Kinzigtal

Es ist schwer zu sagen, was genau die Magie des Kinzigtals ausmacht. Postkartenidylle und gute Luft alleine sind es nicht. Karen aber nimmt uns mit auf einen Trip durch ihre alte Heimat und versucht, das zu klären...

Text: Karen Heckers · Fotos: Dimitri Dell
Tag 1

Für mich ist das Kinzigtal immer ein Sehnsuchtsort geblieben. Als ich aus beruflichen Gründen von hier wegzog, verbrachte. ich alle meine Urlaube hier. Ich mag die Landschaft, die Menschen, die Beständigkeit, das Ehrliche und Echte. Vielleicht ist es das: Es gibt mir Halt im Karussell des Lebens.

Freitag, nachmittags

Diese besonderen Zeiten haben auch ihr Gutes: Der Marktplatz von Schiltach ist herrlich ruhig. Ab dem späten Frühjahr ist das 4000-Einwohner- Städtchen normalerweise Schauplatz regelrechter Völkerwanderungen. Begleitet von entzückten Ahs und Ohs mäandern Touristen durch die hübschen Gässchen und knipsen, bis die Speicherkarte bröselt. Wie vielen Freunden und Verwandten ich die Stadt schon gezeigt habe – keine Ahnung: Das Gerberviertel mit der alten Säge und dem imposanten Mühlrad, die traumhaft schöne Altstadt, die Flößerwiese. Ich musste nie viel sagen, Schiltach sprach für sich. Jedenfalls gab’s hinterher im Café Bachbeck ein großes Stück Kirschtorte. Oder im renommierten Gasthof Adler ein paar Viertele und was Feines zu essen. Und alle waren verliebt in das Städtle. Ach, ja …
Mir steht der Sinn jetzt nach Kultur kompakt in ihrer wohl niedlichsten Form: Im Museum am Markt ist die Geschichte Schiltachs klein und fein zusammengepackt. Einige der Exponate scheinen zu sagen: „Guck mal, das gibt’s nur bei uns.“ Wie die Sammlung der alten Holzlaternen, die nur in der Silvesternacht zum Einsatz kommen. Dann erlischt das Licht in Schiltach und die Familien ziehen mit ihren Lampen durch die Stadt. Oder der Hydrantenkopf mit zwei verschiedenen Anschlüssen. Bei größeren Bränden mussten nämlich die schwäbische und die badische Feuerwehr anrücken und die hatten halt unterschiedliche Schläuche. Brände hat es hier reichlich gegeben: Einer davon soll, so die gruselige Geschichte, am Gründonnerstag des  Jahres 1533 durch eine Dienstmagd gelegt worden sein, die einen Pakt mit dem Teufel hatte …
Gleich gegenüber wartet Deutschlands größte private Ausstellung ihrer Art: Der Apotheker Ulrich Rath hat im Apothekenmuseum so gut wie alles zusammengetragen, was mit der Geschichte seines Berufsstandes zu tun hat. Rund 8000 (!) Exponate unterschiedlicher Epochen erzählen von der Geschichte der Heilkunst und der Heilsversprechen. Faszinierend und lehrreich. Aber jetzt parke ich mich mit Kaltgetränk und Vesper auf eine Bank an der Kinzig und versinke in der Lauschigkeit. Morgen ist Heimspiel-Zeit!

Tag 2

Samstag, morgens

Wolfach – das war für mich jahrelang meine Flanier- und Einkaufsmeile, mein Esszimmer, mein Platz zum Feiern. Nur ein paar Kilometer von hier entfernt, im Gelbach, habe ich gewohnt. Da, wo sich Fuchs und Hase „Guds Nächtle“ wünschen. In all den Jahren habe ich es nie geschafft, mich sattzusehen an diesem Städtchen mit seinen Fachwerkhäusern, den verwinkelten Straßen und den malerischen Plätzen entlang der Kinzig. Besuch schleppte ich wahlweise in das Museum für Mineralien und Mathematik, in die Dorotheenhütte oder (wenn Kinder dabei waren) in die Grube Clara zum Mineralien-Ausbuddeln. Eigentlich könnte ich diesmal auch ins Museum im Schloss gehen, die Ausstellung zur Geschichte Wolfachs ist super. Aber ich spaziere zu einem meiner Lieblingsplätze, dem Flößerpark. Anhand eines alten Floßes und anderer Exponate wird deutlich, wie aufwendig und mühsam dieses Gewerk war. Nebendran befindet sich das Bistro am Flößerpark, hier sitzt man wirklich in der ersten Reihe (wenn nicht gerade eine Verordnung den Besuch erschwert). Die Kinzig vor der Nase, einen unverschämt leckeren Flammkuchen auf dem Tisch – so lässt sich’s leben. Apropos Essen: Da auch mein Lieblingsrestaurant Hecht zu hat, mache ich jetzt mal auf Selbstversorger …

