Von Männern, die sich was brauen

Statt am großen Rad zu drehen, rühren Alfons, Boris und Kumpels im großen Bierkessel. In Ottersweier wird jetzt süffiges Bier gebraut

Text: Pascal Cames · Fotos: Dimitri Dell

Was verbindet man mit Bier? Feierabend! Nach der Schafferei vespern und ein Export zischen ist klassisch. Was tun Männer im ewigen Feierabend, sprich Unruhestand? Sie brauen Bier. „Wir gehören zur Craftbeer- Szene“, sagt der große schlanke Mann mit der Haarpracht eines italienischen Künstlers. Mit Craftbeer wird normalerweise ein anderer Typus Kerl verbunden. Das sind Lehrer mit freiem Nachmittag, Männer ab 50, die E-Gitarre lernen oder wilde Typen, die keinen Chef über sich wollen. Aber einer wie Alfons Burkart oder Boris Kirschsieper? Beide sind in Rente, beide haben alle Hände voll zu tun. 

Von der Schnapsidee …

Der Schauplatz des Bierwunders ist ein historisches Backsteinhaus in Ottersweier an der alten B3 mit Blick auf die Wallfahrtskirche Maria Linden. Hier wird weiter am Craftbeer-Trend gedreht. Statt Bier aus der Fernsehwerbung will man sein eigenes.  Aber welches? „Wir lieben die Vielfalt“, sagt Boris, der pensionierte Arzt, und zählt die 17 Biere im Programm auf, darunter drei Rotbiere, die es höchstens noch in Franken oder in Belgien gibt. 

Mit dem sagenhaften Rotbier fängt die Geschichte an, weil es bei Boris vor langer, langer Zeit den großen Bierdurst weckte, der zur Braulust führte. Als Boris noch Arzt war, kam er auf die Schnapsidee Bier zu brauen. Also kaufte er sich einen 20-Liter-Topf, meldete die Sache beim Zoll an und probierte es aus. Weil Brauen doch etwas zeitaufwendig ist, ließ er es nach den ersten Erfolgen sein. Es hat ja geklappt! 

… zum Bier 

In Rente ploppte der Traum wieder auf. Er aktivierte zwei Freunde, fuchste sich in die Materie und legte los. Gibt es Zufälle? In Bühl wurde damals eine Wirtschaft mit Braukessel abgewickelt. Davon bekam Boris Wind. Jetzt steht der Braukessel der Post in Ottersweier. 

Der Geruch ist so schwer und gehaltvoll, als hätte man ein Brot in seine Atome aufgelöst und mit Wasserdampf vermengt. Im Prinzip ist es auch das, denn im Topf köchelt die Stammwürze.  Vor sehr langer Zeit waren Bäcker und Brauer manchmal sogar die gleiche Person. Beide brauchten sie Getreide und Hefen. Darum heißt Bier auch flüssiges Brot.

Die Rezeptur macht’s!

Die so heftig brotig aromatisierte Brauerei ist vielleicht 20 Quadratmeter groß, darin steht ein Schreibtisch mit Mac, Kalender und Schreibzeugs, auf dem Boden eine große blaue Wanne mit Bierflaschen, Bierkisten, Bottiche, große Töpfe sowie Schläuche, durch die Bier oder Wasser gepumpt wird. Oben an der Decke hängt eine weiße Abzugshaube, sonst würde man irgendwann gar nichts mehr sehen. 

Auf so wenig Platz würde man sich ständig im Weg herumstehen, wenn es nicht einen wie Boris gäbe. Dieser ist der Mastermind der Mannschaft. Er weiß, was zu tun ist, wer wo wann gebraucht wird und das Eis bringt, um den Sud he-runter zu kühlen. Boris hat auch alle Rezepte verfasst, mit Mengen- und Zeitangaben,  Ablauf plus von Hand geschriebenen Korrekturen. „Bierbrauen hat viel mit Kochen zu tun“, weiß Boris. Fakt ist, ohne diese Rezeptbücher geht nichts! „Alles ist tausendmal geprüft, durchdacht, wird immer alles wiederholt, nur so kriegt man es raus, wo der Fehler liegt“, sagt Boris. Wenn man es nicht so machen würde, würde man einen Fehler im System  oder „Prozessuale Ungereimtheiten“ nie finden. „Einem Mediziner ist das in die Wiege gelegt“, ist er überzeugt.

Mittlerweile sind Alfons und Boris beim Schrubben, Pumpen und Säubern. Bald kommt die nächste Schicht, um weitere 120 Liter Märzen zu brauen. Wenn sie am Brauen sind, dann geht das quasi Hand in Hand von einer Schicht in die nächste über, um Wasser und Energie zu sparen.  

„Wir sind stolz wie Harry“, sagt Alfons, „aber wir kommen an unsere Kapazitätsgrenzen.“ Auf der Tafel vor der Tür sind schon drei Sorten ausgestrichen. „Was weg ist, ist weg.“ Dann dauert es wieder ein paar Wochen, bis es wieder Festbier, Pils oder Kirschbier hat. Alles nach Plan und der Reihe nach, könnte die Devise lauten. Um Reichtümer geht’s ihnen nicht. Wenn sie ihr Equipment abbezahlt haben, sind sie schon mal einen Schritt weiter. „Mittlerweile hat sich nicht nur ein Fankreis zusammengebraut, sondern gab es auch beim World Beer Award in London eine Goldmedaille fürs Festbier, Silber fürs Weizen und Bronze fürs Fränkische Rotbier und Stout“, erzählt Alfons bei der Kaffeepause im Raum nebenan. „Nicht auf die Decke schauen“, sagt er. Natürlich schaut man hoch auf die unverputzte Fläche. Aber das wird bald gemacht, verspricht er. In der Mannschaft hat es für alles einen Spezialisten.  

Kein Bier vor vier

Dann wandert der Blick von der Decke auf die Wanduhr, die kurz vor vier anzeigt. „Kein Bier vor vier“ steht darauf. Dann macht’s klick! Es ist ja erst kurz nach Zwölf, die nächste Schicht steht schon parat. Falsche Zeit? Dann fällt auf, dass auf dem Zifferblatt nicht die Zahlen von eins bis zwölf stehen, sondern zwölfmal die Vier. Alfons grinst wissend. „Kein Bier vor vier!“ In der Brauerei gehen die Uhren aber anders. Boris muss noch eine Stunde schaffen, und hat noch andere Zahlen (Temperatur, Liter, Zeit) im Kopf, bis für ihn endlich vier Uhr ist. Und dann? Ja dann ist vier. Feierabend.