Die schnellsten Huskys im Schwarzwald

Wenn es schneit, beginnen sie einen heissen Tanz: Die zehn Schlittenhunde von Roland Sum aus Kirnbach. Wir haben den Musher und seine Vierbeiner begleitet.

Text: Karen Heckers · Fotos: Dimitri Dell

Da hinten, irgendwo in der klirrenden Kälte der Gletscherlandschaft im Berner Oberland müssen sie sein. Sehen kann man sie nicht. Hören schon. Es klingt, als wäre ein Rudel Wölfe zur nachmittäglichen Heulrunde angetreten. „Ja, die wissen: es geht los“, lacht der Schwarzwälder Musher Roland Sum aus Wolfachs Stadtteil Kirnbach, der hier in Gadmen – gut 50 Kilometer östlich von Interlaken gelegen – mit seinen sibirischen Huskys zum Rennen antritt. Während sich unsereins dick verpackt und triefnasig durch die Gegend bibbert, tauen die „Mäuse“, wie Roland sie liebevoll nennt, erst richtig auf. Naja, Mäuse ist für die Rennmaschinen vielleicht nicht das Wort der ersten Wahl …
Die Rennen in Gadmen lässt sich die Musher-Szene nicht entgehen: 120 Teams sind gemeldet – Hunde, Menschen und Zelte, wohin man auch blickt. Roland, seine Freundin Barbara „Babs“ Caduff und ihre Hunde haben sich schon zwei Tage zuvor auf den Weg ins Berner Oberland gemacht. Mit Wohnwagen, Hundetransporter und viel Equipment. Zum einen um ihren Platz zu beziehen, zum anderen um die Strecke noch mal genau abzugehen.

Das Rennen im Blut

„Ich bin halt doch Rennfahrer“, grinst Roland, „und fahre die Strecke mit Langlaufskiern vorher ab. Dabei merke ich mir Steigungen, Gefälle, kritische Punkte und spüre die Schneequalität. So kann ich die Hunde fürs Rennen optimal einteilen.“ Rennen, das ist so eine Sache mit ihm – ursprünglich war er auf Reifen statt auf Kufen unterwegs. Benzingeruch und qualmende Pneus waren seine Welt. Beim Quadfahren wurde er mehrfach Europameister. „Die Rennen fanden im Sommer statt“, erinnert er sich. „Aber ich wollte auch im Winter aktiv sein, einfach raus und was tun.“ Sport ist sein Lebenselixier, Stillsitzen die pure Qual. „Und ich wollte schon immer einen Hund haben, einfach so zum sportlichen Ausgleich. Und als Kumpel halt.“ Irgendwann zog Husky-Dame Rypa bei ihm ein. Die beiden waren zu zweit unterwegs – beim Skijöring. „Ich auf Langlaufskiern und Rypa vornedran im Geschirr.“ Es machte ihm soviel Spaß, dass er bei Wettkämpfen startete und Pokale einheimste. Schließlich bekam Rypa Gesellschaft: die kleine Galaxy. Auch ein sibirischer Husky, denn von deren Charme und Sportlichkeit war er sehr schnell angetan. „Und dann wurden es mehr und mehr Hunde, die Skier wurden gegen Rennschlitten getauscht und heute haben wir Champions“, lässt Roland die vergangenen zehn Jahre Revue passieren. 

Hunde lesen können

Mittlerweile hat er sich in der Rennszene einen Namen gemacht, hat an zig Rennen in Frankreich, Italien, der Schweiz, Österreich und Deutschland teilgenommen und ist fast nie ohne Pokal nach Hause gekommen. Wenn er was anfängt, dann macht er es gründlich. Das war schon im Motorsport so. Und bei seinen Hunden ist das nicht anders. Damit hat er sich auch den Ruf erarbeitet, ein Husky-Flüsterer zu sein. Er kann die Hunde lesen. „Ja, das klingt komisch“, gibt er zu. „Aber ich beobachte sie genau. Nicht nur beim Training oder beim Rennen. Auch und gerade zuhause. Jede Veränderung, ob von der Psyche her oder körperlich, kriege ich mit und gehe ihr auf den Grund.“ Bei den anderen Schlittenhundefahrern ist er ein gefragter Experte. „Ich habe auch schon für Musher-Kollegen Hunde ausgebildet. Die haben dann mehrfach gewonnen“, freut er sich. Dass er sich damit selbst eine ernstzunehmende Konkurrenz geschaffen hat, stört ihn weniger. Er hat halt Sportsgeist.

 

Mäuse? Nee – Rennbiester!

