Zum Motorradfahren in den Steinbruch

In Zimmern ob Rottweil gibt es inmitten eines Steinbruchs eine herrliche Übungsfläche für Motorradfreunde. Keine Frage, dass unser Chef da hin musste …

Text: Ulf Tietge · Fotos: Jigal Fichtner

Unser Spielplatz für heute ist ein Steinbruch. Halb Mondlandschaft, halb Schotterwüste. Schlammig vom Regen gestern, gesprenkelt mit ein paar Matschlöchern, garniert mit großen Findlingen sowie richtig steilen Trampelpfaden, die wir natürlich ab sofort Singletrails nennen und auf denen wir nachher mit Motorrädern fahren sollen. Immer schön querfeldein. Endurofahren ist eben wie Kunstturnen. Es geht um Balance und Körpergefühl, Technik und Übersicht und darum, seine eigenen Grenzen zu erweitern. Daher gibt es auch keine Gegner – außer vielleicht der Schwerkraft …

Erst mal aber muss der Reifendruck runter. Auf anderthalb Bar. So sind die Stollenreifen schön weich und spielen nachher geschmeidig mit dem Schotter. Spiegel weg, Koffer runter und schon sind die Mopeds fertig. Wir Fahrer dagegen noch nicht. „Wärmen wir uns auf!“, ruft Supervisor Frank und joggt erst vorwärts, dann rückwärts über die Slalomstrecke, geht in den Liegestütz und lässt uns dann noch ein paar Hüftschwünge üben. Sieht aus wie Skifahren ohne Ski und simuliert die Bewegungen auf dem Bock, die gleich kommen werden. Und doch: Gymnastische Dehnübungen in Motorradkombi – das sieht schon schräg aus.

Von einem kleinen Pavillonzelt aus beobachtet Karin Birkel das Geschehen. Mit ihrer Agentur Good Souls organisiert sie Fahrertrainings wie den Gravel Day heute und stellt Motorradreisen für Offroad-Freunde zusammen. „Wir haben heute eine sehr heterogene Gruppe“, sagt sie. „Die Freunde vom GS Club München bereiten sich auf den Transitalia Marathon vor, die Isländer da drüben sind quasi auf Schotter groß geworden. Dann wieder haben wir Menschen, die einfach nur sicher auf einem Waldparkplatz wenden können wollen ohne Angst zu haben, dass sie dabei umkippen.“ Für Karins Trainer bedeutet das: genau hinschauen! Nicht überfordern, nicht unterfordern. „Ins Schwitzen kommen am Ende trotzdem alle“, sagt Karin. „Heute Abend sind die alle eingesaut von oben bis unten, völlig fertig – und überglücklich!“

In der Sandkiste für Biker

Damit das klappt, braucht es die richtige Spielwiese. Und die stellt Stephan Braun zur Verfügung, Technischer Leiter der Bau-Union, die hier oben in Zimmern ob Rottweil Muschelkalk abbaut und zu Schotter verarbeitet. 54 Hektar ist das Areal insgesamt groß, da kann man den Bikern auch mal eine Sandkiste einrichten. „Das Gelände sieht auf den ersten Blick harmlos aus, hat es aber echt in sich“, sagt Karin und führt mich rum: „Da vorn sind die diversen Singletrails mit schönen Löchern und engen Passagen, die Hügel dort kannst du mit dem Motorrad rauf und runter kraxeln und genug Platz für alle möglichen Fahr- und Bremsübungen auf losem Schotter haben wir auch.“ 

Nach dieser Einführung geht es jetzt auch für mich in den Sattel. Mein Motorrad für heute ist eine BMW R 1200 GS. 110 PS stark, 240 Kilo schwer, zehn Jahre jung und schön groß. Gebaut für Gelände und Straße (daher GS, auch wenn manche sagen, das GS stehe für „gehört schmutzig“) und in der Ausführung als Rallyemaschine (daher das R) eigentlich zu Höherem berufen, als heute mit mir Grundfahrübungen zu absolvieren. 

