Warum bei Extremläufer Daniel Hernes der Kessel brennt

Extremläufer Daniel Hernes hat 26 Fernwanderwege des Schwarzwalds bezwungen – oberkörperfrei, bei jedem Wetter und mit flotten Sprüchen. Damit bewegt er Millionen...

Text: Ulf Tietge · Fotos: Jigal Fichtner

Daniel Hernes gibt es gleich doppelt. Einmal als bodenständig-bescheidenen, liebevollen, ganz ruhigen Familienvater mit Reihenhaus im Offenburger Westen – und dann gibt es Dannyrun. Eine immer etwas überdrehte Kunstfigur mit Zahnstocher und rot umwickeltem Strohhut, dem auf Instagram und Tiktok mehr als 500 000 Menschen folgen. 2000 Klimmzüge, 100 Kilometer über einen Parkplatz oder noch schnell einen Marathon durch den Schnee? Aber gern! Mit Sprüchen wie „der Kessel muss brennen“ und „Laufen muss es!“ motiviert er sich und andere. Danny ist Extremläufer. Einer, der offenbar keinen Schmerz kennt, keine Müdigkeit, keinen Muskelkater, kein schlechtes Wetter. Gut 25 Millionen Views machen seine Videos im Monat – das ist mehr, als die Schwarzwaldklinik je hatte. Danny ist laut, direkt und echt. Früher hat man ihm all das nicht geglaubt. Wer macht schon einfach so
1000 Klimmzüge? Oder zimmert sich ein Gulasch mit Knödeln rein, steht auf und läuft halbnackt einen Marathon? „Anfangs hat man das für Satire gehalten“, sagt Daniel. „Erst als es dann Livestreams von mir gab, haben die Leute begriffen, dass ich wirklich so unterwegs bin.“

Turner aus Leidenschaft

Seit 27 Jahren ist Daniel Leistungssportler. 16 Jahre war er Turner – aber trotz brutalem Trainingsfleiß nur mäßig erfolgreich. „Ich war talentfrei“, sagt Daniel über sich selbst. „Ganz anders als meine Tochter, die mich jetzt schon in die Tasche steckt. Sie ist neun und turnt im Bundeskader. Unter uns: Sie hat jetzt schon mehr drauf als ich.“ Dabei war Daniel nun wirklich mit Leib und Seele Turner, wollte sein wie Onkel Mariusz, der 1976 an den Olympischen Spielen in Montreal teilgenommen hatte. Ganze Nächte in der Halle, immer wieder ans Reck, ein positiv Verrückter. Wenn andere in die Kneipe sind, stand er kopf, drehte Riesenfelgen oder sprang Rückwärtssalti.

Dass man ihn dafür gemobbt hat hat ihn nicht angefochten. Aber dann kam der Absturz. Ein falscher Griff, eine ganz harte Landung und eine kaputte Schulter. „Ich wusste sofort: Jetzt ist es vorbei“, sagt Daniel. Denn wenn man beim Turnen Angst vor den Geräten hat, dann muss man aufhören. „Du musst für diesen Sport locker sein. Ganz entspannt. Und das ging nicht mehr, auch wenn ich es noch ein paarmal probiert hab.“

Der Kessel muss brennen

Also verabschiedete sich Daniel von seinem Sport. Machte seinen Job, schaute Sport im Fernsehen, rauchte weiter wie früher Vater Andreas, der früh verstorben ist und zeitlebens unter schwerem Rheuma und Osteoporose litt. „Er muss unfassbare Schmerzen gelitten haben, aber er hat sich das nie anmerken lassen“, sagt Daniel. „Er hatte für mich immer ein Lächeln, hat mit mir im Garten gewerkelt, obwohl er wegen seiner Behinderung und mit den Fixatoren kaum laufen konnte.“ Bis heute ist der Vater ein Vorbild. Dass Dannyrun keine Schmerzen kennt, keinen Muskelkater, keine Müdigkeit: ein Stück weit ist das immer auch eine Verneigung vor der Lebensenergie vom Papa.

Nach dem schweren Turnunfall 2013 und einer lange zurückliegenden Knie-Operation 2007 (Kreuzband- und Meniskusriss) bescheinigten ihm Ärzte einen Knorpelschaden vierten Grades. „Da reiben Knochen auf Knochen. Eigentlich wäre Laufen nicht möglich“, sagt Daniel. Doch er läuft trotzdem – und das schneller als die meisten. Seine Antwort auf den Verschleiß ist eine massive Muskulatur, die das Gelenk zusammenhält, eine intuitive Körperbeherrschung und die Kombination aus Laufen und Kraftsport. Wo es geht, versucht er, sich zu schonen: ob beim Treppenlaufen oder beim Verzicht auf Risikosportarten wie Ski oder Fußball.

