Der Fährtenleser

Ralf Greiner ist nicht dem Geheimnis auf der Spur, für ihn ist die Spur das Geheimnis. Der Fährtenleser aus dem Südschwarzwald sieht im Wald mehr als andere – wir sind mit ihm in die Wildnis gegangen…

Text: Pascal Cames · Fotos: Dimitri Dell

Hollywood zaubert auch nicht schöner. Wenn Ralf Greiner vom Balkon in die Ferne schaut, sieht er links eine abschüssige Kuhweide, die von einer dunklen Schonung eingerahmt wird. Rechts verlieren sich die Hügel am Horizont. Dahinter liegt eine blaue Gebirgskette mitsamt Nebelmeer. Die Alpen! Unter den Wolken liegt Basel. Ralf erzählt, dass nachts die Metropole wie ein gigantisches Ufo blinkt und leuchtet. Für ihn sind Städte fast zu einer fremden Welt geworden. Als er vor einiger Zeit in Stuttgart war, haben ihn die Lichter der Großstadt irritiert. „Nach ein paar Tagen würde es wohl wieder gehen“, sagt er über seinen Ausflug in die Zivilisation. Statt in einer Betonwüste zu leben, streift er aber lieber durch die grünen Wälder des Wiesentals.

Der unsichtbare Zuschauer 

Auf dem Weg in den Wald zeigt Ralf auf die Kuhweide. Wir geben uns Mühe und sehen Gras, Blätter, Kuhfladen ... Darauf hat er schon Spuren von einem Zobel, einem Hasen, ja sogar einem Wolf gesehen. Er war sich damals nicht ganz sicher. Vielleicht war’s doch ein Schäferhund? Später stellte sich heraus, dass es tatsächlich ein Wolf war. „Als Fährtenleser entdeckt man vieles als Erster.“

Am Waldrand zeigt er auf einen Baumstumpf, wo er sich für gewöhnlich hinsetzt. Einfach so, eine ganze Stunde, ohne Handy, Buch oder Waldspeck. Warum? Ralf will für die Tiere unsichtbar werden. Kein Vogel soll Alarm piepen. „Ich will nicht stören“, lautet die Absicht hinter der Sitzerei. Nach einer Viertelstunde hätten sich die Tiere an ihn gewöhnt und nehmen ihn nicht mehr als Feind oder Eindringling wahr. Wenn sich dann die Eichhörnchen wieder den Baumstamm runter trauen, ist es ihm recht. Am Waldrand ist immer eine Menge los. Gerade an den Übergängen von einem Lebensraum zum nächsten, sei der Artenreichtum besonders groß, erklärt Ralf. Auch Rehe oder Wildschweine bewegen sich oft vor dem Wald. Wie Menschen auch, gehen sie gerne den leichten Weg, also lieber durchs Gras als über Stock und Stein.

Über Amerika in den Schwarzwald 

Fährtenlesen hat Ralf in Amerika gelernt. Wie so viele „über den Fluss und in die Wälder“-Geschichten fängt auch diese in einem erfolgreichen Beruf (technischer Zeichner) an, der dann mehr und mehr Mühe machte und zum Schluss fast in einem Burn-out endete. Über den Umweg Amerika entdeckte er den Schwarzwald wieder. In New Jersey lernte er bei Tom Brown jr., wie man Fährten sucht.

Brown ist quasi der Papst der Spurensucher, aber wie dieser auch umstritten. Nicht jeder kauft Brown die Story ab, wie er zum Fährtenlesen gekommen ist. Angeblich lernte er als Kind einen Apachen („Großvater“) kennen, der ihm die Skills beibrachte, wie man Fährten findet und andere Geheimnisse der Natur. Dazu muss man wissen, dass die Apachen die letzten freien Ureinwohner waren, bis auch sie 1890 endgültig besiegt waren. Davor waren sie Guerilleros im amerikanisch-mexikanischen Grenzland und – eine Sache des Überlebens – Meister darin, Fährten zu lesen und unsichtbar für die Natur wie den Feind zu sein. Ralf jedenfalls lernte jahrelang bei Brown, was es heißt, ein Fährtenleser zu sein. Seit 2008 ist er als Fährtenleser selbstständig und führt die Kojote-Akademie.

Eichhörnchen, Mäuse, Wildschweine 

Neben seinem Sitzbaum entdeckt er eine Spur. Eichhörnchen und Mäuse haben hier an einem Kiefernzapfen gerupft, sagt er und hält zum Beweis einen angenagten Zapfen hoch. Die Mäuse waren gründlicher als die Eichhörnchen, die ihre Nahrung wegrupfen und nicht abnagen. Am Boden entdecken wir Spuren, die in die Schonung hineinführen. Wildschweine. Die Abtritte sind offensichtlich und es wäre für uns ein Leichtes, einfach den Spuren nachzugehen. Da unten wäre eine Suhle, sagt Ralf. Eine Suhle ist eine feuchte Stelle, wo sich die Schweine im Wasser wälzen. Aus gutem Grund gehen wir nicht weiter. Zweimal ist der Leisetreter auf eine Wildschweinrotte gestoßen und einmal kam ihm ein Frischling entgegen. Die gefährliche Wildsau war nicht weit weg... Bekanntlich kann das sehr schlecht ausgehen.

