Chico und die Liebe zum SC Freiburg

Carmelo Policicchio ist ein Fußballromantiker. Der Freiburger hat einen Wurststand beim SC und gerade ein Buch geschrieben. Thema? Natürlich Fußball!

Text: Pascal Cames · Fotos: Jigal Fichtner

Kneipe, Stadion, Schreibtisch. Carmelo Policicchio alias Chico (60) verdient sein Geld als Kneipier, Bratwurstgriller und Autor. Für die Stadionzeitschrift des SC Freiburg schreibt er Kolumnen. Ein Best-of dieser Texte gibt es jetzt als Buch. Er schreibt über alte Helden und das Verlierenkönnen, über Kindererziehung, Rockmusik und wie er damals mit seinem Vater vor der Glotze saß.

Der Freiburger stammt aus dem Kinzigtal, oder wie er sagen würde, von „über dem Berg“. Der gebürtige Hausacher ist zwar Halbitaliener, aber das spielte nie eine Rolle. Wenn der Papa zu den Azzuri hielt, dann drückte Chico die Daumen für Franz, Paul und Uli. Das schlechte Gewissen für diesen Verrat war ungefähr so groß wie das Forum Romanum. Und eigentlich wollte Chico Lehrer werden. „Weisch“, sagt er, „das war noch nicht so wie heute.“ Sprich, alles war halb so wild und ein Studienwechsel war auch kein Problem. Statt irgendwann mit der Kreide auf die Tafel zu schreiben, machte er Striche auf Bierdeckel und zwar in der Schwarzwaldstube in Baiersbronn. Schuld war eine Frau, die ihn ins „Kneipenbusiness“ einführte. Chico brachte  Indie-Rock in den Schwarzwald. 

Ein italienischer Schwarzwälder

Nach drei Jahren war dort oben Schluss und mit einem Kumpel macht er dann die Hausacher Kneipe Zum Schwabenhans, die im Tal jeder nur als Lina kennt. „Der Laden war schon verrufen, bevor wir geöffnet hatten.“ Das Lina war so cool, dass ein Angebot für Freiburg kam. Der Kumpel blieb in Hausach, Chico übernahm ein leeres Lokal in der Talstraße. Da er gerne Cajun-Musik aus New Orleans hörte, nannte er seine Beitz Swamp, also Sumpf. Zufälligerweise war der damalige SC-Trainer Volker Finke ein Nachbar und so bekam er das Drama um den verpassten Aufstieg mit und den Aufstieg in die Bundesliga. Jetzt war er endgültig für die Bayern verloren, für die er als Kind schwärmte. Die Fanfrage war eh rein zufällig, wie er in einer seiner Stories erzählt. Chico fand den Namen und den Spieler Franz „Bulle“ Roth sehr cool, darum wurde er Bayern-Fan. „Das letzte Mal, als ich für die Bayern gelitten habe, war 1982“, erinnert er sich. Bei diesem Spiel waren Rummenigge und Co besser, aber Aston Villa hatte den Dusel. Spieler wie Matthäus und Effenberg waren nicht sein Fall, die Mia-san-mia-Truppe war ihm bald schnurz und seitdem ist der SC sein Ein und Alles.

Ein Fan macht eine Fanzeitung

Das Swamp wurde zum Treffpunkt für Leute, „die Fußball auf die Art mögen, wie ich es mag.“ „Da wurde ein Stuhl auf den Tisch gestellt und auf den Stuhl ein Fernseher“, erinnert er sich an die ersten Male Public Viewing im Swamp. 

Mit diesem etwas eigenwilligen Kneipen-Feng-Shui würde wohl jede Sportsbar tiefrote Zahlen schreiben, aber fürs Swamp war’s genau richtig. Freiburgs alternative Szene und Hipster kamen, zu denen der damalige Jugendtrainer Christian Streich und der SC-Spieler Andreas Rettig gehörte, aber auch Leute, die Sneakers zum Seidenanzug trugen. Mit dem späteren Pressesprecher des SC gründete Chico eine SC-Fanzeitschrift. Die Leute waren irritiert. „Schtadion-zittig?“, fragte der Freiburger und musste sich dann anhören: „Ne, isch dä Fänmän.“ Zudem begann er auch über Musik zu schreiben, damit kennt er sich ja auch aus, wie man früher live hören konnte. 

Die etwas andere Fankultur

Für die SC-Zeitschrift „Heimspiel“ durfte er dann Kolumnen schreiben und über Legenden berichten. So konnte er mit den Helden seiner Jugend, mit Sepp Maier, Bulle Roth und anderen telefonieren. Chico erzählt’s mit Freude, aber er jauchzt nicht. Schreiben tut er gerne, aber es ist halt nicht alles. „Wenn ich damals gewusst hätte, dass ich schreiben will, dann hätte ich das auch gemacht“, erzählt er am Tresen und zapft einen Halben Export. So wie durch Hausach abends der Kinzigtäler pfeift, so weht auch bei Chico immer ein Hauch Melancholie mit. „Weisch“, sagt er, „früher war das Verhältnis Ex zu Pils grad umgedreht wie heute“, erzählt er. „Halwe und Kleine“, sagt er, „Pils gab’s nur in Norddeutschland.“

Bei so viel Nostalgie ist es nur logisch, dass er in seinem Wurststand Bratwürste aus Haslach (Metzgerei Lang) grillt, die mit Haslacher Weckle (Bäckerei Jetter) über den Tresen gehen. Wegen der Qualität macht er das, aber vielleicht auch, weil Heimat halt immer etwas besser schmeckt. Sein Stand ist auch eine Anlaufstelle für alle, die Fußball „auf Chicos Art“ mögen. Das sind Leute, die ihre Mannschaft nicht auspfeifen, wenn sie mal einen schlechten Tag hat und die nicht organisiert im Sonderzug zum Auswärtsspiel fahren, sondern privat mit den Kumpels. Diese Type Mensch trifft er auf der Tribüne. Der Chico! Da rückt man gerne auf oder macht Platz. Ein kurzes Nicken links und rechts und wenn ein Tor fällt, bleibt die Geste sehr gelassen. Klar, so wild wie früher ist er nicht mehr, aber sein Herz für den SC hört man bis überm Berg hämmern. 

Das Swamp

Seit mehr als 20 Jahre hat das Swamp seinen Platz in der Freiburger Szene. Obwohl keine 100 Leute reinpassen, ist die Beitz für ihre Konzerte bekannt. Hier spielten schon Der Nino aus Wien, Bilderbuch und The National, kurz bevor sie ihren weltweiten Durchbruch hatten. Das Swamp ist die klassische Eckkneipe mit Export-Bier. Hier wird über den SC oder Gott und die Welt gequatscht und Chico fragt: „Was gibt’s Neues?“

www.sumpfkultur.org

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