Profi-Tricks vom Tischfußball-Weltmeister

Gegen Frank Brauns anzutreten, ist ziemlich aussichtslos. Wir haben's trotzdem gewagt – und ziemlich auf die Mütze gekriegt, aber auch manches gelernt

Text: Stephan Fuhrer · Fotos: Jigal Fichtner

Es ist ein kleiner Moment der Hoffnung. Wie durch ein Wunder hat sich die Kugel durchs wuselnde Mittelfeld seinen Weg gebahnt, um dann – noch leicht abgefälscht von meinem rechten Außenstürmer – rechts unten ins Gehäuse einzuschlagen. „TOOOOOOR“, fährt es aus mir heraus. Gegen den Weltmeister! Mein erstes! Nun gut, wir sind schon in der vierten Partie. Aber immerhin! „Glückwunsch“, sagt auch Frank und grinst. Aber in einem Turnierspiel würde es nicht zählen. „Du darfst nicht direkt nach dem Anstoß auf das Tor schießen, der Ball muss vorher drei Figuren berührt haben“, erklärt mir der Profi. What? Egal! Wir sind ja hier nicht im Wettbewerb. Drin ist drin. Diesen Treffer lass ich mir jetzt nicht mehr nehmen …

Zielgenaue Pässe beim Kickern, das kleine Ding ständig in Bewegung (und in den eigenen Reihen) halten: Was für die meisten unter uns wohl unmöglich klingt, ist für Frank Brauns ein Leichtes. Wie von Zauberhand wechselt die Kugel im Mittelfeld des Weltmeisters von Männlein zu Männlein, um dann im Bruchteil einer Sekunde in die Angriffsreihen durchgestoßen zu werden. Zunächst sind alle Figuren in emsiger Bewegung, dann steht plötzlich alles still. Ein Blick, eine Handbewegung in Warp-Geschwindigkeit, dann scheppert’s. Tor! Schon wieder. 

Richtig kickern: eine Frage der Technik

Der Kaiserstühler – Frank ist in Wasenweiler bei Ihringen zu Hause – zieht sich seine weißen Lederhandschuhe zurecht. Die braucht es auf diesem Niveau, damit man nicht am Griff verrutscht. Da reichen Millimeter, um den Schuss zu verziehen. Je nach Schusstechnik. Und auch von denen gibt es beim Kickern einige. Bis zu 360 Grad darf dabei die Stange gedreht werden, mehr nicht. Drillen verboten. Frank kann sie natürlich alle, die verschiedenen Stile. Und er demonstriert mir auch noch ein paar extra fiese. Mit leichtem Spin drückt er den Ball mit dem Mittelstürmer seitlich an. Der Ball macht um meinen Torwart einen entspannten Bogen. Stellungsspiel? Wurscht! Meinen Tormann hätte ich auch quer ins Tor nageln können. Das Ding wäre trotzdem drin gewesen. Und wieder darf Frank den Torzähler am Tisch eine Zahl weiter schieben. So viel sei vorweg gesagt: Ich werde zu diesem Vergnügen während unseres Duells über zig Partien an diesem Abend nicht mehr kommen …

Frank Brauns

Tipps vom Weltmeister

Meister, Meister, Meister

Gegen Frank haushoch zu verlieren, sei keine Schande, trösten mich anschließend dessen Team- und Vereinskollegen. Auch sie trainieren an diesem Abend, dem offenen Dienstag, an dem auch Gäste beim Tischfußball Südbaden e.V. in Emmendingen einfach mal reinschnuppern können, an den verschiedenen Tischen. Schließlich gehöre der Mann seit Jahren zum Besten, was der internationale Kickersport zu bieten hat. Frank ist mehrfacher Weltmeister, Europameister, Deutscher Meister, Französischer Meister, Schweizer Meister, Hessischer Meister, Bayrischer Meister, Baden-Württembergischer Meister, Südbadischer Meister. 

Und noch mehr. „Dass wir gegen ihn keine Tore machen, ist uns allen auch schon tausend Mal passiert“, erzählt auch Markus Häringer und lacht. „Manche von uns spielen schon seit Jahren gegen ihn und haben noch nie gewonnen.“

Kicker-Training im Hinterhof

Das kleine Trainingszentrum liegt in einem abgerockten Hinterhof. Draußen auf dem Gelände wird in Hobbywerkstätten an alten Kisten rumgeschraubt, drinnen in einer Lagerhalle braucht es erst mal mehrere endlos lange Flure, vorbei an Proberäumen, in denen schrabbelnde Metal-Gitarren nach draußen dröhnen, ehe man überhaupt zu den Räumen des Vereins gelangt. 

Dort haben es sich die Vereinsmitglieder, die mit ihrem Klub auch unter anderem in der Tischfußball-Bundesliga an den Start gehen, gemütlich gemacht. Es gibt eine kleine Theke mit Cola und Bier, mehrere Sitzgelegenheiten, auf denen man entspannt bei den Trainingsspielen zugucken kann, und natürlich diverse Tische, an denen Jüngere wie Ältere, Männlein wie Weiblein am Kickern sind. 

