Nachhaltige Permakultur: Hier wächst was zusammen!

Warum lieben Erdbeeren Knoblauch als Nachbarn? In Ottersweier denkt Nicole Friedmann Landwirtschaft neu. Mit ihrer kleinteiligen Permakultur liegt sie voll im Trend.

Text: Pascal Cames · Fotos: Jasmin Fehninger

Nicole Friedmann und ihr Weg in die Permakultur

Junge Leute in ihren 20ern: Weltreise und dann BWL, Marketing, Sprachen oder Soziale Arbeit studieren? Nicole Friedmann aus Ottersweier tickt anders. Man muss nur ihre Hände anschauen: schwarz. Ihre Füße: auch schwarz. Wenn es heiß ist, dann steht die junge Bäuerin barfuß auf der Ackerkrume. Wie das so ist zwischen Karotte und Kartoffel, bleibt fürs Hände- und Füßewaschen nicht viel Zeit. Und jeden Tag bleibt ein bisschen mehr von der guten Erde auf der Haut und unter den Nägeln haften. Kriegt man die noch sauber? Nicole lacht und schaut ihre Hände an. Wichtige Arbeitsgeräte in ihrer Permakultur, die sie seit 2019 auf dem elterlichen Hof betreibt und in der einiges anders läuft als in der konventionellen Landwirtschaft. Wir haben mal ein paar Stunden lang mit Nicole mitgeackert ...

Die 29-Jährige arbeitet nicht nur mit den Händen, sondern auch mit Werkzeugen wie der Grelinette mit ihren vier Zinken. Während andernorts in der Rheinebene Traktoren und Vollernter über die Äcker rollen, läuft bei ihr Landwirtschaft wie vor der Erfindung des Pflugs. Sie macht es vor, steigt auf die Grelinette und rammt die vier Zinken mit ihrem Körpergewicht in die Erde. Nicole schaukelt und ruckelt vor und zurück und lockert dadurch den Boden. So kommt Luft hinein, aber die Erde wird nicht umgegraben. Offensichtlich macht ihr das auch Spaß. Aber ist es noch ein Vergnügen, wenn man das pro Reihe 50-mal machen muss? „Das Gerät kommt aus Frankreich“, erklärt Nicole, was es aber auch nicht besser macht. „Das ist meine Fitness im Frühling.“

Permakultur einfach erklärt

Bei der Permakultur zählt nicht die Masse des Ertrags, man findet sie vor allem in Privatgärten und auf kleinen Bauernhöfen. Lieber weniger produzieren, dafür besser – und dabei Mutter Erde Gutes tun. Das Konzept geht zurück auf die Australier Bill Mollison und David Holmgren, die in den 1970er-Jahren den bereits in Europa bekannten Biolandbau für sich entdeckten. Ziel der Permakultur: natürliche Ökosysteme mit großer Artenvielfalt nachzuahmen. Monokulturen, chemische Dünger und Pestizide werden dabei vermieden. Bei dieser Form der naturnahen Landwirtschaft wird die Erde nicht umgegraben und die Wurzeln von abgestorbenen Pflanzen bleiben im Boden. Es gibt keine Fruchtfolge und viele Pflanzen teilen sich eng beieinander ein Beet. Die Pflanzen sollen sich gegenseitig mit Nährstoffen unterstützen oder vor Ungeziefer schützen. 36 verschiedene Gemüse- und Obstsorten hat Nicole in ihrem Garten gezählt. Wenn die natürlichen Kreisläufe in einer Permakultur funktionieren, ist theoretisch die Selbstversorgung kleiner Gemeinschaften mit wenig Fläche möglich.

Richtlinien und Siegel, die genau definieren, was Permakultur ist, gibt es jedoch nicht. Für den Laien sieht der Garten der gelernten Friseurin auch etwas nach Wildwuchs aus, doch das täuscht, die junge Frau hat den Überblick. Wie ein junger Napoleon inspiziert sie ihre „Truppen“. Mit langem Zeigefinger zeigt sie von links nach rechts und wieder zurück, wenn ihr wieder was einfällt. Da wächst das, da steht das und dort wieder was anderes. Knapp 5000 Quadratmeter hat Nicole in Ottersweier zu bewirtschaften.

Der nachhaltige Bauernhof ist Familiensache

Ihr „Reich“ ist der Bauernhof, der schon seit 300 Jahren im Besitz der Familie ist – und weit entfernt vom Hochleistungsbetrieb. Der Vater hatte ein Malergeschäft, jetzt in der Rente hilft er mit. Auch die Mutter ist tatkräftig dabei. Aber auf dem Acker jätet Nicole. Sie zieht und pikiert die Setzlinge und sie erntet Salat, Kohl, Lauch, Knoblauch, Zwiebeln...

