Goodbye Hornberg

… and hello again! In New York wird Karsten Staiger als Fotograf gefeiert – dabei wollte der Hornberger Bub eigentlich nur zum Malen hoch hinaus 

Text: Thomas Glanzmann Fotos: Karsten Staiger, Jigal Fichtner

So ganz lässt einen die Heimat ja nie los. Auch nicht, wenn man seit Jahren in New York lebt, mit Hollywood-Größen wie Robert Redford arbeitet oder mit Foreigner auf Tour geht. Im Herzen bleibt man Schwarzwälder – und das ist auch bei Karsten Staiger nicht anders, der seit 27 Jahren nicht mehr auf Belchen oder Feldberg klettert, sondern aufs Empire State Building, das neue One Vanderbilt oder sich an der Manhattan Bridge auf der Jagd nach dem perfekten Licht die Abende um die Ohren schlägt …

„Karsten?“, ruft Fotograf Jigal Fichtner, der ein Porträt von seinem Kollegen mit dem großen Namen machen soll. Gerade sind wir den Turm von Hornbergs Schloss hinauf und Jigal hat eine Idee, wie er Karsten auf die Schlossmauer setzen will. Aber Karsten? Und hinsetzen? Das wird nix. Noch bevor wir uns ganz zu ihm umdrehen, steht er schon auf der Mauer des Turms und breitet die Arme aus, als wolle er davonfliegen. Die anderen Schlossbesucher schauen etwas irritiert. Viel fehlt nicht bis zur Ermahnung durch einen wildfremden Ausflügler. Aber Karsten strahlt über beide Ohren und genießt die Aussicht von hoch oben. Das ist seine ganz persönliche Perspektive. Wie daheim auf den Dächern von New York.

 

Ein Hornberger in New York

Karsten ist hier schließlich auch zu Hause. Denn der New Yorker Fotograf ist eigentlich ein Hornberger. Lange bevor er bei Sibylle und Robert Redford ein und aus ging, um von ihnen Porträts zu schießen, und lange bevor er zum ständigen Begleiter der Band Foreigner wurde, wuchs Karsten hier in Hornberg auf. Die ganze Ortenau kenne er noch gut, sagt er. „Ich war Triathlet und nicht mal schlecht. Auf den Wettkämpfen war ich in der ganzen Gegend unterwegs.“ Bis eine Knieverletzung seine Ambitionen ausbremste und Karsten ein neues Hobby brauchte.

Fotografieren? Wozu?

Zur Kamera griff er damals aber noch nicht. „Ich habe mich nie für Fotografie interessiert“, erinnert er sich an seine Einstellung aus der Zeit. „Ich wollte klettern – auf Bäume und Türme. Nichts Ungewöhnliches, wenn du im Schwarzwald lebst.“ Das tat er, und die Perspektive von ganz oben hat es ihm auch damals schon angetan.

Genauso war es dann später in New York, wohin er eigentlich als Nachwuchsmaler kam: „Ich musste einfach auf die Dächer zum Malen – das war meine Meditation. Ich brauchte kein Atelier.“ Aber erst mal zurück an den Anfang dieser speziellen Auswanderergeschichte aus dem Schwarzwald …

Mit 500 D-Mark nach New York

Mit zwei Taschen, 500 D-Mark, einer abgebrochenen Grafikerausbildung und ohne Papiere stand Karsten 1995 in New York. Malerei war sein Traum – noch in Deutschland verkaufte er Airbrushbilder auf Leinwänden – und er wusste, dass er einfach hierher gehört: „New York war für mich immer eine Stadt der Künstler.“ Kurz zuvor war er mit einem Freund im Urlaub einen Monat bei einem Maler in Bedford-Stuyvesant gewesen. Hier in Brooklyn gab es den Beruf sehr wohl, von dem ihm in seiner Ausbildungszeit alle gesagt hatten, dass er nicht existiere.

Hochzeit (mit) der Fotografie

Für ein paar Jahre lebte er sein Leben als Maler. 1998, mit 26 Jahren, hatte er eine Ausstellung im deutschen Konsulat, präsentierte und verkaufte seine Porträtmalereien in Ölfarbe. Mit der Fotografie in Berührung kam Karsten erst durch seine damalige Frau, eine Fotoagentin. Zusammen machten sie sich selbständig und als Brot-und-Butter-Beruf kümmerte sich Karsten um die Technik und die Bildbearbeitung. Von seiner Ausbildung her kannte er den technischen Part noch gut.

