Ein Mammut, dieser Baum!

Die 46 Meter hohe Großvatertanne überragt den Wald bei Freudenstadt. Wenn Bäume sprechen könnten… Aber nichts zu machen! Also fragen wir die Försterin

Text: Pascal Cames · Fotos: Dimitri Dell

Manche Dinge gehen einfach nicht. Zum Beispiel einen Baum umarmen. Das soll einen ja näher zu Mutter Natur bringen. Aber hier im Forst bei Freudenstadt? Das geht definitiv nicht. Der Baum ist zu dick.

Groß, größer, noch größer: die Großvatertanne

Försterin Ina Waidelich erklärt, was man mit bloßen Augen sieht, aber doch nicht richtig abschätzen kann. Der Baum ist 46 Meter hoch, hat unten einen Stammdurchmesser von 1,72 Metern und einen Umfang von 5,40 Metern. Aus der Entfernung fällt die Weißtanne (abies alba) weniger auf als aus der Nähe. Aber dann kommt es gewaltig. Hier steht ein Riese!

Baumriesen wie die Großvatertanne genannte Tanne vermutet man vielleicht irgendwo in Amerika, wo eh alles größer ist. Aber die Tanne steht in der Nationalparkregion auf der Gemarkung von Loßburg. Bis vor wenigen Jahren gab es vier solcher Baumriesen. Einer musste 2018 gefällt werden, da krank. Das war die Gelegenheit, um die Jahresringe zu zählen. Gerade in trockenen Jahren oder in Zeiten, wo eine Tanne kaum wächst, werden die Jahresringe so klein, dass man ein Mikroskop braucht, um sie exakt zu zählen. Oder die Jahresringe werden fotografiert und dann am Bildschirm vergrößert. Da die etwa gleichgroße Tanne 330 Jahre alt wurde, muss es die Großvatertanne auch sein. Wer sie zuerst so genannt hat, weiß man nicht. Es muss wohl in der Zeit gewesen sein, als die meisten Großväter noch kleine Buben waren.   

Ohne Licht kein Wachstum

Vor ungefähr 330 Jahren versuchte Ludwig XIV. Süddeutschland zu erobern und trieb damit auf Jahrhunderte einen Keil zwischen Deutsche und Franzosen. Ganz friedlich war es dagegen auf einer großen Wiese bei Freudenstadt. Hier muhte die Kuh. Da die Weide frei war, hatten die paar Nadelbäume genug Licht, um sich ideal zu entwickeln. Heute ist alles anders, Wald, so weit das Auge reicht. All diese Bäume kamen erst viel später. 

Wie Ina Waidelich berichtet, kann eine Tanne lange mit wenig Licht auskommen. Die Försterin kennt nur fünf Meter große Exemplare, die seit 100 Jahren im Schatten stehen. Wenn sie aber Licht bekommen, wachsen sie wie unter Treibhausbedingungen.  In 20 Jahren kann eine Tanne gut und gerne zehn Meter Höhe machen. „Eine Tanne braucht Büchsenlicht von der Seite und Licht von oben“, zitiert sie einen Jägerspruch, denn Rehe haben junge Tannen zum Fressen gerne. Bei der 46 Meter großen Großvatertanne ist beim Wachstum alles geschwätzt.  Sie hat ihre maximale Größe erreicht.

Um den Baum mit seinen mächtigen Wurzeln zu schützen, hat man ihn großzügig eingezäunt. Aber wer ihn ganz aus der Nähe anschauen will oder gar berühren, darf das machen. Mit etwas Glück trifft man auch die Försterin hier an. „Ich bin jedes Mal froh, wenn ich den Baum sehe“, sagt sie. Dass der Riese noch wie eine Eins steht, ist nicht selbstverständlich. Bei einer der „Tanten“ genannten Nachbarsbäume wechselte  vor drei Jahren die Farbe der Nadeln von grün zu grüngrau zu graugrün zu grau.  Innerhalb von drei Monaten war der Baum tot. Er hatte einen Nasskern und die Säfte kamen nicht mehr durch. Auch durch Blitzeinschlag sind Baumriesen bedroht. Da sie die anderen Bäume überragen, sind sie besonders gefährdet. Holzschlag brauchen sie nicht zu fürchten, da sie für ein Sägewerk schon längst viel zu groß sind. Und der Klimawandel ist auch keine Gefahr, da Tannen Hitze gut vertragen – im Gegensatz zur Fichte. Die Großvatertanne, sie lebe hoch – und lang!

Auf zum Bäume schauen!

Rund um Freudenstadt in der Nationalparkregion Schwarzwald hat es viele Baumriesen. Am bekanntesten ist die 46 m hohe Großvatertanne. Die Tanne und zwei weitere Riesen sind auf dem Premiumwanderweg Lauschtour Tannenriesen (12,7 km) zu bestaunen. Die Lauschtour App gibt es kostenlos in den App Stores: www.nationalparkregion-schwarzwald.de

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