Mulhouse

Mülhausen im Elsass gibt Auge und Bauch genügend Stoff. Für ein Wochenende hat es Kultur und Geschichte, Shopping und Markt, Feinkost und Currywurst, Bier, Wein – und edle Stoffe

Text: Pascal Cames · Fotos: Jigal Fichtner

Freiburg kennen alle, Basel auch, aber Mulhouse? Mulhouse ist im Dreiländereck der weiße Fleck. Hier gibt es ein Automuseum, aber sonst? Mal gucken! Darum: Auf nach Mülhausen!

Tag 1

Freitag, 15:00 Uhr

Wie so oft im Elsass lese ich auf den Straßenschildern die elsässischen Namen, der Siàs Winkel (Süßer Winkel) heißt auf französisch Rue Bonbonnière, es gibt einen Teufelsturm und sogar ein Schloessle. Und dort an der Mauer wurde ein Dichter verewigt mit dem Spruch „Isch doch a scheena Sproch“. Aber ich höre nur Französisch. Ich komme am tollen Bistrot   Huîtres (Seefrüchte, Fisch) vorbei, wie ich sie aus der Bretagne kenne. Der nicht zu übersehende Europaturm und das kreisrunde Bâtiment annulaire (Rundhaus) sind auch typisch Frankreich, wo mehr geklotzt als gekleckert wird. (Die Hochhäuser, die Hochhäuser …) Aber sonst? Ja, hier steht ein krummes Fachwerkhaus, dort der Turm, der überall als Bollwerk bekannt ist. Zusammen ist das der kümmerliche Rest der Stadtmauer von 1224.

Freitag, 16:30 Uhr

Geschichte ist ein gutes Stichwort. Es gibt ein Tapetenmuseum, ein Historisches Museum, ein Eisenbahnmuseum und alle erzählen sie etwas von damals, als Mulhouse das Manchester Frankreichs war und 100 Fabrikschlote rauchten. Wo die Baumwolle in Louisiana gekauft wurde, um Stoffe zu weben, wo Farben gemischt wurden, um Tücher einzufärben, wo Muster erfunden wurden, um Stoffbahnen, Kleider und Tischwäsche sowie Tapeten zu bedrucken. Das Stoffdruckmuseum ist auch dank der Nähe zum Bahnhof eine gute Anlaufstelle für eine Rolle rückwärts in die Geschichte. Zurzeit läuft eine Ausstellung über Stoffdruck in der Mode. Sogar von Christian Dior sind welche zu sehen. Chic! Im Museumsshop finde ich Pyjamas, Kimonos, Kissen, Kulturbeutel mit historischen und neuen Blumenmustern. Da nebenan ein edles Café mit antiken Möbeln installiert wurde, mache ich Pause. Die Süßigkeiten des Tages sind Aprikosengebäck. Die Kekse sind auch fein. Wie es im Elsass so üblich ist, gibt es Weihnachtsbredle das ganze Jahr über.

Freitag, 20:00 Uhr

Wie im Stoffdruckmuseum wird auch im Restaurant Mealtin’Potes die schöne Jahreszeit angebetet. Der Brocken Rehfleisch (zart, exzellent gewürzt) bekommt nicht nur einen Kreis mit frischem Gemüse und Ofenkartoffeln, sondern auch Kräuter und essbare Blumen. Die feudale Käseplatte, auch hier mit Blumen als essbarer Deko, kann nur ein Obelix schaffen. Das Thema Blume wird auch im Mülhauser Bermudadreieck gefeiert, denn bekanntlich hat auch jedes Pils seine Blume… Die drei Kneipen Les 3 Singes, Le Greffier und Le Gambrinus liegen vis-à-vis, bis zu den einsetzenden Schneestürmen findet die Party auf der Gass’ statt. Das Bierangebot im Gambrinus ist mega. Mehr als 20 Zapfhähne lassen ahnen, dass Bier nicht gleich Bier ist. Es gibt Bofferding, Cuvée des Trolls, Chouffe Blonde, Perle… Da aber eines „Bollwerk“ heißt, muss das probiert werden. Süffig, frisch und kaum bitter: So schmeckt ein Helles aus dem Elsass. Vom Nebenraum rollt Surf-Musik in die Bar, wie man sie aus frühen Tarantino-Filmen kennt. Als DJ fungiert Torpedo Tom, auch bekannt als Gitarrist der Freiburger Leopold Kraus Wellenkapelle.

