Pforzheim

Schmuckstadt – klar. Aber Schmuckstück? Pforzheim besticht vielleicht nicht auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen entfaltet die Stadt aber einen Charme, dem man sich kaum entziehen kann. Karen Heckers hat nicht nur einen Blick gewagt...

Text: Karen Heckers · Fotos: Jigal Fichtner
Tag 1

Angeblich mochten die Römer den Schwarzwald nicht so gern: zu dunkel, zu unwegsam und zu kalt. Von den fiesen Ureinwohnern gar nicht zu reden. Trotzdem ließen sie sich an hübschen und strategisch günstigen Punkten nieder. Um 90 nach Christus fanden sie einen passenden Fleck an Nagold, Enz und Würm und gründeten hier die Siedlung Portus – zu Deutsch: Hafen. Durch Lautverschiebungen wurde daraus Pforz. Pforzheim ist also eigentlich eine Hafenstadt – und dank Ulf mein Ziel für dieses Wochenende!

Freitag, 15:30 Uhr

Schon von Weitem sind die fünf glänzenden Stelen zu sehen, die auf dem Wallberg thronen und ein bisschen an den Wolken zu kratzen scheinen. Moderne Gipfelkreuz-Architektur? Nein, das Ensemble ist – wie der Wallberg – ein Mahnmal. Der Weg nach oben ersetzt das Bauch-Beine-Po- Programm und der 360-Grad-Blick über Stadt und Nordschwarzwald ist einfach grandios. Noch beeindruckender aber ist die Geschichte des Wallbergs: Er wurde Ende der 1950er-Jahre aus den Trümmern des alten Pforzheim, das am 23. Februar 1945 fast völlig zerstört worden war, und dem Bauschutt aus der Zeit des Wiederaufbaus aufgeschüttet. Für die Pforzheimer ein Symbol für die Überwindung dieser Krise – und für ihre Schaffenskraft.

Freitag, 17 Uhr

Schaffen können sie, die Pforzheimer. Und ihre Handwerkskunst ist legendär. Ein Beispiel dafür ist die Uhrenmanufaktur Laco, etwas unterhalb des Wallbergs gelegen. 1925 von Frieda Lacher und Ludwig Hummel als Lacher & Co. gegründet, durchlebte der Betrieb Höhen und Tiefen und gehört nach wie vor zur Spitze der Branche. Laco war übrigens eine von nur fünf Manufakturen in Deutschland, die im Zweiten Weltkrieg Fliegeruhren bauen durften. Diese Erlaubnis war an strenge Kriterien gebunden und insofern auch eine Auszeichnung. Berührungsängste kennt man hier jedenfalls nicht: Ich darf hinter die Kulissen schauen.  Eine fast sakrale Stille herrscht im Gebäude, das färbt ab. Wie auf Zehenspitzen betrete ich die Werkstatt. Uhrmachermeister Wolfgang Duck ist gerade dabei, einen weiteren Chronographen zusammenzubauen. Seine Konzentration ist körperlich spürbar. Mühelos hantiert er mit winzigen Schräubchen und Zahnrädern. Wie aus diesen filigranen Teilchen höchst robuste Uhren entstehen, die sogar bei Sportlern und Fliegern begehrt sind, ist mir ein Rätsel.

Tag 2

Samstag, 9 Uhr

Heute gebe ich mir Prunk! Pforzheim ist ja die Keimzelle des Schmuckhandwerks: 1767 wurde hier Deutschlands erste Uhren- und Schmuckfabrik gegründet, ein Jahr später die Goldschmiede- und Uhrmacherschule eröffnet – bis heute die erste Adresse in Sachen Ausbildung. Im Verlauf der Geschichte siedelten sich Manufakturen an. Schmuck und Uhren aus Pforzheim waren begehrt, die Stadt wurde zum internationalen Marktplatz, die Deutsche Schmuck und Uhren GmbH etablierte eine ständige Musterausstellung für Facheinkäufer und entwickelte sich zu einem Kompetenzzentrum rund um Schmuck und Uhren. Einen faszinierenden Blick auf diese Geschichte liefern die Schmuckwelten im Industriehaus im Zentrum. Neben viel Historie werden aber auch sehr viele schöne Dinge geboten. Was ein kleiner Einkaufsbummel dort für mein Konto bedeuten würde, darüber möchte ich aber lieber nicht nachdenken.

