatisch, handeln schnell und haben den Mut zum Risiko“, weiß Katja Newman. Doch sie nahm das Geld nicht nur in die Hand, sondern hatte auch Pläne. Das Hotel sei nun „ein Urlaubsdomizil mit Design-Erlebnis zum Wohlfühlen“.

Think big trifft Take it easy

„Minimalismus ist nicht so mein Ding“, sagt die Hotelchefin selbstbewusst. Ein Blick in die neuen Zimmer spricht da Bände. Zwischen Schlafzimmer und Bad hat’s ein großes Bullauge, die Badewanne ist wie für Königinnen gemacht, die Schrankgriffe glitzern. Swarovski! Auch die erst kürzlich umgebaute Lounge (mit Bar) macht Eindruck. Mit Jugendstilfiguren, Kristallleuchtern, gemütlichen Sesseln und viel Licht. Den Blick ins Grüne und auf den Pavillon gibt’s dazu. Übrigens auch ein perfekter Ort für Live-Musik, die in normalen Zeiten im Adler zur Tea Time gespielt wird. Kein Wunder bei der Vita der Chefin, die auch gern feiert. Die 575 Jahre Adler in diesem Jahr zum Beispiel. Hoffentlich klappt’s noch …

Der Adler

Das Parkhotel Adler bietet mit einem halben Dutzend Gebäuden und einem sieben Hektar großen Gelände viel Platz für Wellness & Spa, Essen & Trinken, Tea Time und andere Genüsse. Das Boutique-Resort-Hotel (64 Zimmer) liegt direkt im Naturpark Schwarzwald. Hotelgäste können von hier gleich loswandern oder radeln oder einfach nur lustwandeln und am Pool den Schwarzwald genießen.

www.parkhoteladler.de

#heimat Schwarzwald Ausgabe 26 (3/2021)

Nackte Mofarocker und lauter süße Früchtchen: In der neuen Ausgabe von #heimat Schwarzwald gibt es wieder einiges zu gucken. Der Schwarzwald hat eben mehr zu bieten als Bollenhut und Bibeleskäs… aber das wisst ihr ja! Dennoch: die neue Ausgabe ist wirklich ’was Besonderes!

 

Mehr über die Mofarocker und ihr Männer-Yoga in der neuen Ausgabe von #heimat Schwarzwald. Ab dem 6. Mai wieder überall am Kiosk – oder als Abo bei uns im Shop.

Weitere tolle Artikel aus der #heimat

Aktuelles

Vesperplatte für Andy Warhol

Kulinarische Erfolgsrezepte von Aenne Burda
Reportagen

Die fünf besten Fernwanderwege im Schwarzwald

Der Schwarzwald bietet 23 Fernwanderwege, darunter Klassiker wie den Westweg und Unbekanntes wie den Albsteig. Wir stellen die fünf Besten mal vor
Menschen

Badisch by nature

Rapper, Schauspieler, Comedian: Cossus Leben ist mindestens so bunt wie sein Hemd. Sein Kinzigtäler Dialekt-Gebabbel avanciert gerade online zum Kult
Bier statt Tanzen

Deutschlands jüngste Brauereichefin

Bauhöfer hat wieder ein Familienmitglied am Ruder. Katharina Waldhecker ist mit 27 Deutschlands jüngste Brauerei-Chefin – eine mit Broadway-Erfahrung
... Menschen First Lady in Hinterzarten