Ein perfektes Wochenende im Murgtal

Das Murgtal ist die raue Schönheit unter den Schwarzwälder Flusstälern. Karen Heckers erlebt aber auch die liebliche Seite. Geschichtsstunde inklusive

Fotos: Jigal Fichtner

Ja, ich bin gewarnt worden. Und – nein: ich habe nicht darauf gehört. „Zum Soft-Raften empfehlen wir kurze Hosen und Turnschuhe, die nass werden können“, hatte mir ein Tourguide der Adventure World Murgtal erklärt. Ich und kurze Hosen? Das wüsste ich! Aber wenigstens habe ich die Idee mit den Wechselklamotten beherzigt …

Tag 1

Freitagnachmittag

Von der Taille abwärts bin ich nass bis auf die Haut, meine Wanderstiefel geben schmatzende Geräusche von sich. Macht nichts, lustig ist das Soft-Rafting trotzdem. Anstrengend aber auch: Stromschnellen, kleine Klippen und die Geschwindigkeit des Wassers haben es in sich. Wir sind zu dritt im Boot unterwegs, zwei paddeln, einer steuert. Das ist – Gott sei’s gedankt – Tourguide Kevin Demmler, der den Fluss hier bei Forbach bestens kennt. Perfekt versorgt mit Schwimmwesten, Helmen und Sicherheitshinweisen besteigen wir das Boot, knien uns hin und stoßen uns ab. Gar nicht so leicht, das Gleichgewicht zu halten und zu paddeln. Wir geben unser Bestes, durchpflügen die Fluten und nehmen richtig Fahrt auf. Nach ein paar hundert Metern stemmt Kevin sein Paddel nach links, wir machen eine elegante Wende und landen am Ufer. Dann ziehen wir das Boot an Land und schleppen es zurück zur Walze, dem Startpunkt unterhalb der Murgtal-Halle. Die Kraft des Wassers zu spüren, mal mit, mal gegen den Fluss zu arbeiten, ist eine wirkliche Herausforderung, aber auch ein Riesenspaß. „Manche machen das bis zu 20 Mal an einem Nachmittag“, grinst Kevin.

So vergnügungssüchtig bin ich dann doch wieder nicht. Meine Oberarme brennen und so langsam möchte ich auch mal raus aus den klammen Klamotten. Außerdem steht noch Bogenschießen im Forbacher Wald auf dem Programm! Die Anlage ist im Nordschwarzwald einzigartig: Der hiesige Verein hat am Wulzenberg einen amtlichen Parcours gebaut. Drei Kilometer geht es durch den Wald, insgesamt sind es 33 Stationen mit 46 Zielen – sprich: Tierattrappen. Das packe ich heute sicher nicht mehr. Aber für ein Stündchen Probeschießen langt die Energie noch. Während ich beim Soft-Raften noch vollen Körpereinsatz gezeigt habe, ist hier absolute Ruhe und Konzentration gefragt: Ein kleiner Wackler und der Pfeil landet irgendwo in der Botanik. Platzwart Walter Wunsch drückt mir den Bogen und einen Köcher Pfeile in die Hand, verpasst mir eine Schutzschiene für den Unterarm und erklärt die Basics: Der Pfeil wird auf einer kleinen Führungsschiene am Bogen fixiert und die Kerbe am Ende in die Saite eingerastet. Auch die Schrittstellung ist wichtig: Die Füße hüftbreit auseinander, ich muss längs zur Scheibe stehen und darf nur den Oberkörper zum Ziel drehen. Den Bogen auf das Ziel ausrichten und die Saite spannen. „Weiter, weiter, weiter“, dirigiert mich Walter: „Die Saite muss die Nase berühren, die Hand liegt an der Wange an.“ Himmel, ist das anstrengend. „Und jetzt die Scheibe fixieren und einfach loslassen.“ Zack. Volltreffer. „Du hast noch nie mit einem Bogen geschossen?“, fragt er. „Nein, das ist eine Premiere“ – „Hmm.“ Mehr Lob ist nicht.

Auch die anderen Schüsse sitzen und ich darf mich auf dem Übungsparcours mal an den Holztieren versuchen. Meine Ausbeute ist nicht übel: Von 20 Schuss gehen nur drei daneben. Das mache ich nochmal, soviel steht fest. Jetzt aber will ich in das Hotel am Mühlbach – heiß duschen, eine Kleinigkeit essen und früh ins Bett.