Samstag, mittags

Samstag ist Markttag im Kinzigtal: Wolfach ist schon gut bestückt mit lokalen Produzenten. Wer aber noch mehr Auswahl an heimischen Genüssen haben will, fährt nach Hausach. Für knapp 30 Euro stelle ich mir ein amtliches Vesper zusammen – mit duftendem Holzofenbrot, verschiedenen Käsesorten von mild bis würzig, himmlisch guten Bauernbratwürsten, geräuchertem Schinken und ein bisschen Gemüse. Die Auswahl ist groß, probieren ausdrücklich erwünscht und am Ende frage ich mich, wie ich den prall gefüllten Rucksack wohl hoch zur Burg Husen kriege; an diesem geschichtsträchtigen Ort möchte ich nämlich gerne speisen. Wildromantisch ist es hier. Der Blick über das Kinzigtal ist atemberaubend schön und mir wird wieder klar, dass ich großes Glück habe, an so einem wunderbaren Fleckchen Erde zu sein. Ein Kitzeln steigt in meiner Nase hoch, meine Augen werden feucht. Muss wohl die steife Brise sein, die hier oben weht …
Ich suche mir unterhalb der Burg einen gemütlichen Platz: windgeschützt, mit Sonnenschein und reichlich Panorama. Auf der Sonnenliege mache mich über die Köstlichkeiten her. Schwarzwald auf der ganzen Linie – das ist ein Wochenende nach meinem Geschmack! Ich könnte noch stundenlang hier sitzen, aber ich habe auch noch einiges auf dem Zettel. Ein Bummel durch die Stadt steht auf dem Programm: schmucke Häuser, kleine Gassen und Straßen, blumengeschmückte Brunnen – vieles wirkt, als sei hier ein bisschen die gute alte Zeit stehen geblieben. Bei einem Espresso (natürlich to go) bekomme ich noch einen Tipp: Die Erzpoche, ein Mini-Freilichtmuseum in der Hauserbachstraße und damit etwas außerhalb, sei auch einen Abstecher wert.

Samstag, nachmittags

In der dritten Strophe des Badnerlieds heißt es zwar: „Zu Haslach gräbt man Silbererz …“,  das trifft aber genauso auch auf Hausach zu. Mehr als 60 Grube gab es hier in der Blütezeit des Bergbaus. Die Rede ist auch von mehr als 300 Knappen – also Bergarbeitern – die hier schafften. Gefördert wurden verschiedene Erze, Blei und vor allem Silber. Im Jahr 1957 entschloss sich der Verein Dorfer Erzbrüder, dieser wichtigen Geschichte des Kinzigtals mit der Erzpoche ein Denkmal zu setzen. Neben einem alten Stollen sind Stationen der Metall- und Erzgewinnung aufgebaut, im Museum selbst erfährt man mehr über diese kräftezehrende Arbeit. Die Erzpoche ist übrigens bei Hochzeitspaaren sehr beliebt. Wer sich das Jawort geben möchte, ist hier richtig. Ich muss die Zeit im Auge behalten: Für morgen habe ich mir den Vogtsbauernhof vorgenommen, und da nur mal so kurz durchzuhuschen, wäre wirklich eine Schande. Bevor es die Kinzig wieder flussaufwärts geht, mache ich noch Station im Mostmaierhof. Der Gebäudekomplex der Saftmosterei Maier sollte der Abrissbirne zum Opfer fallen, wurde aber gerettet. Das Industriedenkmal mit seiner 130-jährigen Geschichte ist heute ein Kulturzentrum. Nicht nur, dass das Areal herrlich vintage und so schön verwinkelt ist: Es gibt auch noch ein Genusslädele. Eigentlich ist es nur freitags geöffnet, aber Pächterin Marion Sokol macht für #heimat eine Ausnahme, führt mich herum, lässt mich ein bisschen stöbern und spendiert einen Kaffee.