Der fliegende Schramberger

Was es im Schwarzwald nicht alles gibt: Kirschtorte, Bollenhut, Kuckucksuhren – und den König der Orientteppiche. Der legendäre Händler Peter Renz ist in Europa einer der letzten seiner Art

Text: Daniel Oliver Bachmann · Fotos: Jigal Fichtner

Kann dieser Teppich fliegen?“, fragt Fotograf Jigal während unseres Shootings bei Peter Renz. Die Frage liegt auf der Hand, denn wir kommen uns hier in Schramberg vor wie in einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Dutzende, nein, Aberdutzende Orientteppiche liegen ausgebreitet vor uns, in Stapeln aufeinander oder hängen an der Wand. Sie stammen aus den bekanntesten Teppichzentren Persiens, aber auch aus völlig entlegenen Dörfern – sogenannte Dorfteppiche – oder sogar direkt aus den Zelten der Beduinen. „Das sind dann Zeltteppiche, wie dieser hier“, erklärt Peter Renz, der Jigals Frage – er hat sie wohl schon oft gehört – fürs Erste unbeantwortet lässt. Der Händler breitet einen vier Meter langen Läufer aus. Wir bestaunen die perfekt handgeknüpften Vogel- und Blumenmuster. „So ein Teppich hat eine Knüpfdichte von mehr als einer Million Knoten pro Quadratmeter“, verrät unser Gastgeber. Wahnsinn, diese Vorstellung! „Geknüpft von den Frauen des Dorfes. Die verdienten das Geld, die hatten das Sagen. Die Männer hatten nichts zu melden.“

Ein Schwarzwälder in Persien

Peter Renz spricht in der Vergangenheit. Denn seit die Mullahs den Iran in einen totalitären Religionsstaat verwandelten, ist dieses Kunsthandwerk nahezu völlig zum Erliegen gekommen. Die jahrtausendalte Kultur des Teppichknüpfens gibt es nicht mehr. Peter Renz kennt sie sein ganzes Leben lang. Als 20-Jähriger reiste er noch zu Zeiten des Schahs Mohammad Reza Pahlavi in den Iran. Zuletzt war er vor wenigen Monaten im Alter von 81 Jahren im Land. Ihm ist jeder versteckte Winkel bekannt, er hat alles gesehen: die Rückkehr des Ajatollah Chomeini, die Auswirkungen des Krieges zwischen Irak und Iran, die Höhepunkte und auch den Niedergang der Teppichkunst. „Wäre ich kein Schwarzwälder aus Leib und Seele“, verrät er, „wäre ich schon nach der ersten Reise in Persien geblieben. Die Lebenskultur der Nomaden ist meiner sehr ähnlich“.

Indien, Afghanistan, Schramberg

Peter Renz zog es früh heraus aus der Enge der Fünftälerstadt. Er wollte die Welt sehen und Abenteuer erleben. Er arbeitete als Fleischpacker in den historischen Les Halles, dem berühmten Bauch von Paris. Er wurde Fallschirmjäger, hatte mit seinem Messerschmitt Kabinenroller und einem BMW-Zweisitzer in Rallye-Version bei traditionellen Bergrennen die Nase vorn. Er eröffnete in Schramberg mit dem Woodstock den ersten Nachtclub im Schwarzwald, in dem Oben-Ohne-Tänzerinnen auftraten und die Leute um den Verstand brachten. Alles änderte sich, als 1970 einer der damals erfolgreichsten Industriellen Baden-Württembergs anrief. Carl Haas war mit einer patentierten Metalllegierung zu einem der ersten Hidden Champions geworden. Für seine Schramberger Villa wollte er einen Orientteppich, original bitteschön. Peter Renz lieferte einen 120 Jahre alten, mit wunderschönen Ornamenten in kräftigen Naturfarben. „An diesem Tag war der Händler in mir geboren“, sagt er heute. Er übernahm schließlich das Einrichtungsgeschäft seines Vaters und verwandelte es in Deutschlands führendes Haus für Orientteppiche. Von nun an war er rastlos unterwegs, immer auf der Suche nach den seltensten und besten Stücken: in China, Indien, Nepal, Afghanistan und natürlich immer wieder in Persien, seiner zweiten Heimat. Zu Hause in Schramberg organisierte er Ausstellungen, in die die Leute nur so strömten, um neben Teppichen Samoware zu bewundern, antike Schachspiele, Mandala-Gemälde aus Tibet, russische Ikonen. Selbst eine Sammlung Spazierstöcke aus der Kolonialzeit von Britisch-Indien fand unter Peter Renz’ Hand ihre Käufer. Für den Handelsverband für Orientteppiche wurde er der Chefhändler. Wer zu dieser Zeit in Europa ein wertvolles Exemplar kaufte, konnte damit rechnen, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit von Peter Renz irgendwo in einem Basar in Shiraz oder in einem Nomadenzelt im Grenzgebiet zu Turkmenistan gefunden worden war.