Tag 2

Samstagmorgen

Es geht weiter flussabwärts Richtung Gernsbach. Allerdings nicht auf, sondern neben der Murg. Mein gestriges Abenteuer spüre ich noch deutlich und ich schätze, dass ich nächste Woche auch noch etwas davon haben werde. Das Tal ist eng, die Murg wild, fast wuchtig. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde hier noch Holz geflößt. Es muss eine viehische und lebensgefährliche Arbeit gewesen sein. Davon zeugen heute noch einige Ausstellungen im Murgtal, wie zum Beispiel im Museum Haus Kast in Gaggenau. Mich zieht es stattdessen in eines meiner Lieblingsdörfchen im nördlichen Schwarzwald – Loffenau. Das ist Bilderbuch pur. Von Gernsbach kommend begrüßt mich rechts eine gute, alte Bekannte: die Teufelsmühle, so heißt der Hausberg Loffenaus. Die Aussicht von dort oben ist atemberaubend, der Weg hoch auf gut 900 Meter allerdings auch. Für heute gönne ich mir einen Rundgang durchs Dörfle. Vorbei an putzigen Fachwerkhäuschen geht es hoch zum Naturerlebnispfad am Pfarrberg, weiter zum idyllischen Aussichtspunkt Sonnenlaube und dann wieder ins Tal zur alten Sägemühle. Der kleine Streifzug erzählt einiges über die fast 800-jährige Geschichte Loffenaus und ist herrlich besinnlich …

Samstagvormittag

Zurück an die Murg. Ganz besonders nah dran bin ich am Murgvorland, einer kleinen Landzunge unterhalb des „Katz’schen Gartens“ in Gernsbach. Der Fluss hat hier etwas Gemächliches, Beruhigendes. Am gegenüberliegenden Ufer lädt die historische Altstadt zum Rundgang ein. Aber erstmal streife ich durch die kleine Parkanlage aus dem 19. Jahrhundert. Verwunschen wirkt sie: Hier finden sich Brunnen und Skulpturen verschiedener Epochen, lauschige Ecken laden zum Verweilen ein. Dazu die vielen botanischen Besonderheiten: Bananenstauden, Granatapfel- und Bitterorangenbäume wachsen neben Palmen und Zypressen. Wüsste ich nicht, dass ich im unteren Murgtal bin, ich würde schwören, dass ich mich in einem Schlosspark am Gardasee befinde. Nur mein Magenknurren stört die Idylle ein bisschen. Ich entscheide mich für den Gasthof Jockers in der Altstadt. Die Küche ist einfach, aber gut. Es gibt Schnitzel in diversen Variationen und badisches Vesper. Das Highlight ist aber definitiv der kleine Biergarten über der Murg …

Samstagnachmittag

Warum eigentlich futtere ich wie ein Holzfäller, obwohl ich keiner bin? Ich hadere ein wenig mit meinem Innenleben, während ich auf Tour durch die prächtige Altstadt bin. Hier treffen Mittelalter und Renaissance aufeinander und ich weiß gar nicht, wo ich zuerst hingucken soll. Malerische Fachwerkhäuser und mächtige Sandsteingebäude prägen die Innenstadt – hier wird klar, warum die alte Flößer- und Papiermacherstadt auch Perle an der Murg genannt wird. Über die Hauptstraße geht es vorbei am Alten Rathaus und dem Kornhaus hoch zum Storchenturm, der einmal ein Wachturm gewesen sein muss. Einer von vielen und die waren, nebst einer mächtigen Stadtmauer, auch nötig. Denn Gernsbach war begehrt. Mehrfach im Lauf der Geschichte wechselten die Herrschaftsansprüche und im Verlauf einiger Erbfolgekriege wurde die Stadt geplündert und gebrandschatzt. Mehrfach wurde Gernsbachs Altstadt wieder aufgebaut, Altes fügte sich an Neues. Das Ergebnis ist einfach bezaubernd. Weiter geht es an dem Wolkenstein’schen Hof und den Zehntscheuern wieder bergab in die Schlossstraße. In dieser mittelalterlichen Vorstadt lebten einst Handwerker und Händler und sie ist so richtig schnuckelig.

