Dem Übersinnlichen auf der Spur

Die Para Hunters Karlsruhe erforschen übersinnliche Phänomene. Wir haben sie bei einer ihrer Touren begleitet. Haben wir uns gegruselt? Lest selbst…

Text: Frauke Rüth · Fotos: Jigal Fichtner

„Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt“, ist schon in Shakespeares Hamlet nachzulesen. Oder um es mit Marc zu sagen: „Da isch was!“ Der 44-Jährige gehört zu den Para Hunters Karlsruhe, einer Gruppe, die sich regelmäßig trifft, um sogenannten Psi-Aktivitäten auf den Grund zu gehen. Unter dem 23. Buchstaben des griechischen Alphabets werden all jene Phänomene zusammengefasst, die nicht mit biologischen, psychologischen oder physikalischen Gesetzmäßigkeiten zu erklären sind. 

Samstagabend in Langensteinbach bei Karlsruhe: In der Sports Bar im Industriegebiet ist die Hölle los; Bayern spielt gegen Dortmund. Alle starren gebannt auf die Riesenbildschirme – bis auf zwei Männer und drei Frauen, die sich an einem Tisch auf der Terrasse konzentriert darüber unterhalten, wie die heutige Untersuchung in der Ruine von St. Barbara ablaufen soll. Die Para Hunters folgen einer festen Routine, wenn sie nachts an verschiedenen Orten nach Anzeichen von Geistern suchen. „Ganz wichtig: Eure Handys auf Flugmodus stellen und vor allem: nicht flüstern!“, liest Marc vor, der die Regularien auf drei Seiten zusammengefasst hat. Er betont: „Nachher werden technische Hilfsmittel eingesetzt, darunter eine Kamera und ein Aufnahmegerät. Wenn ihr sehr leise sprecht, wird das natürlich trotzdem dokumentiert – aber wir können es später zu Hause bei der Auswertung schlechter von den Geräuschen unterscheiden, die die Seelen womöglich von sich geben.“ 

Seit vier Jahren kommen Marc, Stephanie und Silvana mehrmals im Jahr zusammen, um paranormale Phänomene zu erkunden. Sven ist der Mann von Stephanie und filmt das Geschehen. Steffi, aka Eule, stieß 2020 als letzte zur Gruppe, nachdem diese online nach Verstärkung gesucht hatte; sie lebt als einzige nicht in Karlsruhe, sondern reist zu den Terminen aus der Nähe von Frankfurt an. Was alle eint: Sie sind davon überzeugt, dass Übersinnliches existiert, und sich Verstorbene aus dem Jenseits mitteilen. Eule etwa erklärt: „Ich bin nicht gläubig im christlichen Sinn, sondern bezeichne mich als spirituellen Menschen und denke, dass es mehr gibt als nur unsere Welt.“ Und Marc sagt entschlossen: „Ich glaube an das Leben nach dem Tod, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass danach nichts mehr ist. Der Körper zersetzt sich, die Seele – das, was in dir ist – lebt weiter.“ 

Und nach diesen Seelen wollen sie heute wieder suchen. Gegen 23 Uhr verlassen sie das Restaurant, um zur Ruine auf einem Hügel am Ortsende von Langensteinbach aufzubrechen. Dass die Para Hunters immer nachts ermitteln, habe nichts damit zu tun, dass die Geister bevorzugt nur dann aktiv seien, sagt Marc: „Die sind 24 Stunden unterwegs. Der Grund ist, dass es viel leiser ist als tagsüber und man sich so besser konzentrieren kann.“ Bepackt ist die Gruppe mit drei großen Koffern, in denen sich das technische Equipment befindet. Nach knapp zehn Minuten stehen sie vor der im 14. Jahrhundert erbauten und inzwischen verfallenen Barbara-Kapelle, um die sich zahlreiche Mythen ranken. Die bekannteste Sage ist die von der Weißen Frau: Während des Baus der Kapelle musste der Ritter für längere Zeit fort und befahl seiner Tochter, die Arbeiten nach seinem Willen fortzuführen. Diese ließ jedoch in der Kirche mehr Fenster einbauen, als ihr Vater gewollt hatte und wurde von ihm deshalb nach seiner Rückkehr verwünscht. Seither soll sie immer mal wieder an der Ruine gesehen worden sein. 

