Der Sondenjäger

Gerhard Gmeiner erforscht die Vergangenheit seines Dorfs: je älter, desto lieber. Auf frisch gepflügten Äckern sucht er nach metallenen Zeitzeugen

Text: Janine Ak · Fotos: Dimitri Dell

Gerhard Gmeiner aus Neuried-Altenheim ist eine Institution im Ried, wenn es um Archäologie geht. Wenn er einmal anfängt zu erzählen, ist er schwer zu stoppen und seine Augen leuchten. Doch woher kommt die Begeisterung, allein über winterlich kahle Felder zu laufen und in der Erde nach Scherben und Münzen zu graben? Als ich ihm am Telefon erzähle, dass ich mit aufs Feld will, sagt er gleich: „Mir geht es aber nicht ums schnelle Finderglück: ‚Juhu, ich habe eine goldene Münze gefunden.‘“ Er spricht von Puzzleteilen, die sich über Jahre zu einem immer deutlicheren Bild fügen: das Leben in Altenheim vor 2000 Jahren. Ich bin bereit für die Zeitreise.

Die Sonne steht hoch über der Weite des Rieds, als ich ein paar Tage später auf dem Beifahrersitz seines hart gefederten Handwerker-Caddys sitze und mit ihm über staubige Feldwege brettere. So flott wie Gmeiner denkt und redet, fährt er auch. „Ich möchte Ihnen etwas zeigen“, sagt er und biegt scharf rechts ab. Wenig später durchqueren wir eine Furt. Eigentlich geht es nur ein Stückchen bergab, rechts und links ein breiter Streifen Frühlingsgras. Das Wasser der Enz, die heute noch durch den Europapark fließt, denken wir uns. Sie schlängelte sich bis etwa 1800 durch Altenheim. Durch die Begradigung des Rheins mündet sie seither schon kurz vor Kappel in den Strom, nicht mehr wie einst bei Kehl.

Das Flussbett als Fundort

Früher trieben auf der Enz Lastkähne oder wurden flussaufwärts vom Ufer aus mit Seilen gezogen. Von Fuhrwerken oder mit purer Menschenkraft. Treideln nannte man das. „Der Warentransport auf dem Wasser war günstiger und effektiver als der auf dem Land“, erzählt Gmeiner: „Die Enz war so was wie die Autobahn.“ Und weil sich entlang dieser Autobahn das Leben abspielte, siedelten an der Enz schon immer Menschen. Gmeiners Acker, für den er seit 2016 die Erlaubnis zum archäologischen Suchen mit der Metallsonde hat, liegt direkt in Ufernähe. Hier findet er regelmäßig Zeugnisse aus der Zeit des römischen Reichs, das von etwa 200 vor Christus bis 480 nach Christus existierte. Aber auch immer mehr Funde aus der keltischen Epoche kommen hinzu. Sie beginnt etwa 650 vor Christus.

Dreck lass nach

„Der wertvollste Fund ist der, der neue Erkenntnisse bringt“, ist Gmeiners Devise. Ob wir wohl heute den Jackpot knacken? Wir springen aus dem Auto und kraxeln die Böschung hinunter zum Acker. Gmeiner setzt seinen Strohhut auf und holt Werkzeug aus einer blauen Plastikwanne: Fast noch wichtiger als die Sonde zur Ortung von Metall sei der Pin-Pointer, eine Art langer Finger für die Punkt-Ortung, erklärt mir der Hobby-Archäologe: „Sonst such ich ewig im Dreck.“ In eine der vielen Taschen seiner Cargo-Handwerker-Hose, die der 57-Jährige auch in seinem Hauptberuf als selbstständiger Pflasterer trägt, steckt er ein GPS-Gerät, um den genauen Fundort bestimmen zu können. Zum Schluss schnallt er sich eine schwarze Gürteltasche um, seine „Schrott-Tasche“. Denn: „Es ist 90 Prozent Schrott, was ich finde, eine halbe Obstkiste mit neuzeitlicher Vermüllung kommt in einem Jahr pro Fläche zusammen.“ Damit das wertlose Metall im nächsten Jahr nicht wieder piept, holt es Gmeiner gleich vom Feld. Na, das kann ja heiter werden.

Dann geht es los. Ich soll mich hinter Gmeiner halten, „damit ich Ihnen mit der Sonde nicht gegen das Schienbein haue“. Er setzt sich die zur Sonde gehörenden Kopfhörer auf. Wegen mir schaltet er ausnahmsweise zusätzlich die Außenlautsprecher an, „damit Sie hören, was ich über die Kopfhörer höre“.

Flughafenequipment auf dem Feld

Mit langsamen großen Schritten schreitet Gmeiner voran, durch den Sonnenhut und die Kopfhörer ist er von der Außenwelt abgeschirmt, die Augen sind auf dem Boden. Ich schaue mich um. Es ist idyllisch ruhig, nur ein Hahn kräht auf der Farm des benachbarten Bio-Bauern. In der Ferne bellt ein Hund. Gmeiner wedelt im gleichmäßigen Rhythmus seiner Schritte mit der Sonde knapp über die Erde: von links nach rechts und wieder zurück. Das Gerät grunzt tief vor sich hin.

Plötzlich wird der Ton hell und klar. Gmeiner fährt mehrfach über die Stelle: „Bliep, bliep, bliep.“ Dann holt er den Pin-Pointer raus. Er gräbt damit in die Tiefe. Ich frage mich, wo ich dieses Geräusch schon einmal gehört habe. Jetzt hab ich’s: bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen, wenn das Personal den Passagieren mit der Sonde über Arme und Beine fährt. Dieses Geräusch jetzt hier auf einem einsamen Feld in der Weite Neurieds zu hören, lässt mich schmunzeln. Tatsächlich hat Gmeiner seinen Pin-Pointer bei einer Firma für Flughafen-Sicherheitsgeräte gekauft. Die Modelle aus dem Baumarkt seien zwar günstiger und leichter zu handhaben, sagt er, dafür aber nicht so sensitiv bei der Suche nach Metall. Sein Gerät für etwa 250 Euro sei eine Diva: „Sie hat ihre Besonderheiten – man muss bereit sein, sich mit ihr auseinanderzusetzen.“ Rund 1000 Euro müsse ein Sondengänger für eine ordentliche Ausrüstung ausgeben.

Ist das Schrott oder ein Schatz?

Jetzt greift Gmeiner mit geübten Fingern in die Erde und hervor kommt: ein Kronkorken, auf dem Rothaus steht. Hier hat sich der Landwirt nach getaner Arbeit wohl ein Tannenzäpfle aus dem Hochschwarzwald genehmigt. Das erste Fundstück wandert in Gmeiners Schrott-Tasche. Wir wandern weiter in unserer Spur. Beim nächsten „Bliep“ holt Gmeiner etwas heraus, das für mich aussieht wie eine hellgrüne Reißzwecke. Ich hätte das Teil sofort in die Schrott- Tasche verbannt, wenn überhaupt. Aber: „Das ist Grünspan“, erklärt Gmeiner, „der entsteht, wenn Metalle oxidieren.“