Schluchsee

Deutschlands höchstgelegener Stausee ist fast zu groß für ein Wochenende. Hier ist es schön am Wasser, auf dem Wasser und erst recht bei Tisch!

Text: Pascal Cames · Fotos: Dimitri Dell Fotos: Jigal Fichtner

Ach Schwarzwald! Loben die einen die Berge, die nächsten den Speck, kommt sicherlich einer ums Eck und sagt: „Aber ein Meer hat er nicht!“ 100 Punkte! Aber er hat Seen wie z. B. den Schluchsee. Eventuell ist es ja gar kein See, sondern nur der Zipfel eines kroatischen Fjords? Das herauszufinden, war die selbst gewählte Aufgabe für mein Wochenende am Schluchsee.

Freitag, 15:00 Uhr

Aber statt auf ein Flaschenbier mit Seeblick einzukehren, brause ich vorbei nach St. Blasien zum höchsten Dom Deutschlands. Hier in der Einöd ließ im Jahr 1768 Fürstabt Martin Gerbert für seine Mönche, eine Handvoll Bauern und Waldarbeiter einen Dom bauen. Die Idee dazu brachte er von einer Rom-Reise mit.

Gab’s vorher viel Grün und Blau zu sehen (der Wald, der See), so wird man in der Kirche vom Weiß geblendet. Wie im Paradies! Die Kuppel (18 Meter) wirkt gigantisch. Aber hier wurde getrickst, erzählt mir Christoph Eckert. Die Säulen sind unten dicker und oben dünner, erklärt mir der Domführer. Diese optische Täuschung lässt den Dom höher erscheinen. Zum Abschluss verrät mir Christoph Eckert, dass er gegenüber der Villa Tirpitz wohnt. Villa was? Alfred von Tirpitz (1849–1930) war der Admiral, der Kaiser Wilhelm II. eine Flotte einredete und, um sie zu finanzieren, die Sektsteuer. Und dieser Tirpitz war oft in St. Blasien in den Ferien.

Seit 1806 gibt es kein Kloster mehr. Statt Waldbauern kommen Touristen, die danach Kirschtorte essen wollen. Mich zieht es ins Café Rosalie mit seinem Vintage-Style. Das Café hat eine kleine Terrasse über dem Fluss und zudem einen Biergarten. Ich sitze auf Polstern, die aus Kaffeesäcken genäht wurden, und lese auf der Tafel: „Schöö, dass do bisch.“ So angenommen fühlt man sich hier wirklich. Im Sommer gibt es freitagabends Cocktails, ansonsten das volle Programm aus salzig (Wurstsalat etc.) und süß. Für meinen Geschmack ist die vegetarische Quiche genau richtig. Dank dem frischem Salat macht sie munter. Auch munter und heiter ist die Chefin Tanja Eckert, die es nach einem Marketingleben in halb Europa hierher verschlagen hat. „Gehen die Leute nicht fort, weil es nichts gibt, oder gibt es nichts, weil die Leute nicht fortgehen“, war ihre Frage. Die gelernte Hotelmanagerin beantwortete sie so, dass sie ein Café eröffnete. Wohnen tut sie aber in der eben schon erwähnten Villa Tirpitz.

Einmal über die Brücke und die Straße hoch vorbei an einem Dutzend Cafés gelange ich zu Maximilian Wagner, der nicht in und auch nicht vis-à-vis der Villa Tirpitz wohnt, dafür aber die Tirpitz’sche Sektsteuer blechen muss, die es immer noch gibt. Denn Max Wagner stammt aus Kallstadt an der Pfälzer Weinstraße, bekanntlich der Heimat von Heinz (Ketchup) und Familie Trump. Max Wagner war vormals im Gin- und Wermut-Business (Belsazar) und kam der Liebe wegen in den Schwarzwald. Das war keine üble Idee, denn so darf er seine Kellerei nun die höchstgelegene in Deutschland nennen. Tangiert das den Druck auf der Flasche? Nein, natürlich nicht. Da auch noch anderswo gut versektet wird, muss der smarte Mann etwas bieten. Das macht er z. B. mit seinem Showroom, der schwer nach Munich Disco ausschaut. Wären hier Oliver Kahn oder Sophia Thomalla auf dem Sofa, es hätte mich nicht gewundert. Aber ich bin alleine. Auch gut! Cheers Max!

