Ein wahres Wintermärchen

Ein besonderer Wintertag mit ganz viel Schnee und einer XXL-Skitour – inklusive aller großen Abfahrten im Südschwarzwald

Text: Tim Fritz · Fotos: Baschi Bender

Von Zeit zu Zeit fallen mir alte Fotos meines Opas in die Hände. Er war Skilehrer, Fotograf und Filmemacher aus Todtnau. Die Bilder und seine Geschichten erzählen von unberührten Tiefschneehängen rund um Feldberg, Herzogenhorn und Belchen. Von Abfahrten, die bis hinunter nach Freiburg reichten und somit das Alpen-Fernweh verdrängten. Jede dieser Abfahrten hat er handschriftlich in einem Buch festgehalten. Schaut man auf das Datum dieser Aufzeichnungen, bemerkt man schnell, dass die Erzählungen aus den guten alten Wintersportzeiten im Schwarzwald stammen. Heutzutage hingegen benötigt man eine große Portion Glück – und das Timing eines Schweizer Uhrwerks, um auch nur eine dieser Abfahrten wiederholen zu können. Viel zu selten fällt bei uns heute der Schnee bis in die Täler. Und wenn, dann ist er tags darauf schon wieder verschwunden. Wir wären jedoch keine Schwarzwälder, wenn uns diese Schwierigkeiten von dem Plan abbringen würden, all diese Abfahrten zu fahren! Im Gegenteil! Wir gehen einen Schritt weiter und wollen alle an nur einem Tag befahren! Warum? Weil es oft nur einen Tag in vielen Jahren gibt, an dem das überhaupt möglich ist.

Ein ganz besonderer Tag

„Baschi, es schneit bis runter“, tippe ich aufgeregt ins Handy – an diesem einen, ganz besonderen Tag. Nur um meinen Freund aus Freiburg zehn Sekunden später mit dem gleichen Wortlaut anzurufen. „Morgen ist der Tag, auf den ich seit Jahren warte. Wir fahren alle große Abfahrten im Südschwarzwald – an einem Tag!“ Er soll den  Rucksack packen, sich die Tourenski schnappen, die Felle, das Lawinenverschüttetensuchgerät (LVS), die Schaufel, die Sonde und ein paar Riegel. Denn: Das wird ein langer Tag! Baschi ist dreifacher Familienvater, selbstständiger Fotograf, und war mit seiner Kamera schon überall auf der Welt im Schnee unterwegs. Trotzdem lässt er für einen solchen Tag daheim alles stehen und liegen. Totti, der Dritte im Bunde, will eigentlich bei so einer Gelegenheit eine ganz andere Tour gehen und wir müssen ihn zuerst davon überzeugen, dabei zu sein. Ob er seine Entscheidung, mitzukommen bereute? Urteilt selbst …

8–12 Uhr: Brandenberg, Herzogenhorn, Präg

Wer den Schwarzwald kennt, der weiß, dass es schönere Berge als den höchsten gibt. Auch uns zieht es nicht auf den Feldberg, sondern zuerst Richtung Herzogenhorn – mit seinen 1415 Metern trotzdem natürlich auch noch einer der höchsten in unserer Region. Da die Busverbindung zum Feldbergpass sowohl von Freiburg wie auch von Todtnau stündlich funktioniert, sparen wir uns die ersten Höhen-
meter, nehmen öffentliche Verkehrsmittel und treffen uns auf dem Feldbergpass. Nachdem dort die Felle auf die Tourenski montiert sind, laufen wir freudig unserer ersten Abfahrt entgegen. Baschis und meine Motivation reicht, um Tottis anfängliche Skepsis schnell auszugleichen. Je weiter wir jedoch laufen, desto schneller wird auch sein Schritt, und er beginnt, sich mit der Situation anzufreunden. Spätestens bei der ersten Abfahrt Richtung Präg sind wir dann alle drei gleichermaßen überwältigt von der Schneequalität, die uns bei jeder Kurve um die Nasenspitze wirbelt. Alles läuft nach Plan! Wir sind sehr gut in der Zeit und die letzten Meter bis zur Bushaltestelle in Präg können wir sogar noch auf einer dicht zugeschneiten Straße fahren. Das hat man ja auch nicht allzu oft …

