Probiers mal mit Gemütlichkeit

Hanspeter Ziereisens Weine sind revolutionär, seine Kellerarbeit einzigartig – und so entsteht eine Markgräfler Erfolgsgeschichte

Text: Sarina Doll · Fotos: Jigal Fichtner

Hanspeter Ziereisen schwimmt nicht mit dem Strom. Der Winzer aus Efringen-Kirchen denkt Wein stattdessen lieber neu. Rebelliert gegen Trends der modernen Weinindustrie und hat damit Erfolg. Stolze 21 Hektar bewirtschaftet der gelernte Schreiner, seine Weine findet man fast überall auf der Welt. Vor allem die Gutedel wachsen dank ihm zu alter Größe heran. Sein teuerster wurde 2019 vom Gourmetführer Gault & Millau mit der Bestpunktzahl ausgezeichnet – der Durchbruch für Familie Ziereisen.

„Der schmeckt, als würde man an einem Stein lutschen“, scherzt Hanspeter und schenkt mir einen großzügigen Schluck Gutedel ein. Der große Mann in Gummistiefeln und schmutziger Jeans grinst mich an. Reicht mir das Glas. Wenn ich nicht wüsste, dass mir einer der erfolgreichsten Winzer Deutschlands gegenübersteht, würde ich sein Angebot dankend ablehnen. Aber so? Ich probiere. Und er schmeckt. Besser als erwartet. Mineralisch. Kalkig. Nach Ziereisen eben.

Mit vereinten Kräften

Ziereisens Weine haben Charakter. Haben Ecken und Kanten: „Unsere Weine sind keine Anfängerweine. Bei uns schmeckt erst der letzte Schluck“, erzählt Hanspeters Frau Edeltraud. Entstanden sind ihre Weine durch äußeren Druck. Immer wieder sind sie auf Kritik gestoßen, durch Qualitätsprüfungen gerasselt. Doch die Winzerfamilie hat sich davon nicht unterkriegen lassen. Auch wenn sie sich am Anfang selbst an den besonderen Geschmack ihres Weins gewöhnen mussten: „Den Jahrgang 1998 haben wir komplett ausgekippt, weil wir den Geschmack nicht einordnen konnten.“

Das Weingut Ziereisen ist ein Familienbetrieb durch und durch. Während ich mich durch das Sortiment probiere, bedient Hanspeters Schwester Susanne Kunden im Hofladen. Schwager Jüggi manövriert einen Gabelstapler in Richtung Lager. Und Edeltraud kocht. Telefoniert. Organisiert. Nur die Kinder des Winzerpaars Ida und Johann fehlen. Sie machen gerade eine Lehre. Nichts mit Wein. Das hat Hanspeter ihnen verboten. Aber sie wollen das Weingut übernehmen. Irgendwann.

Vom Trubel im Hof geht es hinab in Hanspeters heilige Hallen. Seinen Weinkeller. Kühle Luft strömt uns entgegen, als er die quietschende Schiebetür öffnet. Ein Gewölbekeller erstreckt sich. 100 Meter lang. Ein Weinfass am nächsten. An der Decke baumelt ein Xylofon aus einem zerlegten Holzfass. Mit dem Smartphone verbunden kann es jede beliebige Melodie spielen: „Wenn die Importeure aus aller Welt zu Besuch sind, spiele ich deren Nationalhymnen ab“, erzählt Hanspeter und drückt auf Play. Das Badnerlied schallt durch den Raum. Spätestens jetzt wird klar: Mit einem 08/15-Weingut hat das nichts mehr zu tun.

Keep it simple!

Im Keller hat Ziereisens wichtigste (und teuerste) Mitarbeiterin das Sagen: die Zeit. Alle seine Weine lagern mindestens 18 Monate im Holzfass: „Das macht in Deutschland so keiner“, berichtet Hanspeter stolz. Außerdem geht er back to the roots. Hanspeter verzichtet auf zugesetzte Reinzuchthefen. Auf Schönungen. Auf Filter. Für viele andere Winzer total unverständlich. Doch die Ziereisen-Magie liegt im Abwarten. Im Nichtstun. Das habe ein bisschen was mit Faulheit zu tun, gesteht Hanspeter. Vor allem aber mit dem Vertrauen in Mutter Natur.

So minimalistisch wie ihre Weine kommt auch das Ehepaar Ziereisen daher. Sie wirken bodenständig. Hanspeter steht bei Wind und Wetter in den Weinbergen. Edeltraud zieht die Fäden im Hintergrund: „Wir haben keinen Stab voll Angestellter und schaffen weiterhin gerne selbst“, erzählt das Paar. Auf viel Luxus und Freizeit verzichten sie gern. Nur der Sonntagnachmittag ist ihnen heilig. Dann findet man sie mit ihrem Oldtimer, dem 1948er Käfer Fritzl on the road.

Hanspeter will höher, schneller, weiter! Für die  Zukunft träumt er von einer Ölmühle. Eigenem Mehl. Tieren auf dem Hof. Auch neue Weinberge kommen im Laufe des Jahres noch dazu. Stattliche 30 Hektar sollen es werden. Auf die Frage, wie er das alles bewerkstelligen kann, zuckt Hanspeter nur mit den Achseln: „Wird schon!“, fügt er optimistisch hinzu. Und wem sonst wäre das zu glauben, wenn nicht ihm?

Alles auf Anfang!

1991 hat Hanspeter Ziereisen den Obst- und Spargelhof seiner Eltern übernommen. Wein war damals nur ein Nebenprodukt, doch Hanspeter wollte frischen Wind reinbringen und sich auf Wein spezialisieren. Um bekannt zu werden, veranstaltete er Weinprobe um Weinprobe. So hat er sich über die Jahre einen Namen gemacht. Heute ist das Weingut Ziereisen ein Wein-Imperium.

Darf's ein Schlückchen sein?

Weingut Ziereisen
Markgrafenstraße 17
79588 Efringen-Kirchen
Telefon: 0 76 28/ 28 48

#heimat Schwarzwald Ausgabe 33 (4/2022)

Wir feiern den #heimat-Sommer – und entdecken die Karibik vor unserer Haustür. Wo genau? Das müsst Ihr unbedingt in unserer neuen Ausgabe nachlesen! Dass wir noch mehr für die heißen Tage für Euch haben, keine Frage! Heiße Burger zum Beispiel aus Karlsruhe. Oder heiße Reifen bei unserem kleinen Enduro-Abenteuer. Und unsere Füße haben wir uns auch noch ganz heiß gelaufen, darauf ein kühles Bier aus Ottersweier – von Männern, die sich was brauen. Ihr seht schon: Mehr #heimat-Sommer geht kaum. Also lasst ihn uns genießen!

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