Freitag, 19:00 Uhr

Das Kamino ist ein Restaurant in der Gemeinde Häusern. Der schwarze Stier vor dem Haus lässt darauf schließen, dass der Schwarzwald-Elch verdrängt wurde. Chefkoch ist ein überaus sympathischer Spanier, der der Liebe wegen nach Häusern kam. (Wer eigentlich nicht?) Ivàn Lagunas Romeo und seine Frau Steffi Zumkeller (die aus Häusern stammt) haben hier etwas Besonderes geschaffen. Der Blick auf die Karte zeigt, woher der Wind weht. Vom Mittelmeer! Zum Ankommen gibt es Brot mit Olivenöl,  danach ein herrlich frisches Gazpacho Andaluz mit Gurkensorbet, gefolgt von einem Kotelett vom Ibérico-Schwein mit Tempranillosauce, Stampfkartoffeln mit Thymian-Zitronen-Pesto und Pfannengemüse. Aha, ein spanisches Restaurant also. Aber so will es der Koch nicht stehen lassen. Er hätte ja auch kein Ristorante, bloß weil er Lasagne auf der Karte hat. Wie dem auch sei, die kalte Suppe erfrischt nach diesem langen Tag, das Fleisch ist herrlich zart und perfekt abgeschmeckt, und das Gemüse hat feine Röstaromen. Sowieso singen die Kräuter einen Gruß vom Mittelmeer. Steffis Weinbegleitung (einmal badisch, einmal spanisch) spielt das perfekte Doppel. Kamino heißt auch Weg, und auf diesen mache ich mich so satt wie glücklich ins Schreyers Hotel Mutzel.

Samstag, 10:00 Uhr

Das Hotel hat sogar Seeblick. Aber auch wenn ich mir den Hals verrenke, ich kann weder Anfang noch Ende erkennen. Wie groß ist der Tümpel?Ursprünglich war er mal sehr klein, viel kleiner als beispielsweise der berühmte Titisee. Aber schon vor 100 Jahren wusste man, dass ohne Energie nix los isch, und so wurde eine Staumauer errichtet, die Häuser abgerissen und das Wasser gestaut. Als 1983 der See abgelassen wurde, fanden die ehemaligen Bewohner in ihrer ehemaligen Siedlung nur noch Grundmauern. Hier schaut leider kein Kirchturm aus dem Wasser wie in Südtirol.

Am Bootsverleih bin ich der Einzige. Was ist los? Ist der See out? Der Mann an der Verleihe weiß es auch nicht, es wäre mal so, mal so. Aber es sind schon ein paar Leutchen auf dem Wasser. Weiße Segel glänzen in der Sonne und hier und da ist auch ein Boot, ein SUP, ein Schiff zu sehen. Kennt jemand noch Miami Vice? Die Fantasie geht mit mir durch! Ich sehe mich schon durchs Fernglas das Wasser nach Schnellbooten mit Speckschmugglern absuchen und tiefe Wellentäler durchpflügen. Aber ein E-Boot ist kein Motorboot. „Wie schweben“, fällt mir dazu ein. Ich sehe Nudisten und Picknicker am Ufer, Familien im Tretboot und einen schimpfenden Angler. Habe ich ihm die Tour versaut? Ich schwebe an der Landzunge vorbei und entdecke den Riesenbühlturm. Kann ich von dort den ganzen See überblicken?

Samstag, 12:00 Uhr

Das Café am See hat Seeblick, kein Frühstück, aber Kuchen. Das reicht! Etwas weiter oben, von Aha starte ich meine kleine Wanderung auf dem Uferweg zum Ausflugslokal Unterkrummenhof. Je näher ich komme, desto größer wird alles. Hier hocken Hunderte auf Stühlen, Bänken, Baumstämmen, chillen auf einer Liege oder trinken ein Bier im Stehen. „Früher war das anders“, erinnert sich jemand. Aber wie eine Vesperplatte geht, haben sie nicht vergessen. Mit Bauernbrot schmeckt sie rustikal und herzhaft. Das kleine Stück Melone passt auch hervorragend dazu. Schiff ahoi! Gerade 100 Meter entfernt liegt die Schiffsanlegestelle. Das muss man doch auch mal gemacht haben! Wieder kann ich das Ende des Sees nicht sehen.