Der Fahrplan meint, dass der Bus Richtung Herrenschwand in zehn Minuten abfährt. Zeit genug, um kurz einen Riegel zu essen und mit ein paar Einheimischen über die Schneemengen und die Wettervorhersage zu plaudern. „Heute Abend wird’s wärmer und es fängt an zu regnen“, bestätigt ein alter Mann mit Schneeschaufel unsere Befürchtungen. Doch das nächste Gesprächsthema ist weitaus ernüchternder: „Wartet ihr etwa auf den Bus?“
Der kommt nicht. Aber nicht des vielen Schnees wegen, sondern weil er nur an Schultagen fährt. „Jetzt sind aber gerade Ferien“, erklärt uns der Mann mitleidig. Totti schaut uns strafend an. Zu Recht, denn zum einen hätte Baschi mit seinen Kids das mit den Ferien durchaus wissen können. Zum anderen – noch schlimmer – war ich derjenige, der von der 1. bis zur 13. Klasse jeden Tag mit genau diesem Bus von Schönau nach Herrenschwand fahren durfte. Nix ist’s also mit entspannter Busfahrt. Aber noch lange kein Grund, den Kopf in den Schnee zu stecken. Um den Zeitplan einigermaßen halten zu können, entscheiden wir uns, die Steigfelle auf die Ski zu kleben und nach Herrenschwand zu laufen. Da ich diesen Weg schon früher mit Schulranzen laufen musste (wenn ich den Bus verpasst hatte), weiß ich natürlich, dass die nächste Stunde im Tiefschnee sehr, sehr anstrengend werden dürfte …

12–15 Uhr Präg, Hochgescheid, Schönau

Der steile Weg führt uns durch einen tief eingeschneiten Wald Richtung Tiergrüble. Ganz in der Nähe dieses Passes oberhalb von Schönau liegt die Tunauer Schweine,, eine Waldschneise, welche über 700 Tiefenmeter ins Tal abfällt. Diese Abfahrt konnte ich neun Gymnasialjahre lang aus unserem Klassenzimmer betrachten und ich kann mich an keinen einzigen Winter erinnern, in dem man mit Skiern bis nach unten hätte fahren können. Ansonsten hätte ich – ganz klar – anstatt des Busses ja meine Skier benutzt, um von Herrenschwand nach Schönau in die Schule zu kommen. An diesem Tag ist die Abfahrt umso mehr ein Hochgenuss und nachdem wir die stürmische Einfahrt auf 1200 Metern gefunden haben, fühlen wir uns zeitweise wie in Kanada. 40 Zentimeter feinster Pulverschnee fegt um unsere Knie und von oben schneit es ununterbrochen weiter. Unten angekommen, läutet es vom Kirchturm. 15 Uhr. Angesichts der Tatsache, dass wir die Hälfte unserer Tour noch vor uns haben, überlegt jeder kurz, ob er die Stirnlampe auch wirklich in den Rucksack gepackt hat. 

15–18 Uhr Schönau, Belchen, Münstertal

In Schönau fährt der Bus pünktlich und wir können in den 25 Fahrminuten die Beine hochlegen, unsere Energiespeicher auffüllen und noch einmal das Wetter checken. Allerdings bräuchte es keine Wetter-App. Ein Blick aus dem Busfenster genügt und uns ist klar: Heute kriegen wir schon mal keinen Sonnenbrand mehr. Bei dickem Nebel und viel Wind verlassen wir schließlich 400 Höhenmeter unter dem Belchen-Gipfel den gemütlichen Bus. Totti ist jetzt nicht mehr zu bremsen und übernimmt die Spurarbei