Zeit für einen letzten Einkehrschwung: der führt mich in das Alte Rathaus zu Rainer und Sara Iselin. Rainer galt in den 1970er-Jahren als Hippie unter den Winzern, er beschäftigte sich schon mit ökologischem Weinanbau, als das in Deutschland noch was für verträumte Spinner war. Sich mit ihm und seiner Frau über Wein zu unterhalten, ist per se schon einen Abstecher wert. In ihrem pittoresken, kleinen Laden verkaufen sie Wein aus eigenem Anbau, der übrigens vom Staufenberger Grossenberg stammt. Ein Stockwerk tiefer findet sich ein Gewölbekeller aus dem 17. Jahrhundert, in dem gefeiert oder im großen Stil Wein verkostet werden kann. Wenn Sara und Rainer aus ihrem turbulenten Leben erzählen, dann kann man gar nicht anders als zuhören. Dazu noch das traumhaft schöne Ambiente – am liebsten würde ich mich im Keller auf das große, rote Samtsofa legen, mir noch zwei schöne Gute-Nacht-Geschichten erzählen lassen und einen Iselin’schen Schlummertrunk genehmigen …

Tag 3

Sonntagvormittag

Nach einem herrlich entspannten und ziemlich üppigen Frühstück im Café Felix geht es weiter nach Rastatt, der letzten Station meines Murg- Trips. Viele verbinden mit Rastatt Daimler oder Siemens und sehen in erster Linie den Wirtschaftsstandort. Doch Rastatt ist viel mehr: Es ist ein Barockjuwel mit einer wunderschönen Altstadt. Allgegenwärtig ist ihr Erbauer Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden, hier nur liebevoll „Türkenlouis“ genannt. Er galt als großer Feldherr, die Liste seiner gewonnenen Schlachten ist ellenlang, was auch erklärt, warum er wenig Zeit zum Regieren fand. Am französischen Königshof in Versailles geboren, hatte er aber auch durchaus Sinn für die schönen Dinge des Lebens. Praktisch, dass er mit Franziska Sybilla Augusta von Sachsen-Lauenburg eine durchaus lukrative Ehe einging, was den beiden (die sich übrigens wirklich liebten) einen luxuriösen Lebensstill ermöglichte. Nach dem Tod ihres Mannes, der 1707 an den Folgen einer Kriegsverletzung starb, regierte Sybilla Augusta Baden und machte Rastatt zur bewunderten Prunkstadt. Davon zeugen heute noch viele Gebäude in der Stadt, unter anderem das Residenzschloss.

Ich bin zwiegespalten, was diesen Wahnsinnsbau betrifft. Einerseits ist er unglaublich beeindruckend, andererseits fühle ich mich von den Ausmaßen und dem Prunk jedesmal regelrecht erschlagen. Keine Frage: Die Beletage ist sehenswert, mich aber zieht es heute in den Schlossgarten. Ich mag die Mischung aus Barock und Modernität, die vielen kleinen Rückzugsorte. Ein anderer Lieblingsplatz von mir ist die Pagodenburg, ein paar hundert Meter entfernt. Das ehemalige Teehaus der markgräflichen Familie befindet sich in einer hübschen kleinen Gartenanlage, hier sitze ich manchmal mit einer Butterbrezel und lasse mir die Sonne auf die Nase scheinen.

Sonntagnachmittag

Heute aber mache ich mal auf Touri und gehe die sogenannte historische Route ab. Laut Plan sind für die 23 Stationen 90 Minuten veranschlagt, aber das würde ich nur im Stechschritt und mit starrem Blick auf die Uhr schaffen. Nee – ich hab’ Wochenende! Gemütlichkeit ist Trumpf. Ich gucke mir in aller Ruhe auch mal die pittoreske Schlosskirche an, schlendere über den Marktplatz mit seinen hübschen Brunnen und besuche mal wieder das Stadtmuseum. Viel vom Wochenende ist nicht mehr übrig. Und das beschließe ich so, wie ich es begonnen habe: Direkt an der Murg im Restaurant zum Schützen sitze ich auf einer Brücke direkt über dem Fluss und speise fast schon fürstlich …

Unsere Tipps fürs Murgtal

 

Adventure World / Murgtal-Arena

Soft-Rafting auf der Murg. Infos und Anmeldung:
murgtal-arena.de

Bogenparcours Forbach

(Wulzenbergstraße, 76596 Forbach)
Bogenschießen, auch für Ungeübte, Ausrüstung wird gestellt.
bogenparcours-forbach.de

Kleine Dorfrunde Loffenau

(Start: Bushaltestelle Untere Dorfstr., 76597 Loffenau)
Historischer Spaziergang und Naturerlebnis.

