Ein Indianer kennt seinen Schmerz

In St. Georgen bietet Jack Silver Schwitzhütten an. Unser schamanisch erfahrener Autor durfte sich diese Anwendung natürlich nicht entgehen lassen

Text: Pascal Cames Fotos: Dennis Steven Müller

Jürgen Schwörer (58) ist ein echter Schwarzwälder, er sagt Ma zum Mann, go für gehen, sto für stehen und den Glaubenssatz der Ur-Schwarzwälder hat er auch drauf: „Wenn man’s nicht ändert, ändert sich nichts.“ Weil er vor langer, langer Zeit mal tief in der Krise steckte, begann er sein Leben zu ändern. Durch Zufall lernte er eine Schamanin kennen und durch sie die indianische Schwitzhütten. Sofort war er Feuer und Flamme. Er lernte die Sweet Medicine der Ureinwohner Nord- und Südamerikas, ging nach New York und absolvierte eine Coaching-Ausbildung. Hier entdeckte er sein komödiantisches Talent. So wurde aus Jürgen Schwörer Jack Silver und so heißt er bis heute.

Und nein: es ist nicht komisch,...

...was er jetzt mit uns vorhat. Wir stehen eingewickelt in Badetüchern, unsere Füße stecken in Stiefeln oder Flipflops. Es ist saukalt und der bissige Wind weht uns kleine Eisdornen in die Haut. In einer Runde von dreizehn Leuten stehen wir am Feuer, das ständig seine Richtung wechselt. Entweder kriegt man den Rauch ab oder die Funken. Beides nervt, ist aber Teil des Deals. Wir nehmen an einer Schwitzhütte teil, wie sie in Nordamerika und wohl auch in Zentralasien gemacht wird. Und jetzt, in diesem Augenblick befinden wir uns im Drachenland, berichtet Jack Silver, der sich nicht Schamane nennen will, aber uns jetzt schamanisiert. Jack könnte sich auch etwas anderes vorstellen. „Da ist eine kleine Stimme im Ohr: Wie alt bist du jetzt? Hast du das nötig‘? Nein, nötig hätte er es nicht, man kennt ihn gut und seine Schwitzhütten sind immer voll, sodass er auch mal einen Termin wegen Schlechtwetter ausfallen lassen könnte. Tut er aber nicht. Nicht einmal bei Gewitter oder minus 15 Grad. Wir gehen derweil im Sonnengang ums Feuer zur Schwitzhütte, kriechen wie die Hunde hinein und suchen uns einen Platz. Wir knüllen das Handtuch zusammen und setzen uns auf unseren nackten Hintern.

Wie sollte es auch anders sein?

Als wir uns am Nachmittag auf dem Buckel bei St. Georgen versammelt haben, war’s auch schon bitterkalt. Der Himmel war grau, es schneite, die Straßen vereisten. Wir standen im Kreis und Jack ließ eine Schale mit duftenden Kräutern herumgehen. Weißer Salbei, Thuja, Lavendel und noch ein anderes Kraut glimmen vor sich hin und Jack erzählt, wofür sie gut sind. „Rauch reinigt“, ruft er. Wir geben die Schale ’rum, riechen daran und bewedeln uns mit einer Krähenfeder. Wir: das sind ein Dutzend Leute aus Südbaden, die das Prinzip Schwitzhütte schon kennen, einen Schicksalsschlag hinter sich bringen wollen, ein neues Mindset suchen oder, wie es Matthias sagt, einfach „geilen Scheiß“ erleben wollen.

Wie so viele schöne Erlebnisse,...

...beginnt es auch hier mit Arbeit. Wir müssen die Hütte fertig bauen. Zuerst wähle ich mir’s Holzholen aus, das mache ich mit dem Schlangenmenschen Patrick, der fest eingemummelt ist. Am Waldrand liegen lange Scheite, die wir auf einen Schubkarren laden. Ich trage keine Handschuhe, es geht, noch, aber ich hätte wohl eh keine andere Wahl. Wir stapeln die Scheite und damit der Haufen nicht umfällt, dreschen wir lange Hölzer mit einem anderen Stück Holz in den Boden. ich halte den Holznagel und spüre jeden verdammten Schlag in den Händen. Die anderen bespannen ein Holzgerüst mit Filztüchern. Ich helfe mit, halte oben den Stoff, stehe unten auf dem Saum, der Wind bläst, keiner kann weg, alle halten und dann kommt noch eine Folie drüber und wir hoffen, dass die Decken liegen bleiben. Der Wind bläst wie Moby Dick, aber die Hütte steht und liegt wie eine dunkle Ausbeulung in der weißen Landschaft. Die Hütte ist das Symbol für Mutter Erde. Das Feuer brennt, die Hütte steht, aber was ist mit den 50 Steinen im Feuer? Wir haben sie alle sorgsam ins Feuer gelegt. Sie sind unsere Transformatoren. Glühen die schon? Nein, auch wenn der Wind das Feuer gut mit Sauerstoff versorgt, kühlt er doch gleichzeitig alles wieder runter. Die Steine müssen glühen. Tiefrot. Wenn nicht, wird es eine kalte Schwitzhütte …
Also haben wir noch Zeit, gehen uns aufwärmen, trinken eine Tasse Tee.