Statt ins Unterholz, laufen wir in den luftigen Wald hinein. Es riecht unfassbar frisch nach einem Wald, der noch nicht von der Sonne ausgedorrt wurde. Überall hat es Moos und Farn und die Erde federt unter den Wanderstiefeln. Wasser hat’s genug, hier gibt es zig Quellen.

Suchen und sichern 

Wir finden noch weitere Spuren und folgen diesen. Ralf hat eine schöne Überraschung für uns. Ein Dachsbau, der sich über 20 Meter ausbreitet und zig Löcher hat. Manche sind „tote Eingänge“ mit einem Fuchs als Untermieter, andere werden seit Generationen von einem Dachs bewohnt. Wir schauen genauer auf den Boden und entdecken auch hier die passenden Spuren.

Ralf meint, dass ich mit Ring- und Mittelfinger hineingreifen soll. Was spüre ich? Kalte, feuchte Erde und eine Vertiefung. Hier lege ich die Finger hinein. Zudem nehmen meine Fingerkuppen wahr, dass die Vertiefung nicht rund ist, sondern spitz zuläuft. Typisch für eine Dachskralle. Nicht jedes „Trittsiegel“ ist so eindeutig wie dieses. Ralf sagt, dass nur fünf Prozent aller Spuren auch als solche bezeichnet werden können. Sobald der Regen fällt, Blätter sich darüberlegen, Menschen drüberstiefeln oder der Untergrund schwierig wäre, kann er nur noch von Zeichen sprechen. Allerdings kann er auch diese Zeichen lesen.

Wie’s geht, zeigt er gerne. Wie einer von der Spusi (der Spurensicherung) zieht er ein paar Holzstäbe aus der Jackentasche und markiert damit ein paar Abdrücke. Eins, zwei, drei. Die ersten drei Schritte eines Tieres werden so abgesteckt. Ein paar Schritte weiter entdeckt er neue Spuren. Auch hier steckt er einen Stab in den Waldboden. Jetzt kommt die Feinarbeit. Zwischen den Stäben sucht und entdeckt er weitere Zeichen. So kann er sich den Weg des Tieres nachvollziehen. Das ist alles sehr mühsam. Um es richtig zu können, also ein Gehirnmuster zu entwickeln, braucht es Jahre. Jeder Boden ist anders, also ist auch jeder Abdruck anders. In den Abdrücken liest er die Muskelanspannung des Tieres und ob seine Laufrichtung oder sein Tempo sich verändert hat.

Sobald Ralf etwas entdeckt hat, wirkt er wie ein anderer. Er verändert seinen Gang und geht nicht vorwärts, sondern seitlich, kreuzt dabei ein Bein übers andere, während er mit gebeugter Haltung den Boden scannt. Schritt für Schritt schreitet er vorwärts, sehr vorsichtig, um bloß keine Spur zu zerstören.

Finden durch Zufall 

Ralf verlässt nicht das Haus mit der Absicht, heute eine Spur oder den Abdruck einer Wolfspranke zu entdecken. Vieles ist zufällig. Ralf hat schon einiges gesehen, so zum Beispiel Spuren von Marder, Reh, Hirsch, Ziege und sogar Lama. Ein Bauer hat welche, ab und zu haut ein Tier ab und verirrt sich in der Wildnis. Auf dem Weg zurück entdeckt er die klare Spur eines Fuchses. Er schaut sich den einen Abdruck an, dann die nächsten. Wie ein Luchs oder eine Katze auch, setzt ein Fuchs seine Hinterpfoten in den Abdruck der Vorderpfoten. Ralf meint, dass der Fuchs in mittlerem Tempo unterwegs war, das heißt, das Tier war nicht auf der Jagd, war nicht bedroht und hatte auch keinen Antrieb, schneller zu gehen als notwendig.

Manchmal geht es im Wald schön entspannt zu, manchmal auch nicht. „Draußen ist einfach eine andere Reality“, sagt Ralf und geht wieder heim. Bis zum nächsten Mal …

Seit den Urzeiten der Menschheit gibt es Fährtenleser, die Spuren von Tier und Mensch lesen können. Im Prinzip lebt dieser Beruf bis heute in der Jagd oder in Naturschutzgebieten fort. In Kriegszeiten kamen Fährtenleser als Scouts zum Einsatz. Bis heute legendär sind die Apachen mit oder gegen die US-Army. Die Qualitäten der Fährtenleser sind gefragt an Tatorten oder wenn Menschen scheinbar spurlos verschwinden.

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