Projekt Heimatwald

Zu Weinachten gibt's einen Baum? Reicht nicht. Wir wollen viele – und das nachhaltig. Daher haben wir jetzt das Heimatwald-Projekt gestartet

Text: Ulf Tietge · Fotos: Dimitri Dell

Üblicherweise startet die Woche in der #heimat-Redaktion mit einer schönen Tasse Kaffee und einer kurzen Konferenz bei angenehmenRaumtemperaturen. Heute aber mit einer schönen Wanderung nach einer kurzen Nacht mit Eiseskälte. Dazu sind wir in einem Auwald bei Kehl-Zierolshofen und stapfen mit Stiefeln, Spaten, Setzlingen und Stockbündeln hinter Daniel Marz her. Der Mann ist Forstwirtschaftsmeister beim Waldservice Ortenau und hilft uns heute, die ersten Bäume für den Heimatwald zu pflanzen. 100 Setzlinge haben wir uns vorgenommen und ein bisschen komisch fühlt sich das schon an. Denn: Es sind noch drei Tage bis Weihnachten. Halb Deutschland haut in diesen Tagen Tannen um, macht Christbäume draus und legt Geschenke drunter. Wir aber ziehen los und pflanzen Flatterulmen und Platanen. Ist ein bisschen, als würde man an den Triberger Wasserfällen eimerweise H2O hoch tragen, oder?

Unser Beitrag

„Es ist nicht möglich, nur mit Wald den Klimawandel zu stoppen oder gar umzukehren“, hat  #heimat-Herausgeber Ulf Tietge vorhin noch einmal betont. „Aber man kann einen Beitrag leisten und dem Wald helfen, den Klimawandel zu bewältigen.“ Gerade hier im Auwald sind die Bedingungen – nun, sagen wir mal: speziell. Eschen, Eichen und Ulmen sind hier typisch. Die Eschen aber werden von einer Pilzkrankheit dahingerafft, vielen Ulmen geht es nicht besser – und mit dem Wechsel zwischen Staunässe und sommerlicher Trockenheit kommen viele andere Bäume nicht zurecht. „Wir sind auf einem Vier-Grad-Pfad in Sachen Klimawandel. Und das nicht binnen 11 000 Jahren, sondern aus Sicht der Natur quasi über Nacht. Daher müssen wir dem Wald helfen“, sagt Hans-Georg Pfüller, Leiter des Amts für Waldwirtschaft im Ortenaukreis. Die Dimensionen sind enorm: Rund 10 000 Bäume pflanzen seine Kollegenallein rund um Kehl – und das jedes Jahr. Mit dem Projekt Heimatwald unterstützen wir diese Arbeit. Dafür braucht es nicht einmal eigenes Land. Stattdessen pflanzen wir die Bäume auf kommunalem Grund und dezentral. Heute in Kehl, demnächst oben im Renchtal, dann vielleicht hinten Richtung Hornberg. Unsere Bäume  werden von der jeweiligen Gemeinde in 80 oder 100 Jahren auch wieder gefällt, verkauft und helfen dann, Schulen und Kindergärten zu finanzieren. In jedem Fall aber soll das Holz dauerhaft Holz bleiben. Beispielsweise als Baustoff.

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Briefing und Baum-Ausgabe: Daniel Marz (links) teilt Spaten, Stöckle und die ersten 100 Setzlinge aus.

Unterstützung vom Landrat

Unterstützung findet das Projekt Heimatwald auch von politischer Seite: „Eine schöne Aktion, die ich gern unterstütze“, sagt Frank Scherer, derLandrat des Ortenaukreises. Er hat die Idee vom Start weg unterstützt: „Unsere Wälder sind die grüne Lunge der Ortenau und wichtig für die Lebensqualität aller. Außerdem binden Bäume im Laufe ihres Wachstums mehr als eine Tonne Kohlendioxid. Deshalb ist jeder neu gepflanzte Baum ein wichtiger Beitrag, auch um unsere Wälder fit für den Klimawandel zu machen.“Damit dies nachhaltig geschieht, sind Amtsleiter Hans-Georg Pfüller und sein Team beim Aufforsten dabei und achten auf den richtigen Mix der Pflanzen. „Auch wenn der Ortenaukreis wirklich waldreich ist: Es gibt zahlreiche Flächen, wo wegen Trockenschäden, Krankheiten oder Sturmschäden neu gepflanzt werden muss“, sagt Hans-Georg. „Gemeinsam stärken wir nun die Biodiversität, schaffen neue Lebensräume für Wildtiere, machen den Schwarzwald als Ganzes resilienter und leisten einen Beitrag im Kampf gegen den Klimawandel.“

 

CO2-Staubsauger

Ein offizielles Klimaschutz-Zertifikat wird der Heimatwald nicht erhalten. Aber: Rund sechs Tonnen CO2 speichert ein jeder Hektar deutscher Durchschnittswald. Gute 15 Kilogramm Kohlendioxid schluckt ein Baum Jahr für Jahr. Buchen sind in dieser Disziplin besser als Eichen, Eichen besser als Kiefern und Tannen schaffen mehr weg als Pappeln. Faustregel: Je härter das Holz und je besser der Baum wächst, desto mehr klimaschädliches CO2 schnuffelt er aus der Luft. Insgesamt sind derzeit 1,169 Milliarden TonnenKohlenstoff in lebenden Bäumen und in Totholz gebunden. Das entspricht 4,3 Milliarden Tonnen Kohlendioxid. in oberirdischer Biomasse (also in Holz, Nadeln und Blättern) sind 993 Millionen Tonnen Kohlenstoff verbaut, umgerechnet 3,6 Milliarden Tonnen CO2. In Wurzeln stecken weitere 156 Millionen Tonnen, der Rest ist Totholz. Umgestürzte Bäume, abgebrochene Äste. Auch wichtig fürs Klima, mehr noch aber für alles mögliche Kleingetier und den Kreislauf des Lebens. Während wir im Südwesten je nach Standort und Bodenbeschaffenheit Weißtannen und Ahorn, Buchen und Douglasien pflanzen, gibt es diverse Online-Anbieter, die viele Bäume für kleines Geld versprechen. „Aber hier seinen Beitrag zu leisten, hat den großen Vorteil, dass man am Wochenende schnell mal nach seinen Bäumen schauen und dann auch mal den einen oder anderen ersetzen kann, der es vielleicht nicht geschafft hat“, sagt Marz.

 

„Das ist erst der Anfang“

So sehr unser Chef nun auch gute Miene zum kalten Wetter macht: Es ist eine Plackerei, die100 Bäume zu pflanzen. Der Boden ist stellenweise sehr lehmig oder voller alter Wurzeln.„Unsere Pflanzaktion vor Weihnachten ist erst der Anfang“, sagt Ulf. „Wir verzichten in diesem Jahr auf die sonst üblichen Weihnachtsgeschenke für Kunden. Diesen Grundstock erweitern wir mit dem Konzept des grünen Heimat-Abos (ein Abo, ein Baum) sowie durch Kooperationen mit Partnern kontinuierlich.“ Einer davon ist gleich zum Start dabei: das Team vom Offenburger Online-Shop Gartenmode.de packt kräftig mit an Bäumchen für Bäumchen also – das Leitmotiv dahinter haben wir uns bei Martin Luther geborgt: „Selbst wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“