Badisch by nature

Rapper, Schauspieler, Comedian: Cossus Leben ist mindestens so bunt wie sein Hemd. Sein Kinzigtäler Dialekt-Gebabbel avanciert gerade online zum Kult

Fotos: Dimitri Dell

Hier wurde Cossu geboren. Also der Name. Am Sportplatz und Funpark in Haslach, deshalb treffen wir den Rapper und Comedian auch genau hier. Cossu – diesen Namen hat sich Lukas Staier damals beim Bolzen gegeben, als er sich das Trikot des gleichnamigen Fußballspielers zum ersten Mal überstreifte. „Cossu klang für mich bullig“, sagt der Mann, der derzeit unter seinem Pseudonym via Tik Tok und Instagram die Comedywelt erst regional und inzwischen deutschlandweit aufmischt. „Das klang für mich nach 1,90 Meter. Gro er Stürmer! Bullig! Bumst die Dinger rein! So wie Lukaku heute. So wollte ich sein.“ Als er so zu seinem Künstlernamen kam, war Lukas Staier 15 oder 16 und in Wirklichkeit ein paar Zentimeter kleiner als der Stürmer, den er sich vorstellte. Geboren worden ist Lukas 1989 in Zell am Harmersbach. Im Gespräch fügt er aber sofort hinzu: „Ich bin aber Haslacher!“ Und zwar wahrscheinlich der bekannteste, den es derzeit gibt. Die Leute, die ihn bei unserer Tour durchs Städtle ansprechen, sehen das sicher genauso …

The Reelest

Seit ein paar Monaten hat so ziemlich jeder unter 40 schon gehört von Cossu oder cossurap – wie er auf Instagram heißt. In schönstem Kinzigtäler Dialekt präsentiert er den Schwarzwald, seine Bewohner und wie er sie manchmal sieht, in kurzen Videos. Auf Tik Tok ist er ein Star, bei Instagram folgen ihm rund 100 000 Menschen, dazu ist er in unfassbar vielen Privatchats und Whats-App-Nachrichten unterwegs. Umso spannender ist das, weil er erst Anfang 2021 mit seinen Kurzvideos angefangen hat. „Dass Instagram in der Zeit seinen Algorithmus geändert und Reels gepusht hat, hat den Erfolg der Dinger erst möglich gemacht“, sagt Lukas Staier aka Cossu. Legendär etwa sein Video von der Verwandlung zum Voll-Schwarzwälder: „Nach 1 Tag im Schwarzwald“ steht dort am Anfang des Videos. Cossu bewegt sich auf die Kamera zu, die sich im Spiel in die Eistheke verwandelt, und bestellt in akzentfreiem Hochdeutsch eine Kugel Erdbeereis. „Nach 1 Woche im Schwarzwald“ würde er „so ä Kugel Erdbeereis nemme“. Stärker wird der Dialekt im dritten Bild, also nach „1 Monat Schwarzwald“. Im vierten Auftritt, überschrieben mit „nach 1 Jahr im Schwarzwald“, hat sich Cossu schon optisch verändert: kariertes Hemd, hinter Kopf und Schultern ragt ein Tannenzweig hervor. Cossu stolpert herein, schaut sich mit müdem Blick um, nutzt ein paar Vorbemerkungen, um die Veränderung zu zeigen, und bestellt „ä Bolle vun sellem Erberre-Iis“. 14 Sekunden Dialektcomedy zum Totlachen. Genauso die Videos vom ersten Treffen mit dem Schwiegervater in spe oder der Singlebörse im Schwarzwald. Oder die Videos, in denen er deutsche Dialekte quer über die Landkarte imitiert und mit ihnen verschiedene Charaktere präsentiert. Zum Beispiel den Sachsen, der erklärt, wie sehr er Ausländer mag …

