Vom wilden Leben auf einem 500 Jahre alten Hof

Schafe, Selbstversorgung, Sanierung, Social Media:
Geraldine Schüle zeigt uns ihren Alltag auf einem 500 Jahre alten Hof. Und die Content-Creatorin erklärt, warum Freiheit und
Verantwortung super zueinander passen ...

Von außen wirkt der 500 Jahre alte Hof unscheinbar. Eine große Scheune, ein schiefer Weg, ein wilder kleiner Garten mit Kräutern und Gemüse direkt vor der Haustür. Das Dach sieht aus, als wäre es jüngst erneuert worden, und auch Teile der Fassade haben bereits ein Make-over bekommen. Betritt man die Stube, schlägt einem Wärme entgegen. Es duftet nach frischem Brot und Rauch. Die Möbel sind zusammengewürfelt, an den Wänden und Türen hängen Kabel und Provisorien. Die Spülmaschine läuft ins Waschbecken ab und neben der Tür steht ein uralter Kachelofen. „Es zieht im Haus, der Boden im Flur ist schief, und die Tür zur Stube quietscht unheimlich“, erzählt uns Geraldine Schüle, die hier mit ihrem Mann Patrick Ortlieb und ihren zwei Kindern wohnt. „Aber mittlerweile haben wir uns an das alles gewöhnt.“ Das alles ist eigentlich das genaue Gegenteil der Perfektion, die man sonst häufig auf Instagram zu sehen bekommt. Und trotzdem wollen eine halbe Million Menschen Einblick in Geraldines Landleben zwischen Sanierung, Selbstversorgung und Social Media bekommen. Was macht ihre Geschichte so faszinierend?

Geraldine ist dreifache Buchautorin, Content-Creatorin und Mutter – und jongliert das mit einer Leichtigkeit, die ansteckend wirkt. Aufgewachsen in einer Schaustellerfamilie aus Staufen im Breisgau, die Mutter Handleserin, der Vater Holzschnitzer und Kinderbuchautor. Märkte, Mittelalterfeste, Gaukler – all das war Teil ihrer Welt. „Da war’s logisch, dass ich auch irgendwann im Zirkus lande“, sagt sie. Nach dem Abitur reiste sie weit, absolvierte in Palästina eine Zirkusschule und eine Ausbildung zur Zirkustrainerin, später noch eine Fortbildung zur Clownin. In Köln studierte sie Geografie und Ethnologie und arbeitete als Regisseurin in verschiedenen Zirkussen, inszenierte ganze Stücke, entwarf Kostüme und leitete Ensembles. Später zog sie mit Ehemann Patrick, von Beruf Zimmerer und Architekt, in einen selbstgebauten Bauwagen auf dem Hof seiner Eltern bei Staufen. Dort lebten sie fünf Jahre, hielten Schafe und Hühner, legten einen Garten an, backten Brot, experimentierten mit Selbstversorgung. „Es war klar, dass das nur eine Übergangszeit ist“, sagt Geraldine. „Aber eine, in der man unheimlich viel lernt – über sich, über Platz und über Wünsche.“

Ein Ort mit Geschichte

Dann kauften sie ein altes Doppelhaus ganz in der Nähe als Anlageprojekt und sanierten es. Von Anfang an wussten sie jedoch: Es ist schön, zentral, alles wirkt perfekt – aber sie selbst wollen mehr Land, Tiere und Raum zum Atmen. Also vermieteten sie es als eine Art Absicherung und suchten nach etwas Geeignetem, auch über ihre Heimatregion hinaus. Vor zwei Jahren stießen sie dann auf genau diesen Hof 100 km entfernt von ihrer damaligen Heimat. Das Traumhaus in spe war einsturzgefährdet, vermüllt, hatte für Geraldine aber gleichzeitig sehr viel Potenzial. „Als wir dort waren, wusste ich: Das ist unser Hof“, sagt sie.

Der große Bauernhof nahe der Grenze zur Schweiz hat eine lange Geschichte: Gebaut wurde er vor einem halben Jahrtausend, vermutlich von einem Edelmann, der hier die Gegend urbar machen wollte. Später gehörte er einem Kloster und diente als Stabhalterei – dem damaligen Verwaltungs- und Gerichtssitz der Region. Im 16. Jahrhundert fanden die Pferde einer abgebrannten Burg Unterschlupf in der Scheune. Danach lebten hier nur noch Landwirtsfamilien – meist sehr kinderreiche. Lange Zeit wurde am Hof nichts mehr erneuert und eine Grundsanierung war dringend nötig. Geraldine und Patrick fühlten sich der Herausforderung gewachsen. „Das Licht hier oben, die Aussicht, der Platz – das sind Dinge, die man nicht bauen kann“, sagt sie. Dass der Hof so alt ist, spiegelt sich auch in kleinen, überraschenden Funden wider. Die Säule auf dem zweiten Stockwerk wirkt wie ein Relikt einer Burg, das Gemäuer in der Scheune wie aus einem Fantasy-Film. Und auch unter dem alten Kachelofen Zeitungen aus den dreißiger Jahren zu finden, ist eine Erinnerung daran, dass Orte Geschichten ansammeln. Geraldine und Patrick sind nun Teil dieser Chronik, hinterlassen ihre Spuren in den jahrhundertealten Mauern. Die Arbeit auf dem Hof geht nie zu Ende. Wochenlang entrümpelten sie das Haus, sortierten Müll, reparierten, flickten und planten. Freunde und Familie halfen der jungen Familie dabei – oft den ganzen Sommer lang. Die Scheune und die oberen Stockwerke stehen bisher noch im ursprünglichen Zustand, doch Geraldine hatte von Anfang an eine Vision. „Ich liebe es, mir vorzustellen, wie man einen Raum oder ein Gebäude verbessern kann“, sagt sie.

