Keine Panik! Die Bergwacht kommt gleich

Auf einmal bleibt der Sessellift stehen. Und nu? Kommt die Bergwacht – das haben wir bei einer Übung erleben dürfen 

Text: Pascal Cames · Fotos: Michael Bode

Jetzt lassen sich mich hängen. Endlich! Die Zeit im Sessellift kam mir ewig vor. Der Lift blockierte. Es ging nicht mehr vorwärts und auch nicht mehr rückwärts. Runterspringen wäre der pure Wahnsinn. Zu hoch. Mindestens zehn Meter sind es bis zum Hang unter mir. Vielleicht sogar mehr. Außerdem macht‘s die Kälte echt ungemütlich.

Murphys Law

Normalerweise läuft ein Sessellift nonstop und tadellos. An manchen Tagen transportiert er 2000 Personen. Was wäre, wenn er mal nicht will? Einfach stehen bleibt? Das kam noch nie vor, könnte aber. Normalerweise läuft der Lift noch eine Runde, sodass alle aussteigen können. Theoretisch. Praktisch könnte das Dinge aber auch blockiert sein. Und dann?

Dann kommt die Bergwacht. Dieser vor 100 Jahren gegründete Verein ist der Partner des Steinwasenparks, zu dem diese Seilbahn gehört. Sollte eine Situation wie diese eintreffen, dann wären die Helden in rot und blau zur Stelle. Die Bergwacht ist im ganzen Schwarzwald präsent und hilft, wenn ein Segelflieger im Baum landet, ein Pistengott sich die Haxen bricht oder ein Biker stürzt. Oder um aus einer blockierten Seilbahn die Menschen zu retten.

Für den Fall der Fälle findet einmal im Jahr eine Übung statt. Dieses Mal sind acht Bergwachtstationen aus dem Südschwarzwald dabei. Das Ziel lautet nicht Einzelne retten, sondern eine vollbesetzte Bergbahn. 70 Leute! Die Masse zählt, nur dann ist die Übung realistisch. Die Bergwacht arbeitet gegen die Zeit: Bevor es dunkel ist, sollen alle Menschen in Sicherheit sein. Denn ohne Tageslicht wird es noch kniffliger.

Berge, Gemeinsinn, Freikarten

Wo kommen all die Leute her? Der Auftrieb schaut so aus, als würde es gleich mit Reinhold Messner auf den Montblanc gehen. Die beste Ski- und Winterkleidung wurde für diesen Anlass angezogen. „Hallo, ich bin ein Opfer!“, sagt eine gutgelaunte Frau. „Wo kann ich mich retten lassen“, ruft eine tiefe Männerstimme. „Interessant auch mal in der Rolle zu stecken“, erklärt Christian Kuhn, 36, Arzt aus Freiburg seine Motivation. Zwischen Einzelpersonen, Vätern und ihren Kindern, Freundinnen sowie meist blutjungen Leuten der Bergwacht stehen Feuerwehrleute und Polizisten. Ein Mann ohne Gesichtsfarbe (der Bürgermeister von Todtnau) verabschiedet seine Frau, als würde sie gleich bei Elon Musks in die Space X-Rakete steigen. „Im Läbe nid“, sagt er. Ihn bringt nichts in den Sessellift. Die anderen sind da, weil sie als Wanderer und Wintersportler die Bergwacht wertschätzen oder weil sie bei der Bergwacht sind und Kollegen unterstützen. Und bei der Bergwacht sind sie, weil sie was Sinnvolles machen wollen, wegen der Kameradschaft oder der Liebe zum Berg. Und manche suchen auch das Abenteuer. Nur die Kleinen sind aus profanen Gründen dabei: Es gibt Freikarten!

Nach und nach leert sich der kleine Platz und jetzt bin ich an der Reihe und stelle mich dorthin, wo jemand zwei Füße auf den Boden gemalt hat. Es ist so weit! Mein Mitfahrer, klappt den Sicherheitsbügel nach vorne und beißt herzhaft ins Käseweckle. Einen Guten, sollte man wohl wünschen, aber ich stiere in die Tiefe, wo aus einem Meter zwei werden, dann vier, sechs, acht, zehn Meter. 

Wem die Stunde schlägt 

Normalerweise fährt der Lift zum 1026 Meter hohen Hasenhorn 13 Minuten. Meine Fahrt aber endet viel eher. Wie weiter? Na gar nicht. Zwischen zwei und zweieinhalb Stunden kann es dauern, bis ich wieder unten bin. Nur Instagramer finden die Aussicht auf Wolken, die aus Tannen aufsteigen herrlich. Mir sagt das Bild nur eines: Regen!

Über einen Lautsprecher kommt folgende Ansage: „Wir bedauern sehr, dass es leider bis jetzt noch nicht gelungen ist die technische Störung zu beheben.“ Währenddessen läuft die Hilfe an. Der Alarm ist ausgelöst, der Liftbetreiber informiert die Leitstelle und diese zieht den Bergeplan aus der digitalen Schublade. Die Sache kommt sprichwörtlich  ins Rollen. Die acht Rettungteams kommen aus Freiburg, Hinterzarten, Münstertal, Notschrei und anderswo.  Alles in Echtzeit. Wir warten. Der Sessellift bewegt sich kaum, aber wenn ich genau aufpasse, dann spüre ich ein leichtes Schaukeln, ähnlich wie ein Wellengang im Meer. Dort könnte ich schwimmen oder rudern, hier geht nichts.  Es schlägt dreiviertel. Es schlägt die volle Stunde. Wenn ich mir den Hals verrenkte, sehe ich die Zwiebeltürme und die Bergwacht von Todtnau.

Kalt, kälter, noch kälter

Es heißt zwar immer, wir kriegen das Ding geschaukelt, aber das Ding – die Natur – schaukelt uns. So wie man eine Tür eines Kühllagers öffnet, so ändert sich von jetzt auf nachher das Mikroklima. Vorher war’s kühl, jetzt ist es kalt. Zuerst frieren die Oberschenkel, dann zieht es an den Nieren. Etwas essen hilft immer. Aber ich trinke nichts. Unten hatten sich ein paar Männer darüber unterhalten, wie es sich anfühlt, wenn man zwei Stunden nicht pinkeln kann. Dieser erbärmliche Zustand ist mir bekannt. Lieber friere ich mit staubtrockener Kehle. Was kann ich tun? Das Geläut der Kirchenglocken zählen oder meinen Nachbar zutexten. Fünf Minuten schweigen wäre auch herrlich. Im Stillen hoffe ich, dass es nicht regnen wird.

Drohneneinsatz

Meine Grübelei wird von einer Drohne unterbrochen, auf der eine Kamera und ein Lautsprecher installiert sind. Sie spricht mich an. Es ist wie im Film! „Wenn Sie medizinische Hilfe brauchen, machen Sie auf sich aufmerksam oder winken sie.“ Nein, es ist alles prima. Von weiter oben höre ich „Hilfe, Hilfe!“ (Wie ich später erfahre, stand noch ein medizinischer Notfall auf dem Programm.)

Unter stehen zeitgleich zig Leute vor dem Bildschirm, auf dem die Drohnenbilder gespielt werden. Hier spricht Einsatzleiter Jakob Schmid, 25, ins Funkgerät. „Drei Leute, 40 Minuten, verdammt“, ruft der angehende Dachdecker mit der Strickmütze. Es ist nicht klar, wie er das meint, ob die 40 Minuten schnell oder langsam sind. Die Helfer haben zwei Funkgeräte, eines für das größere Netzwerk und das andere f