Als Anfängerin im Strickkurs

Für die kalte Jahreszeit braucht's ein gutes Hobby. Warum nicht stricken? Redakteurin Annika hat sich ihren Weg durch Maschen und Wolle gebahnt…

Text: Annika Schubert · Fotos: Jigal Fichtner

Jetzt wird’s ernst. Schießt es mir durch den Kopf, als sich Minute um Minute immer mehr Strickerinnen zum Workshop in der Herbolzheimer MEZ Creativ-Welt einfinden. Sie rücken ihre Stricknadelmäppchen auf dem Tisch in Pose. Stricknadelmäppchen! Bis dato wusste ich nicht mal, dass es die gibt. Ich für meinen Teil klammere mich lieber erst mal an meiner Cappuccinotasse fest. Habe kleine Schweißperlen auf der Stirn. Ein klitzekleiner Anflug von Aufregung vielleicht? Könnte sein. Immerhin habe ich mich als fortgeschrittene Strickerin ausgegeben. Räusper. Eigentlich bin ich Anfängerin. Aber psst! Ich hoffe, es fällt nicht auf. Was ich auch hoffe ist, dass mein Hirn das verloren geglaubte Strick-Know-how aus dem Handarbeitskurs der Grundschule wieder an die Oberfläche befördert … 

Pokerface im Strickkurs

Zurück nach Herbolzheim. Es ist Mai. Die Sonne prasst. 30 Grad. Und der Fotograf piesackt mich. Er will, dass ich mir Strickpullimodelle überwerfe und dabei winterlich dreinblicke. Alles fürs Magazin. Winter und Herbst. Nicht gerade meine Lieblingsthemen. Jetzt, im fröhlichen Sommer. Der Gedanke an den Herbst verursacht bei mir immer Trägheit im Kopf. Und Dunkelheit, die zunehmend am Tageslicht knabbert, wenn das Jahr zu Ende geht.

An Dunkelheit sollte ich denken – vielleicht sehe ich dann nach Winter aus, wenn der Fotograf knipsen will, schießt es mir durch den Kopf. In diesem Moment klatschen die Kursleiterinnen Stefanie Biendel und Andrea Schmitz energisch in die Hände, trommeln die Teilnehmerinnen zusammen, die noch am Kuchenbüffet stehen. Es ist so weit! Biendel und Schmitz verkünden das Strickmenü: ein Schal mit Mosaikmuster soll entstehen. Innerlich klappt mir kurz die Kinnlade runter.

Ein schönes Winter-Hobby?

Wie war ich noch mal hier gelandet? Ach ja. Ich hatte den Entschluss gefasst, an meinen Beschäftigungen für die kalte Jahreszeit zu feilen. Mir schöne und spaßige Hobbys zu suchen – die Corona-Winter waren echt dröge. Und stricken – warum nicht?  Angesichts der steigenden Energiepreise können ein paar selbst gemachte Wollpullis echt nicht schaden. Aber wo das Stricken lernen? Allzu viel Zeit bleibt ja auch nicht mehr bis zum Herbst. Fünf Monate. Ein Kurs muss her. Aber schleunigst. Und da bin ich nun. Die Anfängerin unter Fortgeschrittenen. Nur eben inkognito.

Tuscany Tweed. So heißt die Wolle, mit der wir gleich losstricken, verkünden die Lehrerinnen. Sechs Knäuel mit den Lieblingsfarben aussuchen. Ich entscheide mich für Gelb, Orange und Grün. Kurz denke ich an meine fragmentarischen Strickereien der Vergangenheit. Den löchrigen Hauch eines selbst gestrickten Bikinis. Ein Winterschal aus roter Puschel-Wolle – beides unfertig ad acta gelegt.  Aber gut. Auf in die Gegenwart! Die Strickanleitungen, die jede Teilnehmerin vor sich liegen hat, scheinen zu helfen. Zumindest den anderen. Sie blättern, beratschlagen, tauschen sich ansonsten über Strickmodelle via Social Media aus, über „geniale Kniffe“, die sie in Strick-Foren aufgeschnappt haben. Und ich? Versuche derweil ein paar Grundmaschen auf die Nadeln zu bugsieren. Dass etwas faul ist, fällt spätestens auf, als ich zum vierten Mal meine Reihen aufribbele und neu starte, während die anderen schon den halben Schal gestrickt haben. Zumindest fühlt es sich so an. Verstohlen spähe ich auf die Werke meiner Nachbarinnen, verheddere mich in der Wolle und im Blick von Frau Schmitz. Sie kommt rüber. Entlarvt? Nein, sie lächelt. Puh. Möchte mir Starthilfe geben. Sagt: „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Weißt du, in den 1980ern haben die Grünen im Bundestag gestrickt. Und wir Schülerinnen in der Schule. Das war damals normal.“ Sie stricke schon seit Kindestagen, sei bei ihrer Oma quasi unter der Nähmaschine aufgewachsen. „Das Stricken lernst auch du noch.“ Sie nickt mir aufmunternd zu. Das Knäuel, das mir vom Herzen fiel, muss auch sie gehört haben. 

So langsam klimpern die Nadeln auch bei mir, wenn auch nicht ganz im Rhythmus. Ich beginne mich zu entspannen. Ein kleines Dreieck fließt aus meinen Nadeln. Ich denke an den Herbst. Und daran, dass ich wirklich ein neues Hobby gefunden habe. Im wippenden Lehnstuhl vor dem knackenden Kaminfeuer. In meiner kühnsten Fantasie ist der Wollpulli schon fast fertig.

#heimat Schwarzwald Ausgabe 34 (5/2022)

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