Selbstversorgung als Experimentierfeld

Die Selbstversorgung ist ebenso ein Teil ihres Lebens: Brot backen, Sauerkraut einlegen, Tomatensoße, Marmelade und Apfelmus für den Winter kochen. Die Vorratskammer im Keller ist reichlich bestückt. „Wir wollen nie auf 100 Prozent fahren. Es ist kein Wettbewerb, sondern ein Hobby“, sagt sie. Im Sommer kommt vieles aus dem eigenen Garten, wie Obst, Gemüse und Kräuter. Für andere Dinge wird aber auch einmal die Woche in einem Supermarkt eingekauft. Ehemann Patrick isst Fleisch, Geraldine und die Kinder nicht. Aus der Schafswolle der eigenen Schafe spinnt sie Garn für Kleidung mit einem alten Spinnrad – auch das hat sie sich mit der Zeit selbst angeeignet. Sie sieht in der Selbstversorgung nicht nur das Essen, sondern ein Lernen, Experimentieren und Gestalten. „Am Anfang ist alles mühsam. Aber irgendwann läuft es von selbst.“, erzählt sie.

Ein Tag der Familie auf ihrem 500 Jahre alten Hof, erzählt Geraldine, beginnt oft sehr früh. Der Ofen wird angeheizt, dann wird, während die Kinder noch schlafen, der Tag geplant. Geraldine backt Brot für die Familie, koordiniert das Hofleben, kümmert sich um die Tiere, die Kinder, die laufenden Sanierungen und nimmt trotz des vollen Alltags ihre Follower regelmäßig auf Social Media mit. „Es ist echt“, sagt Geraldine, wenn man sie nach einem Wort für ihr aktuelles Leben fragt. Echt in dem Sinn, dass man spürt, was getan werden muss und wie Menschen, Tiere, Pflanzen und Gebäude aufeinander wirken. Und dass das Chaos, das manchmal überhandnimmt, auch Teil der Schönheit ist.

Auf dem nahegelegenen Feld besucht sie mit uns ihre Schafe, um sie zu füttern. „Kommet!“, ruft sie laut und bestimmt und die Tiere kommen zügig auf sie zugelaufen. Manche drücken sich an ihre Beine, andere holen sich auch Kuscheleinheiten ab. Man merkt, dass die Tiere viel Aufmerksamkeit und Liebe bekommen.

Auf die Frage, wie sie das alles unter einen Hut bekommt, antwortet sie: „Man hat so viele Anteile in sich, und dieses Leben entfaltet sich gerade.“ Für Geraldine ist die Freiheit, die sie dabei empfindet, anders als in ihrer Jugend. Damals bedeutete Freiheit für sie Reisen und Unabhängigkeit. Heute gehört für sie die Verantwortung dazu, die sie für Tiere, Kinder und einen Hof trägt — und die verblüffende Erfahrung, dass auch so ein Lebensstil befreiend sein kann. Diese Selbstwirksamkeit möchte sie an ihre Kinder weitergeben. „Mein größter Wunsch ist, dass sie selbstständig werden, wissen, wie man sein Leben in die Hand nimmt.“ Sohn Oskar weiß zum Beispiel mit vier Jahren schon, wie man einen Teleskoplader bedient, und beide Kinder helfen fleißig mit bei den Arbeiten.

Never Ending Story

Der Hof ist noch lange nicht fertig. Das Paar schätzt, dass es noch etwa zwei bis drei Jahre dauert, bis das Gröbste geschafft ist. Der zukünftige Wohnraum für die Familie muss noch ganz ausgebaut werden, genauso wie die anderen Stockwerke des großen Hauses noch saniert und bewohnbar gemacht werden müssen. Kürzlich hat Geraldine ihr neues Buch Unser wilder Hof veröffentlicht. Sie geht auf Lesereisen und ist Talkshowgast. Ihr Leben steht selten still und ist trotz Schiefständen, Baustellen und Zugluft erfüllend und lebendig. Draußen hackt Patrick Holz, der Hund jagt über den Hof. Aus dem Fenster ruft Oskar, während Tochter Jolanda ihren Mittagsschlaf hält. In der Ferne blöken die Schafe. Überall auf dem alten Hof wartet noch Arbeit ohne Ende. Und doch ist längst spürbar, was Geraldine und Patrick hier geschaffen haben: einen Hof, ein Zuhause. Einen Ort, an dem man ausprobiert, gemeinsam anpackt, lacht und lebt. Einen Ort voller Geschichte – und eine ganz neue wird hier gerade geschrieben.

Mehr von der Autorin

Kürzlich ist Geraldines neues Buch "Unser Wilder Hof "(dtv. Verlag, 17 Euro) erschienen. Einblicke in ihr Leben auf dem Hof und zur Selbstversorgung teilt Geraldine täglich auf ihrem Instagramkanal.

 

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