Tag 2

Samstag, 10:00 Uhr

Heute muss ich das machen, was alle Muttis, Großmütter, Feinschmecker, Hipster und Touristen machen: auf den berühmten Markt Mülhausens gehen, seit 110 Jahren der Bauch der Stadt. Ein kleiner Spaziergang dorthin ist naheliegend und er führt mich wieder vorbei am geschlossenen Gambrinus und dann in die Rue des Tanneurs, wo jedes zweite Haus ein Antiquitäten- oder Design-Laden ist. Chromlampen, stylische Sitz- und Liegemöbel aus Dänemark, Italien und Deutschland, Pop-Art-Affen, famose Elsässer, die auf Holz gepinselt wurden und Schränke mit edlen Intarsien lenken mich etwas ab auf meinem Weg. Da mir aber viele Leute mit großen Taschen entgegenkommen, weiß ich, dass ich richtigliege. Der Markt! Dieser besteht aus drei Teilen, einem für die Dinge des Lebens wie Jogginghosen, Sneaker und Regenschirme und der zweite (ebenfalls im Freien) mit Gemüse. Wer eine Tonne Kartoffeln braucht oder eine Pyramide mit Zwiebeln bauen will, findet hier sein preiswertes Glück. Drinnen ist das geballte Schlaraffenland. Bio- Oliven und - Öle aus Griechenland (Le Comptoir de Messénie), 50 Sorten Pfeffer aus Japan, Indien und Afrika (Le Rendez-vous des épices), Pasta aus Friaul, eine Welt aus Käse mit einem halben Dutzend fürs Raclette (das Erbe der Schweizer) von der Fromagerie St. Nicolas. Ich darf probieren und schnabuliere mich durch Comté aller Alters- und Reifeklassen. Da es noch andere Käsestände gibt, lohnt sich der Vergleich. Dann die feine Charcuterie bei Zwingelstein. Hier liegen die Landjäger (frz. Gendarmes) wie Kunst im Glaswürfel. Eine andere Metzgerei hat Dürers Hasen im Verkauf. Mit Fell! Endlich, hier babbelt jemand Elsässisch, genauso wie am Fischstand vorm hinteren Ausgang. Alles, was schön glänzt und „koch mich“ ruft, stammt fangfrisch aus der Normandie oder der Bretagne. Dass hier Elsässer und keine Normannen oder Bretonen schaffen, sehe ich in der Vitrine. Auf die Idee, einen Presskopf mit Fisch zu machen, kann nur ein Elsässer kommen.

Samstag, 12:30 Uhr

Tilvist heißt der kleine Salon de Thé im Zentrum, der aber weit mehr ist als das. Hier entdecke ich japanisches Geschirr von der Marke Tokyo Design, Bier, Tee, Schokolade, einen Haufen Kitsch und fürs Mittagessen gedeckte Tische. Alles ist regional, vieles in Bio-Qualität. Die Gemüsesuppe ist ein sehr dezent abgeschmecktes Potpourri aus Lauch, Kartoffeln, Karotten und der Salat ein Frischmacher dank Ananas, kleinen Tomaten sowie Quinoa und Flocken. Kommt hier Essig rein? Nachdem ich die Hälfte meiner Schüssel gegessen habe, wage ich den Versuch und siehe da, so geht’s auch. Der Tee wird mit einem Timer serviert, der pünktlich nach vier Minuten bimmelt. Perfekt! Chefin Severine ist weit herumgekommen. „Tilvist, das ist isländisch und bedeutet in Verbindung zu sein. Aber auch ein bisschen mehr“, meint sie und spricht das Menschliche an. Hier kann jeder einfach reinkommen. (Aber wo ist das nicht so?) Als gebürtige Mülhauserin versucht sie das Besondere der Stadt zu fassen. „Jeder, der in Paris war, meint in Frankreich gewesen zu sein und jeder, der in Colmar oder Straßburg war, kennt auch das Elsass.“ Mit Eifer: „Stimmt aber nicht, Mulhouse ist anders.“ Wie anders? Severine sagt es auf Französisch: „Histoire.“ Sie meint die Geschichte. Und da die Stadt nicht ganz so touristisch sei wie Colmar, wären auch die Leute netter. Gleich nach dem Tilvist schaue ich mir die Maison Engelmann an und bestaune die Macarons der Pâtisserie Helfter, die auch für ihr Hefegebäck berühmt ist. Dann bummle ich durch die Antiquitätengeschäfte, aber der ultimative Hammer erwartet mich im Huggy. Hier könnte ich meine Biergläsersammlung unendlich erweitern, Tongebinde für Schnaps erwerben, mir eine Königsbüste für läppische 40 Euro zulegen oder eine Platte von Serge Gainsbourg kaufen. Wer hier nichts findet, ist selber schuld.

Samstag, 19:00 Uhr

Da die großen Tage von Mulhouse gezählt sind, steht so einiges leer. Was tun? Die alten Hallen werden neu belegt, so gibt es Künstlerwerkstätten (MoToCo), Kunst (La Kunsthalle) und Paläste wie das NoMad, ein Burger-Tempel, der seine kulinarischen Inspirationen aus der ganzen Welt holt. Die Mischung aus unverputztem Backstein und wandgroßen Stoffen gefällt mir. Ebenso der Burger mit Raclettekäse. Aber was wäre ein Abend im Elsass ohne Wein? Der kleine Spaziergang zur Weinbar La Quille tut gut und macht mich schon wieder etwas hungrig und so schnabuliere ich zu zwei Gläsern Wei wein eine Planchette. Das ist ein Brettchen mit Charcuterie und Käse. Ich bereue, dass ich nicht auch noch die Currywurst oder Rote- Bete-Hummus gewählt habe, denn Wurst und Käse sind superb und das Brot – luftig, kross und würzig – das beste seit langer Zeit. Die Bar macht aus ihren Lieferanten keinen Hehl, steht alles auf der Karte. C’est noté!