Stadtrundgang durch Gernsbach

(historische Altstadt Gernsbach 76593 Gernsbach)
Altstadt, Katz’scher Garten, Murginsel und Kurpark … Dauer etwa 1,5 Stunden.

Weingut Iselin im Alten Rathaus

(Hauptstraße 11, 76593 Gernsbach)
Tolles Ambiente, hervorragende, gutseigene Bio-Weine.
www.weingutiselin.com

Historische Route Rastatt

(Start: Residenzschloss, 76437 Rastatt)
23 Stationen, Dauer ca. 2 Stunden; sehenswert sind auch die Ausstellungen.
www.rastatt.de

Hotel am Mühlbach

(Mühlbachweg 4, 76596 Forbach)
Klein und fein, gemütliche Zimmer mit schönem Ausblick, sehr gutes Frühstück.

Das Waldhaus

(Hauptstraße 2, 76596 Forbach)
Direkt an der Murg, Garten-Café mit großer
Terrasse, schöne, moderne Zimmer, reichhaltiges Frühstücksbuffet.

Schloss Eberstein

(Schloss Eberstein 1, 76593 Gernsbach)
4-Sterne-Hotel oberhalb von Gernsbach mit fantastischem Ausblick,
toller Atmosphäre und hervorragender Küche.

Hotel Stadt Gernsbach

(Hebelstr. 2, 76593 Gernsbach)
Zentral, aber ruhig, moderne Zimmer mit Blick auf die Altstadt,
gutes, reichhaltiges Frühstücksbüffet.

Gasthof Jockers

(Schloßstr.4, 76593 Gernsbach)
Gutbürgerlich, ordentliche Portionen, hübscher Biergarten.
www.gasthof-jockers.de

Gasthof Sternen

(Staufenberger Str. 111, 76593 Gernsbach)
Feine, badische Küche, etwas außerhalb, aber den Besuch wert.
www.sternen-staufenberg.de

Weinschmecker

(Rathausstr. 14, 76593 Gernsbach)
Weinbar, Terrasse mit Murg-Blick, schöne Auswahl.
www.weinschmecker-gernsbach.de

Café Felix

(Hofstätte 6, 76593 Gernsbach)
Tolle Kaffeespezialitäten, üppiges Frühstück, köstliche Kuchen – hingehen!

Lehners Wirtshaus

(Am Schlossplatz 2, 76437 Rastatt)
Bayerische Wirtshausküche mit badischen Anklängen. Schöner Biergarten.
www.lehners-wirtshaus.de

Avocado Bar & Restaurant

(Karlstr. 38, 76437 Rastatt)
Tapas, Bowls und Burger in cooler Atmosphäre.
www.avocado-rastatt.de

Schützen

(Murgstr. 23, 76437 Rastatt)
Teils mediterran, teils deutsch, modern interpretiert.
Besonders schön: die Tische auf der Brücke – unbedingt reservieren!
www.schuetzen-rastatt.de

#heimat Schwarzwald Ausgabe 28 (5/2021)

#heimat, Ausgabe 28 (5/2021)

Menschenskinder, ist das schön bei uns! Wir sind in dieser Ausgabe dann mal weg. Campen in den herrlichsten Ecken des Schwarzwald. Und Kochen in der freien Natur – mit Chefkoch Vincent! Zudem geht’s ins Murgtal, zu den Craft-Cider-Machern nach Unterkirnach und zum Kettensägen-Weltmeister nach Hornberg.

Lecker Essen und Trinken haben wir natürlich auch wieder: Zum Beispiel die ersten Rezepte aus unserem neuen #heimat Backbuch Schwarzwald Reloaded 3. Oder köstliche Drinks mit Obstbränden aus dem Schöllmanns in Offenburg. Ihr wollt noch mehr? Haben wir!

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