„Das Motorrad ist nicht der limitierende Faktor“, sagt auch Jochen, der heute mein Trainer sein wird. „Die Kiste war schon bei Rallyes in Südafrika dabei, ist durch Südamerika gefahren und hat Marathon-Touren in Italien absolviert.“ Ein echter Profi also. Ich dagegen bin seit mindestens zehn Jahren nicht mehr gefahren. Als Jugendlicher waren meine Bikes und ich ganz dicke, aber dann kamen die Autos, der Schreibtisch, ein Hausbau … Ein bisschen mulmig ist mir daher schon, aber Jochen macht mir Mut: „Wir fallen alle mal hin. Mach’ dir da keinen Kopf. Wir helfen dir auch, das Bike wieder aufzurichten.“ Na, das ist doch schon mal beruhigend!

Vor der Abfahrt kommt der Slalom

Während ich zum Eingrooven erst noch ein paar Meter auf der geteerten Zufahrtsstraße unter die Räder nehme, beginnen die Cracks vom GS Club München, die heute zu Gast sind, schon mit den ersten Übungen. Slalom fahren. Erst mit fünf Metern Abstand zwischen den Hütchen, dann mit drei. Das Ganze natürlich im Stehen und mit Lenkbewegungen durch Gewichtsverlagerung. Daher auch die Trockenübungen mit dem Hüftschwung. Sieht einfach aus, ist es aber nicht und bis der Erste absteigt, dauert es auch nicht lange. „Blickrichtung!“, ruft Frank. „Du darfst nicht nach unten zum Hütchen gucken, sondern nach vorn! Den Rest macht dein Körper automatisch!“

Meiner erst mal nicht. Im ersten Durchlauf reiße ich mehr Hütchen um als stehen bleiben. „Sei geschmeidiger in der Hüfte“, rät mir Jochen und macht es noch mal vor. Wie ein Rumbatänzer schwingt er sich auf seinen Fußrasten stehend durch den Parcours, kehrt wie auf der Stelle um und lässt mich wieder auf die Hütchen los. Schön langsam! Nur mit schleifender Kupplung und halber Fußgängergeschwindigkeit. Und tatsächlich: Es klappt! Der Schotter hat viel mehr Grip als man meint, wenn man das Moped mit der Hüfte von links nach rechts und wieder zurück drückt, kommt man durch. Also gleich noch mal! Und noch mal! Und wieder!

Nach einer halben Stunde fliegt meine Jacke auf einen Stein am Rand der Strecke. Mir läuft der Schweiß in Strömen aus dem Helm. Ich hab’ schon nur dünne Arbeitshandschuhe statt dicker Motorrad-Muffen an und statt der alten Lederhose (muss eingelaufen sein die letzten Jahre!) eine leichte Jeans. Trotzdem läuft es mir aus allen Poren: „Das ist echt Sport“, rufe ich japsend und schaue den Trainer verständnisheischend an. Gnade? „Trink was“, rät Jochen. „Dein Gehirn muss schwimmen, damit es arbeiten kann!“ Aber lass uns den Singletrail zur Wasserstelle nehmen …

Das mit dem Singletrail klappt besser als erwartet. Zwischen den Steinen hindurch, eine Rampe runter, durchs erste tiefe Matschloch (herrlich erfrischend!), kurz mal Gas geben und nach der langen Geraden absteigen. 

Während ich meine Trinkpause genieße, kämpft Sabine vom GS Club München mit ihrer BMW. Das Motorrad geht im Leerlauf immer wieder aus und das macht es extrem schwer, enge Kreise zu fahren. Ein paar Technik-Spezis kümmern sich drum und Sabine erzählt, dass sie erst 2007 den Motorrad-Führerschein gemacht hat. Nicht ganz freiwillig, denn ihr Mann Markus wollte zu seinem 40. Geburtstag unbedingt die Route 66 fahren. „Ich durft’ mitkommen – aber nur mit eigener Maschine“, erzählt sie lachend. „Also hab’ ich den Schein gemacht und bin rüber in die Staaten. Mit kaum 1000 Kilometern Erfahrung saß ich auf einer nagelneuen Harley und bin einmal von Küste zu Küste.“

Sabine ist inzwischen die Vorsitzende vom GS Club (was sie aber nicht an die große Glocke hängt) und eine der wenigen Frauen hier. Die meisten sind Graurücken zwischen 50 und 60. Junge Heißsporne: Fehlanzeige. „Wir sind nicht die, die rasen wollen“, sagt Karin dazu. „Wir sind Genussfahrer und lieben die Natur, das Draußensein. Weg vom Alltag!“ Die Naturverbundenheit geht bei Good Souls übrigens