Ausgerechnet einen hochkarätigen Job wollte eines Tages kein Fotograf aus dem Fotostudio machen: Auf dem Plan standen Produktfotos für den Diamantenhändler De Beers (A Diamond Is Forever). „Ein sehr spezieller Job“, erinnert sich Karsten. „Keiner hat sich getraut. Bis ich kam und sagte: ‚Ich mach das.‘“ Und zwar erfolgreich, denn es folgten Aufträge für weitere Produktfotografien und für Porträts – ganz ohne Ölfarbe, dafür mit Linse und Blitz. Und mit digitaler Kameratechnik. „In der Zeit um 9 / 11 steckte die digitale Fotografie noch in den Kinderschuhen“, erinnert er sich. „Ich stieg da mitten ein, als sich die etablierten Fotografen noch dagegen wehrten.“ Vielleicht auch ein Grund, warum es für Karsten so rasant bergauf ging. Wieder zögerte er nicht, sondern sagte: „Klar, mach ich!“

Schmerzliche Vorgeschichte

Dass Karsten in dieser Zeit kaum an seine Heimat im Schwarzwald dachte, hatte mit seinen damals stärksten und schmerzlichsten Erinnerungen an Deutschland zu tun: Karstens Mutter war an Krebs gestorben, als er noch ein Kind war. Sein Vater fünf Jahre später an einem Herzinfarkt. Die Kinder wechselten nur noch so zwischen verschiedenen Pflegefamilien. Es wird still, wenn sich Karsten an diese Zeit erinnert. Vielmehr schweigt er und reißt sich sichtbar zusammen. „In New York habe ich mich zum ersten Mal wieder zu Hause gefühlt und als Fotograf war ich nun angekommen.“

Back to Black Forest

2013, etliche Ausstellungen – nun als Fotograf – und Tausende Bilder später, kam Karsten zum ersten Mal wieder zurück nach Deutschland. Ein Besuch back to the roots, auch für seine Tochter. Ihr wollte er zeigen, wo Papa herkommt. Seither trifft er auch seinen Bruder wieder. Auch hier im Schwarzwald ist er wieder angekommen. Auf dem Termin mit uns trifft er unter anderem Elisabeth, die Frau seines Cousins, und Carsten, einen Freund aus Schulzeiten. Der New Yorker Fotograf schlägt wieder Wurzeln und erzählt von der Wohnungssuche im Kinzigtal.

Botschafter für Deutschland

Neben den privaten hat das auch berufliche Gründe. Für das Fotolabor Whitewall agiert Karsten als Markenbotschafter für Deutschland. Gemeinsame Events seien schon geplant, Genaueres verrät er noch nicht. Nach unserem Gespräch genießt Karsten jetzt noch ein bisschen die Sonne oben auf dem Schlossturm und den Wind, der die Fotowand im Hintergrund abheben lässt. Kein Problem für Karsten, er hat Zeit mitgebracht. So ist das, wenn man mal wieder daheim ist. Gut möglich, dass Ihr den Mann von den Dächern in New York auch mal auf der Mauer Eurer Lieblingsburg im Schwarzwald sitzen seht. Fragt ihn dann doch einfach mal nach einem Selfie …

New York Love Story

Als Wahl-New-Yorker kennt Karsten Staiger seine Stadt wohl aus allen Blickrichtungen. Mit Aufzügen und Kränen hat der Mann aus Hornberg die menschengemachten Gipfel der Stadt erklommen. Als Corona kam, sagte er sich: „Jetzt muss ich runter.“ Er fotografi erte leere Straßen und U-Bahn-Stationen im Lockdown. Für Bilder aus der Millionenstadt ist das mindestens genauso beeindruckend wie der Blick von Rooftops. Gesammelt hat Karsten die Bilder und dazu Videos von ihrem Entstehungsprozess in seiner großen Fotostory mit dem Titel New York Love Story. Zu sehen sind die online unter: www.newyorklovestory.com

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