Der Hof ist zweigeteilt, mitten durch geht die Landstraße nach Neusatz. Auf der einen Seite befinden sich also Haus und Hof sowie Gärten und Glashaus und auch ein bisschen Wildnis neben und zwischen den Nussbäumen. Jenseits der Straße liegen die größeren Felder sowie Gewächshaus und Hühner, die sie für 1,50 Euro von einer Hühnerfarm abgekauft hat. Hier können sie stressfrei Eier legen, den Boden auflockern – und fett werden. „Ich hatte eine Gemüseallergie. Ich habe nur Fleisch gegessen“, sagt sie. Es soll nicht das Einzige sein, was an ihr überrascht.

Permakultur Zonen erklärt: So ist Nicoles Garten aufgebaut

Gartenbau in der Zone Getreu der Permakultur hat sie ihren großen Garten in fünf Zonen eingeteilt. Zone null ist das Haus, Zone eins ist der schnell begehbare Garten mit Kräutern, Zone zwei hat Gemüse, in Zone drei wächst das Obst und in Zone vier lagert Holz und dort sind die Tiere. Zone fünf ist für die Wildnis reserviert. Für sich selbst hat sie auch noch eine Zone bei den Nussbäumen, wo der Garten noch eine Spur wilder ist. Hier hat sie ein Weidenhaus mit einem Bett aus verwildertem Rollrasen. Es könnte auch der Lieblingsplatz von Pippi Langstrumpf sein.

Jedes Jahr bekommt sie Flächen von Nachbarn dazu. „Ich könnte noch viel mehr Flächen haben“, sagt sie, „denn ringsum leben nur alte Leute.“ Was können die mit ihren Äckern machen? Nicole bekommt auch Schafswolle, Grünschnitt und Heu von den Nachbarn geschenkt. Sie hat dafür Verwendung, zum Beispiel als Dünger oder um Flächen abzudecken.

Mischkultur in der Permakultur: Welche Pflanzen zusammen wachsen

Anhand zweier Beispiele erklärt sie, wie verschiedene Pflanzen in der Permakultur zusammenarbeiten: In einem Beet wachsen Knoblauch und Erdbeeren. Der Knoblauch sorgt dafür, dass die Erdbeeren keinen Pilzbefall haben. Auch typisch ist das Duo Kohl–Salat, die sich den Platz teilen, weil sie unterschiedlich schnell wachsen. Zudem „schmeckt“ den Erdflöhen diese Kombination nicht. Kürbis und Zuckermais passen auch gut, denn der Mais spendet dem Kürbis Schatten.

In einem Beet wachsen die Kartoffeln „wie Unkraut“. Wird das Wasser knapp, wenn so viele Pflanzen auf einem Fleck wurzeln? Nein! Mittels Tröpfchenbewässerung kommt das Wasser auf die Felder, damit ihr Gemüse gleichmäßig wächst. Aber eigentlich ist eine zusätzliche Bewässerung fast unnötig, weil sie den Boden so aufbaut, dass er die Feuchtigkeit hält.

Solidarische Landwirtschaft: Ein Blick in die Zukunft?

Gemeinsam wird man Satt! Könnte Permakultur die Lösung sein, um 80 Millionen Menschen zu ernähren? Wenn jeder Mensch die Hälfte seiner Arbeitszeit im Garten verbringen würde, glaubt Nicole, könnte das durchaus funktionieren. Für ihren eigenen Garten hat sie ebenfalls ambitionierte Zukunftspläne: Eine solidarische Landwirtschaft soll einmal ihre kleine Permakultur tragen. Einen Namen hat sie auch schon, passend zur Ottersweier Hubstraße, in der sie wohnt: SoLaWi Hubraum.

Wie so eine SoLaWi funktioniert? Die Kunden bekommen dabei ihr Gemüse nicht über den anonymen Supermarkt, sondern bilden mit ihrem Erzeuger einen eigenen Wirtschaftskreislauf. Wer einen monatlichen Beitrag zahlt und im Garten mithilft, bekommt im Gegenzug regelmäßig frisches Gemüse, Kräuter, Eier, Obst und mehr geliefert. Gemeinsam wächst es sich einfach besser, das gilt nicht nur für Pflanzen.

Was ist Permakultur?

Permakultur heißt so viel wie dauerhafte Landwirtschaft. Das Konzept wurde 1970 von Bill Mollison und David Holmgren entwickelt. Ziel ist, energieintensive und umweltbelastende Technik zu reduzieren und durch geschlossene Stoffkreisläufe stabile Ökosysteme zu schaffen.

#heimat Schwarzwald Ausgabe 53 (2/2026)

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