So richtig klick gemacht aber hat es am 26. Februar 2014. „Da hat eine innere Stimme zu mir gesagt: Hör auf zu rauchen – und lauf mal einen Ultramarathon“, sagt Daniel, der daraufhin den Tabakbeutel aus dem Autofenster warf und sein Leben ganz neu ausrichtete. Gern und gut gelaufen: Das ist er immer schon. Den ersten Halbmarathon absolvierte er als Teenie und nur so zum Spaß nach dem Silvesterlauf in Hofweier. Zehn Kilometer in den Beinen – warum nicht noch eine Runde, fragte einer und Daniel lief mit. Klingt ein bisschen nach Forrest Gump, nur eben im real life.

Inzwischen hat Daniel als Dannyrun alle 26 Fernwanderwege im Schwarzwald hinter sich. Nicht gewandert, sondern gerannt. Über Stock und Stein. Ganz allein. Kein Team, keine Verpflegungsstationen, keine minutiöse Vorbereitung mit Personal Trainer. Einfach nur laufen. Mit dabei: ein Rucksack mit Wassertank, Laufschuhe von Salomon und das Handy, um im Notfall Hilfe rufen zu können. „Musste ich auch schon machen“, sagt Daniel. „Beim ersten Versuch, 300 Kilometer Westweg zu laufen, musste ich mich von meiner Frau abholen lassen.“

64 Stunden für 300 Kilometer

Beim zweiten Versuch lief’s besser. Das Wetter war gut, fast zu gut. „Es war am ersten Tag total schön, aber auch richtig heiß“, erinnert sich Danny. „Also hatte ich in Hausach, bei Kilometer 135, schon fünf Stunden Verspätung. Ich hatte noch nicht mal die Hälfte geschafft und stand mitten in der Nacht ohne Verpflegung da – denn alle Läden waren schon zu.“ Doch wieder aufgeben? Nein! Danny läuft weiter, hofft auf einen Automaten und findet einen am Bahnhof. „Ich hab mir Bifis und Fanta reingehauen, der größte Schrott, aber es ging dann weiter!“ Ein paar Minuten Schlaf mitten im Wald, frühmorgens ein Bäcker mit wundervollen Speck-Brezeln und am Abend rauf auf den Feldberg. Hat noch was offen? Oh Gott, ja! Die Hütte am Notschrei. „Ich hab bös gestunken nach 48 Stunden Rennerei, aber die Käsplatte mit Brötchen werde ich nie vergessen“, meint Daniel. Zwei Tage und drei Nächte ist Danny gerannt, um am Ende als erster Mensch überhaupt den Schwarzwald als Dauerläufer zu bezwingen. 64 Stunden für 300 Kilometer. Wenn einer so viele Kilometer macht – klar, dass er dabei auch viel sieht. „Der Schwarzwald ist wunderschön“, sagt Daniel und kommt ins Schwärmen. „Manchmal bleibe ich auch kurz stehen, gucke einfach nur und freu mich darüber, wo ich bin.“ Manchmal gibt es besondere Begegnungen: Putzige Eichhörnchen, erschrockene Wildschweine, nackte Wanderer und Liebespaare in flagranti: alles schon dagewesen.   

Und was gibt es jetzt noch an Zielen? Eine Menge. Im Sommer startet Danny beim Karlsruher Backyard-Lauf. Das ist ein Rennen, bei dem es darum geht, in maximal einer Stunde 6,7 Kilometer zu laufen. Wieder und wieder. Denn gewonnen hat am Ende, wer als Letzter noch eine Runde schafft. Früher gewann man Backyard-Rennen mit 20, 30 Runden. Doch diese Zeiten sind an der Weltspitze vorbei. Ein Australier hält mit 119 Runden aktuell den Weltrekord. „Ich kann echt lang“, sagt Danny. „Aber wenn ich Phil Gore begegnen würde, das wäre schrecklich Denn das würde an die Gesundheit gehen.“ Und die ist ihm wichtig. Deswegen macht Danny auch langsam, wenn ein Weg vereist ist, und läuft lieber allein als gegen andere. „Es ist immer gefährlich, wenn du einen Trail runter musst voller Wurzeln und Steine und spürst jemanden hinter dir. Weißt du, mir geht es nicht darum, etwas zu beweisen – ich laufe einfach gern und liebe meinen Sport!“

#heimat Schwarzwald Ausgabe 52 (1/2026)


Wenn auf verschneite Gipfel die ersten warmen Sonnenstrahlen fallen, fühlt sich das Leben an wie ein einziger Neubeginn: In dieser #heimat-Ausgabe feiern wir den Übergang zwischen Winter und Frühling im Schwarzwald.
Wandert mit uns durch funkelnde Wälder zu urigen Hütten und Après-Ski-Spots, hebt mit den Hexen der Löffinger Fastnacht ab und blüht auf in der Lichtentaler Allee in Baden-Baden!
Lasst Euch inspirieren von Extremsportler Danny Run und Autorin Geraldine Schüle, die auf einem 500 Jahre alten Hof in Sachen Selbstversorgung experimentiert.
Ein Heimat-, Reise- und Genussmagazin für alle, die Schwarzwald, Natur und Lebensart lieben.

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