Ruinentour mit Gruselfaktor

Die Ruine liegt in sanftes Mondlicht getaucht auf einer Waldlichtung und wirkt erst mal überhaupt nicht furchterregend. Die Orte für ihre Ermittlungen finden die Para Hunters über mehrere Quellen, seien es historische Aufzeichnungen, denen zu entnehmen ist, dass sich dort bereits Unerklärliches zugetragen hat oder sie erfahren davon im Internet aus Erzählungen von anderen Ghosthunter-Teams. „In Deutschland gibt es bestimmt an die 1000 Gruppen, die sich mit paranormalen Aktivitäten beschäftigen“, schätzt Marc, der sich gerade eine Kette mit Kruzifixanhänger um den Hals legt: „Er beschützt mich.“ Mit seiner kräftigen Statur wirkt er nicht wie jemand, der sich leicht einschüchtern lässt, doch im Moment scheint er angespannt zu sein. Auch die vier anderen machen einen ernsten Eindruck. Im Innenhof der Ruine bilden sie nun einen Kreis. Zunächst stellt Marc alle Anwesenden vor, „das ist ein Zeichen von Höflichkeit und uns sehr wichtig“, sagt er. Und fragt: „Ist hier jemand, der mit uns in Kontakt treten will?“ Er legt ein Gerät mit kleinen Leuchtdioden in die Mitte, das aussieht wie ein Walkie-Talkie. „Das ist ein K-II EMF-Meter, das elektromagnetische Wellen registriert und auf Berührungen reagiert. Wenn es ausschlägt, kann das daraufhin deuten, dass eine Seele Kontakt aufnehmen will.“ Alle schauen gespannt auf das schwarze Kästchen, einmal blinken die Lämpchen kurz auf – doch das könnte auch der Wind gewesen sein, vermutet Marc. Er beschließt, mit Eule in eine der beiden Kammern zu gehen, die im Erdgeschoss der Ruine liegen. Die anderen Para Hunters wollen im Turm der Ruine weitersuchen. In der schmalen Kammer wartet tatsächlich eine nicht-menschliche Existenz – allerdings eine sehr lebendige, die kopfüber von der Decke hängt und müde blinzelt: „Guck mal, eine Fledermaus“, freut sich Eule. Als sie gerade entscheiden, das Tierchen nicht weiter stören zu wollen, ertönt ein Schrei! Sie stürmen aus der Kammer – vorbei an zwei grinsenden Teenagern. Beim Rest der Gruppe angekommen, erzählt Silvana empört, dass das Pärchen plötzlich vor ihnen auf der Wendeltreppe gestanden habe. 

„Einige denken, wir spinnen"

Jetzt muss Sven erst mal eine E-Zigarette auf den Schreck rauchen. Er stößt schmauchend Dampf aus und sinniert: „Die waren bestimmt oben auf der Aussichtsplattform und haben geknutscht. Man kann sich doch mal bemerkbar machen; die haben mich voll erschreckt.“ Im täglichen Leben ist er für einen Schrotthandel tätig und war lange bei der Freiwilligen Feuerwehr, genauso wie Marc, sein bester Freund, dem eine Bäckerei gehört. Steffi hat drei Kinder und arbeitet im Rechnungswesen, Stephanie ist in einer Reinigungsfirma beschäftigt und Silvana in einer Einrichtung für wohnungslose Menschen. Das Ghosthunting bezeichnen sie als ihr Hobby, das von manchen auch mal ins Lächerliche gezogen werde. „Wir wissen, dass einige Leute denken, wir spinnen“, sagt Eule. 

Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach glaubt in Deutschland jeder sechste an Geister. Es sei wichtig, Menschen ernst zu nehmen, die denken, spukhafte Phänomene erlebt zu haben, sagt Walter von Lucadou. Der Physiker und Psychologe dokumentiert solche Fälle und erforscht sie mit wissenschaftlichen Methoden. Der 76-Jährige leitet die Parapsychologische Beratungsstelle in Freiburg; pro Jahr wenden sich rund 3000 Männer und Frauen an sie, sei es zum Beispiel mit verstörenden Erlebnissen wie Wahrträumen, die sich später zu verwirklichen scheinen oder Geräuschen, die sie zur Verzweiflung treiben. Von Lucadou betont, es sei wichtig, dass Experten den Betroffenen dabei helfen, das Erlebte einzuordnen. Er rät davon ab, sich an Privatleute zu wenden, die „vielleicht auch noch Geld dafür nehmen.“ Der Parapsychologe sagt: „Vieles lässt sich auch ganz einfach naturwissenschaftlich erklären.“ Er schildert etwa, wie ein Mann ihn um Rat bat, weil er aus seinem Teekessel eine Stimme zu hören meinte. Es stellte sich heraus, dass er in der Nähe eines Mittelwellensenders wohnte: „Immer, wenn er den Teekessel auf die Herdplatte stellte, konnte er Radio hören, denn das Strahlungsfeld des Senders wirkte wie ein Lautsprecher.“ 

Sicherheit geht vor

Dass einiges tatsächlich recht schnell logisch aufzulösen ist, zeigt sich bei den Ermittlungen der Para Hunters an der Barbara-Kapelle: Als es einmal langanhaltend knurrt, stellt Marc trocken klar: „Das war kein Geist, das war mein Magen.“ Nach dem Intermezzo mit den Jugendlichen auf der Turmtreppe stockt die Erkundung. „Das kann eben auch vorkommen“, sagt Marc. 

Die Gruppe will einen letzten Versuch auf dem Tierfriedhof unweit der Kapelle starten. Doch dann ertönen mehrere Kreischgeräusche. „Ein Katzenkampf?“, vermutet Eule. „Nein, ich bin mir sicher: Das sind Wildschweine!“, sagt Stephanie. „Wenn das eine Bache ist, die ihre Kinder verteidigt: na dann gut’ Nacht.“ Und das ist der Abpfiff, „denn Sicherheit geht vor“, erklärt Marc. Die Para Hunters packen ihre Koffer und machen sich auf den Rückweg den Berg hinunter. Silvana ruft empört in Richtung Wildschweine: „Ich will noch nicht sterben“, doch sie lacht dabei und rudert gespielt dramatisch mit den Armen. Und das ist doch mal ein Satz: Denn eigentlich ist das Leben als Mensch ja eine ziemlich nette Sache. Das Jenseits kommt schließlich todsicher noch früh genug. 

Geistergeschichten

Vom Spuk in Großerlach 1916 bis zur Weißen Frau, die seit Jahrhunderten die Schauenburg unsicher macht: Um viele Orte in Baden-Württemberg ranken sich unheimliche Geschichten. Auf nächtlichen Geistertouren könnt Ihr diese Sagen und Mythen nacherleben. Zu den beliebtesten gehören der Ghost-Walk über Freiburgs Alten Friedhof, die Werwolf-Grusel-Tour in Konstanz und die Stuttgarter Geisterführung.

#heimat Schwarzwald Ausgabe 34 (5/2022)

Die neue #heimat ist da! Wisst Ihr eigentlich, wo es im Schwarzwald das beste Frühstück gibt? In der neuen #heimat haben wir für Euch die besten Breakfast-Locations zusammengestellt – von einer Bergstation mit fantastischer Aussicht über ein Hotel mit XXL-Frühstücksbuffet bis hin zu einem glutenfreien Café. Dazu nehmen wir Euch mit auf eine Gravelbike-Tour, stellen Euch Deutschlands Räucherpapst vor, gehen übersinnlichen Phänomenen nach – und natürlich noch vieles mehr!

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