Samstag, 11 Uhr

Nur gucken, nix kaufen, heißt es im Schmuckmuseum in der Jahnstraße. Die mehr als 2000 Exponate, allesamt Originale, zeigen Schmuckgeschichte aus fünf Jahrtausenden: von der Antike bis heute. Das ist weltweit einzigartig. Und plötzlich erlebe ich einen Zustand, der neudeutsch gerne als Flow bezeichnet wird: Ich bin völlig versunken, spüre weder Hunger noch Durst, bin fasziniert von den Kostbarkeiten, der Handwerkskunst und den Designs. Vielleicht sollte ich mich hier mal einschließen lassen. So à la „Nachts im Museum“. 

Samstag, 13:30 Uhr

Die Welt hat mich wieder und damit auch so profane Dinge wie Hunger und Durst. Wie herrlich, dass das Museumscafé feine Kleinigkeiten to go anbietet. Natürlich regional und hausgemacht. Beim Hock im angrenzenden Stadtgarten an der Enz schmeckt’s gleich doppelt so lecker und ich beschließe, jetzt mal selbst Schmuck zu machen. Im Schmuckmuseum bekomme ich noch einen kleinen Tipp: Die Edelsteinausstellung Schütt gleich gegenüber bietet eine Light-Version im Schmuckmachen an. Na dann, ran an die Preziosen! Und das ist wörtlich zu nehmen: Die Handgriffe an den Eingangstüren bestehen aus Aventurin. Auch die riesige Weltkarte im Eingangsbereich ist eine Schau: Auf einer zweieinhalb mal vier Meter großen Glasplatte wurden die Kontinente mit Edelsteinen nachgebildet. Die Schaukästen sind gefüllt mit facettierten Steinen und hochwertigen Schmuckstücken aus dem Schütt’schen Atelier. Ich stehe da, kriege den Mund nicht zu und fühle mich ein bisschen wie in Ali Babas Schatzhöhle. Aber ich bin ja zum Kettenmachen hier. Das ist übrigens gar nicht so einfach. Rein handwerklich gesehen ist das zwar ein Klacks. Aber die Auswahl an Perlen und Steinkugeln ist enorm …

Samstag, 15 Uhr

Great Barrier Reef – ich komme! Das liegt nur 20 Minuten vom Zentrum entfernt im alten Gasometer beim Enzauenpark. Schneller ginge es mit der Buslinie 1, aber ich spaziere lieber an der Enz lang. Der 1912 gebaute Gasometer wurde 2003 außer Dienst gestellt, seit 2014 stellt. der Künstler Yadegar Asisi seine 360-Grad-Panorama- Bilder aus. Diese monumentalen Kunstwerke brauchen Platz. Und die hat das 42 Meter hohe und 40 Meter breite Industrie-Denkmal. Asisi arbeitet mit speziellen Techniken der Raumillusion, das Ergebnis ist faszinierend. Die Bilder bewegen sich nicht, durch die verdichtete Anordnung der einzelnen Unterwasserobjekte scheinen sich die Korallen, Wasserpflanzen und Meerestiere aber auf den Betrachter zu oder von  ich, aber mir würden schon Repliken reichen … ihm weg zu bewegen. Eine besondere Beleuchtungstechnik simuliert Tag und Nacht im Korallenriff, untermalt wird die Szenerie von Unterwassergeräuschen und symphonischen Klängen. Immer wieder entdecke ich etwas Neues, das. vorher noch nicht da zu sein schien. Ein großer weißer Hai lächelt mich freundlich an und ich stelle fest: Hunger hab’ ich auch. Sushi käme gerade recht. Die besten gibt’s im zentral gelegenen Anami beim Drei-Flüsse-Brunnen. Daher: unbedingt reservieren!