Ein paar Monate später: Rolands Saison ist vorbei – in Gadmen ging er in seiner Klasse als Sieger vom Platz – und hat uns zum Training eingeladen. Denn Schneegestöber, frenetisch klatschende Menschen und Rennatmosphäre sind die eine Sache. Die Arbeit dahinter ist eine andere. Es ist sehr früh an diesem Spätherbstmorgen. Über dem Kinzigtal liegt noch Nebel. Am alten Wasserwerk warten schon Roland und Babs samt Transporter. Es ist mucksmäuschenstill. Noch verirren sich keine Spaziergänger hierher. Zu kalt. Zu früh. Pennen die Hunde noch? „Wart mal“, grinst Roland und öffnet den Anhänger des Transporters, um seinen Trainingswagen herauszuholen. Erst ein leises Bellen und dann bricht ein Geheul los, das vermutlich weit über die Grenzen Steinachs hinaus zu hören ist. „Es geht gleich los, Mäuse“, ruft Roland Richtung Transporter. Die Ansage trägt nicht zur Beruhigung bei – eher im Gegenteil. Acht Huskys und zwei Greyster versuchen offensichtlich gerade, den ganzen Laden auseinanderzunehmen.

Ein ausgeklügeltes System

Würden Babs und Roland diese Rennsemmeln einfach mal so an der Kinzig laufen lassen, würde man nur noch ein paar Kondensstreifen sehen. Denn für sie ist Laufen das Allergrößte. „Sie sind dafür nun mal gezüchtet“, sagt Babs. Konzentriert legen die beiden Musher einem nach dem anderen das Renngeschirr an. Den Trainingswagen hat Roland am Vorderreifen des Transporters gesichert. Die Hunde würden sonst sofort mit dem gerade mal 50 Kilo schweren Gefährt abdampfen und sich höchstens wundern, warum es denn heute so leicht geht und niemand von hinten dazwischenquatscht.  „Gib mal das Bord rüber“, sagt Roland. Darauf ist genau festgelegt, an welcher Position ein Hund eingespannt wird. „Vorne gehen die Leittiere“ erklärt Roland. „Das sind nicht die Alphatiere, die im Rudel die Hosen anhaben, sondern die mit der meisten Rennerfahrung und dem klaren Kopf. In der Mitte entscheiden wir nach Tagesform und hinten gehen die stärksten.“ Die Hunde sind außer Rand und Band, jodeln regelrecht um die Wette, à la: „Jetzt geht’s lo-hos!“ Ein Rentner mit Dackel kommt vorbei, guckt irritiert und macht, dass er Land gewinnt. Man weiß ja nie …

Go, Mäuse, go!

Roland steigt auf den Trainingswagen, Babs löst die Sicherung, hechtet auf den Vordersitz und dann folgt das Kommando: „Go, Mäuse, go!“ Das ist unnötig, Roland könnte auch „Fleischküchle für alle!“ rufen. Die Hunde stemmen sich in die Geschirre und rennen los, verschwinden am Horizont wie eine Fata Morgana. Nur Rypa bleibt zurück. Altersbedingt ist das Training nichts mehr für sie. Aber bei uns ist „das Ömchen“, wie sie auch genannt wird, in guten Händen. Wir führen sie ein bisschen am Kinzigdamm spazieren und stecken ihr heimlich ein Leckerli zu. Keine halbe Stunde später sind sie wieder da: Orca und Oskar, Champer und Galaxy, Hope, Chip, Bumble Bee, Master und Pollux. Roland und Babs springen vom Wagen und bereiten alles für die Erfrischung vor: Es gibt reichlich Wasser von innen und von außen. „Die Hunde würden sonst überhitzen“, erklärt Babs und versucht gerade, Bumble Bee klarzumachen, dass er seine Pfote einfach mal aus dem Napf nehmen soll, dann säuft’s sich nämlich leichter.

Wir wollen es doch auch!

Roland schleppt Kanister an und lässt vorsichtig Wasser über die Körper laufen. Allesamt sehen sie ziemlich platt aus. Aber glücklich. Ob wir auch mal …? „Klar“, sagt Roland, spannt noch mal  an – diesmal mit sechs Hunden –, macht aber klar, dass eine komplette Strecke für die Huskys dann doch zu viel wäre. „Aber ein bissel was geht“, sagt er. „Go, Mäuse!“ Wow, was für ein Ritt! Den Huskys scheint die erneute Runde nichts auszumachen, fast mühelos ziehen sie uns über den Kinzigdamm. Die Landschaft gleitet vorbei, ein paar Spaziergänger grü.en und winken. Punktum: Es macht irrsinnig viel Spaß. „Die Hunde werden etwas über 30 Stundenkilometer schnell“, erklärt Roland von hinten. Er bremst den Wagen ab, die Hunde werden auf dem engen Kinzigdamm gewendet und zurück geht’s. Diesmal nach Hause.