Strohskulpturenfestival: Flower Power in Höchenschwand

Alle zwei Jahre messen sich Höchenschwander Vereine beim Strohskulpturenwettbewerb. Wir waren für euch beim Bau dabei…

Text: Jana Zahner Fotos: Jasmin Fehninger

Ende August fängt der Summer of Love erst richtig an. Zumindest in Höchenschwand im Landkreis Waldshut, auf mehr als 1000 Metern Höhe. In einer Lagerhalle im Ortsteil Oberweschnegg basteln gut ein Dutzend Leute liebevoll an einem VW-Bus. „Ich wollte schon länger einmal einen Hippie-Bus machen“, sagt Manuela Karthan und steckt lächelnd eine lila Blume an dem Oldtimer fest. Zusammen mit ihrem Ehemann Hans-Peter ist sie seit gut 30 Jahren Mitglied bei der Trachtentanzgruppe Amrigschwand-Tiefenhäusern – eine feste Größe beim Höchenschwander Strohskulpturen-Wettbewerb. Bei der diesjährigen 11. Ausgabe geht der Verein mit der vollen Ladung Flower-Power ins Rennen. Kurz vor dem Start feilen die Strohmänner und -frauen noch an letzten Details: für mehr Vanlife-Feeling bekommt der VW-Bus noch ein stilechtes Innenleben, Passagiere, Liegestühle und einen Sonnenschirm dazu.

Insgesamt sechs Wochen lang wird der Bulli aus Stroh, Heu, Holz und Hasendraht zusammen mit sieben weiteren Werken der Höchenschwander Vereine auf der großen Wiese beim Bauernmarkt im Ortsteil Frohnschwand an der B 500 zu sehen sein. Ein Wettbewerb, bei dem laut Touristinformation jedes Mal rund 40 000 Menschen ihre Stimme abgeben. Wer die meisten Besucher überzeugt, nimmt bis zur nächsten Runde zwei Jahre später den Wanderpokal mit nach Hause.

Ein Strohhalm in der Krise

Ganz so alt wie der Volkstanz im südlichen Schwarzwald ist der Höchenschwander Strohskulpturen-Wettbewerb allerdings nicht. Als Ende der 1990er-Jahre die Kurorte in die Krise rutschten, brachen auch die Übernachtungszahlen in Höchenschwand ein. Ein Markenzeichen, ein Publikumsmagnet musste her – und Hotelier Frank Porten erfand den Strohskulpturen-Wettbewerb. Eine Mischung aus dem Holzskulpturen-Wettbewerb in St. Blasien und Strohfiguren, die er in Schwenningen am Heuberg gesehen hatte. Nun musste nur noch jemand die Skulpturen bauen – und zehn Vereine überzeugt werden, aus Stroh Gold zu spinnen ...

Aber wie verwandelt man spröde Halme in lebensgroße Figuren, die wochenlang Wind und Wetter standhalten und noch dazu originell und witzig aussehen? „Für uns war das damals noch Neuland“, sagt Hans-Peter Karthan über den ersten Strohskulpturen-Wettbewerb 2001. Ein Lernprozess mit Rückschlägen und Höhepunkten begann. Ein großes Stroh-Karussell, das sich sogar drehen konnte, brach mit Regenwasser vollgesogen zusammen, das Gerüst mussten die Erbauer auf der Wiese beim Bauernmarkt wieder zusammenschweißen. Legendär ist bis heute die riesige Schwarzwälder Kirschtorte der Trachtentanzgruppe – für die gab’s 2007 einen spontan ausgelobten Sonderpreis.

Heute wissen die Wettbewerbsteilnehmer, auf was es ankommt: Etwa auf einen soliden Unterbau. Beim Bulli geben ein Holzgerüst und zwei je 250 Kilo schwere Strohballen Stabilität, Trachtentanzgruppen-Vorstand Niclas Brantner macht die Reifen mit Autolack wetterfest. Jeder Künstler hat seine eigenen Techniken entwickelt. Man könnte auch sagen: es gibt die „Stopfer“, die das Stroh vor allem mit Hasendraht formen und die „Flechter“, die filigraner arbeiten. „Bei manchen Vereinen artet der Aufwand etwas aus“, sagt Bernd Vogelbacher, der sich schon mehr als vier Jahrzehnte bei der Trachtentanzgruppe engagiert. In der Halle in Oberweschnegg ist man seit Juli mit teils mehreren Treffen pro Woche am Werk – zig Arbeitsstunden stecken in dem Stroh-Bulli. „Es geht nicht nur um das Bauen, sondern um die Kameradschaft“, sagt der Trachtentanzgruppenälteste. Zur Tradition gehört neben der demokratischen Abstimmung über das Motiv auch, dass bei jedem Treffen eine Bowle zusammen getrunken wird. Der Pokalsieg ist sekundär, dabei sein ist alles!

Ballenweise Flower-Power 

Die Skulpturen werden üblicherweise im Anschluss an den Wettbewerb in Höchenschwand verteilt – manche Werke zierten aber auch schon den Fernsehgarten in Mainz oder den Europa-Park Rust. Die Chancen stehen also gut, dass der Summer of Love der Trachtentanzgruppe Amrigschwand-Tiefenhäusern in die Verlängerung geht ...

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