Tisch ist nicht gleich Tisch

Dass diese Tische zum Teil doch recht unterschiedlich sind, ist mit das Erste, das wir bei unserem Treffen lernen. Französischer Tisch? Noch nie gehört. „Die Figuren sind schmaler und filigraner“, erklärt uns Frank. Und in der Tat: Das Spiel ist dadurch langsamer, die Präzision noch entscheidender. Auch dafür gebe es extra Turniere. „Das ist ein bisschen wie beim Tennis, wo es ja auch unterschiedliche Beläge gibt“, so der Weltmeister.

Dekoriert sind die Räume mit unzähligen Medaillen an den Wänden und Pokalen. Manche mannshoch, sodass der Champ beim Präsentieren für unseren Fotografen mitunter Mühe hat, die Dinger einigermaßen ruhig in die Kamera zu halten. Viele der Trophäen sind von Frank selbst, der hier nicht nur das Aushängeschild des Vereins, sondern auch erster Vorsitzender ist. Ein Kümmerer, der den Laden auch in schwierigen Zeiten wie zuletzt während Corona zusammengehalten hat, wie uns die Kollegen erzählen. „Vereinsarbeit muss halt auch gemacht werden, und da ist sich Frank – Weltmeister hin oder her – beim Anpacken mitnichten zu schade, erzählt Markus. „Wir sind beim Tischkickern ein kleiner verschworener Haufen, fast schon eine Familie. Da hilft jeder jedem.“

Endlich mal gewinnen

Tischwechsel. Dieses Mal spielen wir Doppel. Und dieses Mal bin ich in Franks Team. Yes! Er vorne, ich hinten. Aber unsere Gegner sind leider auch nicht von schlechten Eltern. Tim Brauns, Franks Bruder, hat schon diverse Turniere hinter sich. Bernd Beha spielt mit Frank in der Bundesliga, die nicht wie in anderen Sportarten wöchentlich stattfindet, sondern sich in der Saison zu wenigen proppevollen Spieltagen an einzelnen Spielorten trifft. „Wir sind Amateure, vom Kickern zu leben ist ganz, ganz schwer“, erzählt Frank, der halbtags in einem Freiburger Kindergarten arbeitet. Wenn er das machen wollte, müsste er jedes Wochenende unterwegs sein. Weltweit. „Das möchte ich nicht. Dann hätte ich ja gar keine Zeit mehr für meine Kinder und meine Frau.“ 

Wie kann man denn überhaupt so gut werden wie er, wollen wir natürlich noch von Frank wissen. „Mit harter Arbeit“, erwidert der Weltmeister und grinst. „Sechs bis acht Stunden Training am Tag hab’ ich in den ersten Jahren investiert – oft alleine zu Hause am Tisch.“ Schusstechniken üben, Ball laufen lassen und solche Sachen. Mit 15 hatte er seine Liebe zum Sport entdeckt, mit 16 packte ihn der Ehrgeiz, erzählt der heute 38-Jährige. Als Lohn der Mühen gab’s den ersten WM-Titel dann bereits ein paar Jahre später im Jahr 2006. Vier weitere sollten noch folgen. 

Wir gewinnen! Erst 5 zu 3, dann 7 zu 5 – es braucht zwei Tore Abstand am Ende, um den Satz zu holen. Knapp, aber verdient, wie ich finde. Mir gelingt sogar ein Tor aus der Abwehr heraus. Ein strammer Schuss, einmal durch die Mitte. Der Respekt der Profis macht mich stolz. Ob ich’s nach dem Training vielleicht doch noch mal mit einer Revanche gegen den Weltmeister versuche? „Von mir aus gern, ich hätte da auch ein paar Nummern für dich auf Lager“, sagt Frank und grinst. Okay, vielleicht sollte man seine Karriere doch besser auf dem Höhepunkt beenden. Ich so: „Lass lieber ’ne Feierabend-Cola trinken, Champ …“

Auch mal kickern?
Im Vereinsheim in Emmendingen bieten die südbadischen Kicker dienstags die Möglichkeit zum offenen Training ab 18 Uhr. Nicht-Mitglieder zahlen 3 Euro für eine Tagesmitgliedschaft. Freitags von 17 bis 19 Uhr gibt’s auch ein Training für Kinder und Jugendliche: tischfussball-suedbaden.de

Kein Zeitspiel, kein Gequatsche

Gewusst? Auch am Kickertisch gibt es Zeitspiel. Damit das Spiel nicht zu zäh wird, sind im Torwart- und Verteidigerbereich sowie auf der Stürmerreihe maximal 15, im Mittelfeld sogar nur zehn Sekunden erlaubt, um den Ball weiterzuspielen. Dass nicht gedrillt (bis zu 360 Grad sind erlaubt) und auch nicht am Tisch gerüttelt werden darf, dürfte sich von selbst verstehen. Aber auch Trash Talk ist ein No-Go. Schließlich geht es beim professionellen Kickern um ein Höchstmaß an Konzentration. Übrigens: Schiedsrichter gibt es selbst bei großen Turnieren oftmals erst in den Finalspielen. Zuvor machen das die Gegner unter sich aus. Fair Play? Wird am Tisch besonders groß geschrieben! 

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