Dass er in seinen Videos Charaktere in die eine oder in die andere Richtung überzeichnet, gibt Cossu gerne zu, vorwerfen lassen will er es sich aber nicht. „Ich bediene mich bestimmter Stereotypen, ich verstärke sie aber nicht. Mir ist es im Gegenteil wichtig, sie nicht platt auszuspielen, sondern sie auch mal in einen anderen Kontext zu stellen.“ Der nächste Schritt steht für ihn dabei fest: „Ich brauche ausdifferenzierte Charaktere mit ihrer persönlichen Geschichte. So wie die Figuren von Teddy Teclebrhan.“Teddy ist Cossus schwäbisches Vorbild. Die Inspiration dazu findet er im Alltag. „Heute bin ich an einem Opa vorbeigefahren, der auf dem Balkon saß und den Verkehr beobachtete“, erzählt er. „Das war ein Aha-Erlebnis. Ich dachte: Genau der will ich doch sein in meinem Karohemd.“

Cossu im Fernsehen

Die Aufmerksamkeit für seine Figuren hat er jetzt – und neuerdings bewegt sich Cossu auch wie selbstverständlich im Fernsehen, unter anderem im Programm von Chris Tall. Der Comedian habe die Dialektimitationen erst richtig aus ihm herausgekitzelt, sagt Cossu. Aus den sporadischen Auftritten in Chris Talls Show wurde zuletzt ein festes Engagement als komödiantischer und musikalischer Sidekick. Cossu greift als Rapper zum Mikrofon und battlet die Gäste in Chris Talls Show „Darf er das?“. Nicht das erste Mal, dass Cossu Musik und Comedy kombiniert.

Music was his first Love

Dabei wollte Cossu eigentlich gar kein Komiker sein. Vom Fußballer und Ringer ging der Name schnell auf den Rapper über. Lukas Staier trat im Haslacher Jugendhaus auf, bald darauf auch in Offenburg im Juze Kessel, wo er sich mit Gleichgesinnten für Projekte verabredete. Rausgekommen ist dabei selten was: „Ich habe immer zu lang an den Songs gearbeitet, habe dran gefeilt, bis sie zu alt waren.“ Das änderte sich, als er während seines Zivildiensts in Freiburg die Chance hatte, mit regionalen und überregionalen Szenegrößen zusammenzuarbeiten, und er außerdem als Voract der Orsons und anderer etablierter Künstler auftrat. Cossu machte ein Mixtape, nahm an Wettbewerben teil und gewann mit Songs zu politischen Themen. „Gebt den Kindern Bücher, denn sie sind die Waffen gegen Krieg“, heißt es im Song „I have a Dream“. Mittlerweile wohnte er in Heidelberg und studierte Deutsch, Sport und Geografie auf Lehramt. Um Geld zu verdienen, war er als Merchandiser mit Comedian Bülent Ceylan auf Tour, verkaufte dessen Fanshirts und Pullis. Ceylan bekam Wind von Cossus Mucke und gab ihm kurzerhand einen Platz in seinem Vorprogramm. Cossu bewährte sich bei der RTL-Aufzeichnung und genauso bei den Shows danach. Nach den Auftritten hieß es schnell zurück an den T-Shirt-Stand. Mitgenommen hat Cossu aus der Zeit viel: „Erstens stellte ich fest, dass ich meine Texte für die Bühne und nicht nur fürs Studio schreiben muss. Und zweitens: Ich startete nicht vor einem Rap-, sondern vor einem Comedypublikum. Wenn ich mit ernsten Texten punkten wollte, musste ich mindestens in den Überleitungen witzig sein.“ Durch seine Videos hat sich Lukas Staier sein eigenes Publikum geschaffen. Dem will er jetzt die volle Ladung Cossu geben. Von der Comedy hat er gelernt: Einfach raushauen! „Im Moment kann ich alles machen und es läuft“, sagt er selbst noch etwas ungläubig und wechselt kopfschüttelnd wieder in die Rolle …

Kinzigdäler

Lukas Staier alias Cossu kommt aus dem Kinzigtal, sein kultiges gelbes Hemd nur aus dem Urlaub. Seinen Vater aus dem Kongo kannte Cossu nie: „Ich bin weiß aufgewachsen.“ Als Alleinerziehende habe es seine Mutter nicht leicht gehabt. Auch deshalb, weil er als schwarzes Kind hervorstach. Rassismus hat er am eigenen Leib erlebt. Ist das Lachen über Vorurteile sein Weg, dieselben abzubauen? – „Ich will Stereotype nie nur reproduzieren …“

#heimat Schwarzwald Ausgabe 26 (3/2021)

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