Der Teppich-Terminator

Auch weil sich Kundenwünsche änderten und die Wirtschaftsstrukturen des Iran durch amerikanische Embargos zerstört wurden, begann der Niedergang des Knüpfer-Handwerks. Nach und nach schlossen so gut wie alle Fachgeschäfte in Deutschland. Peter Renz kann davon ein Liedchen singen, da er für die meisten den Räumungsverkauf erledigte. „Damals nannte man mich den Teppich-Terminator“, erzählt er. „Ich verkaufte den Kollegen ihre Sammlungen und sicherte ihre Rente.“ Dann löschte er das Licht und ließ die Rollläden herab. Am Ende gab es nur noch ihn. Oder, besser gesagt: Es gibt nur noch ihn. Zwar hat Peter Renz sein eigenes Ladengeschäft ebenfalls geschlossen, doch Orientteppiche kann man in Schramberg noch immer erwerben. Nach all diesen Erzählungen hocken wir nahezu sprachlos auf einem dicken Teppichstapel im Basar von Schramberg. Halt, nicht im Basar, die Teppiche von Peter Renz befinden sich heute in einer ehemaligen Majolikafabrik. Und auch wenn uns der fliegende Teppich gedanklich in die Salzwüste von Kashan brachte, um dort einen ungewöhnlichen Zeltteppich zu begutachten, haben wir diese Räume nie verlassen. So ist das in der Welt von Tausendundeiner Nacht, wo Peter Renz der letzte König des Orientteppichs ist. Während wir uns von ihm verabschieden, flüstere ich Jigal zu: „Um deine Frage zu beantworten: Jetzt bin ich mir ganz sicher – dieser Teppich kann fliegen.“

Teppichkunde

Nomen est omen. Aber wo genau kommen bzw. kamen die ganzen Teppiche und ihre Namen eigentlich her? Zu den berühmten persischen Knüpfgebieten gehörte Azerbaidjan im Norden. Baluch-Teppiche stammten aus dem Grenzgebiet zu Afghanistan. Fars liegt am Persischen Golf und lieferte ebenfalls wertvolle Stücke, wie auch Hamadan westlich von Teheran. Berühmt auch die Zentren von Isfahan, Naïn, Kashan, Kerman und Mashhad.

Auch mal staunen?

Die Collection Peter Renz befindet sich im Majolika Firmenpark in der Schiltachstraße 28 in Schramberg. Termine sind nach Vereinbarung unter Telefon 07442/24990 oder per E-Mail an info@peter-renz.com möglich

#heimat Schwarzwald Ausgabe 38 (3/2023)

Freut Euch in dieser #heimat auf Erdbeer-Rezepte, Schwarzwälder Van-Life, eine Boots-Tour im Elsass, ein spannendes Interview mit Frank Elstner und unser Heimatwald-Projekt – zusammen mit weiteren spannenden Menschen und ihren Geschichten. Was hat es zum Beispiel mit dem Schneekönig auf sich – im Mai? Und wer steckt hinter dem Titel Badens Winzer des Jahres? Lest selbst!

Weitere tolle Artikel aus der #heimat

heimat+ On Tour

Von der Sonne verwöhnt: Ein Wochenende in Staufen

Wie im gelobten Land. Radler, Wanderer, Spazierganänger. Alle wollen auf ein Glas Gutedel oder Kaffee und Kuchen nach Staufen. Wir auch!
Ein Interview mit Frank Elstner

Der Kämpfer

Frank Elstner ist eine lebende Legende. Wir trafen den Showmaster in seiner Wahlheimat Baden-Baden und sprachen mit ihm über seinen erfolgreichen Kamp...
Stephan Fuhrer

Viele Grüße vom Dächle der Welt

Der Schwarzwald bietet so einige Superlativen. In einigen Millionen Jahren wird er sogar höher als der Himalaya sein. Unser Kolumnist Stephan Fuhrer i...
heimat+ Der perfekte Honig

Süße Leidenschaft

Er spricht von Terroir, Steillage und Wetter. Tim Schreiber ist aber kein Winzer, sondern Hobbyimker. Sein Lohn: Tannenhonig mit Würze und super Aroma
... Menschen Der fliegende Schramberger