Strapazen

„Was für eine Schinderei!“ Das sagte unser Autor, nachdem er sich 80 Kilometer durch den Wald gekämpft hat. Bei der Survival Challenge ging er mit vollem Rucksack, altem Kompass und durchgeknalltem Partner an den Start – und gewann

Text: Thomas Glanzmann · Fotos: Jigal Fichtner

Es ist Zeit, ein altes Wort auszugraben: Strapaze. Einfach, weil ich kein anderes für das finde, was ich da wieder mitgemacht habe, damit Ihr als Leser was Spannendes vor der Nase habt, wenn Ihr die Füße hochlegt und in der #heimat blättert. Hab ich aber gern gemacht! Und das meine ich ernst … 

Wovon ich da erzähle? Von der zweiten großen Schwarzwälder Survival Challenge, der ersten, die im Sommer stattfindet. Auf die Beine gestellt hat den Event das Team um Dieter Junker und seine Tochter Olivia aus Nordrach. Es geht – um es auf den Punkt zu bringen – ums Überleben im Wald. Genauer gesagt darum, eine ordentliche Wegstrecke hinter sich zu bringen – nur muss man diese überhaupt erst mal finden. Aber die genauen Regeln erfahre ich selbst erst bei meinem Besuch bei Dieter. „Wir müssen uns kennenlernen und per du sein“, sagt er am Telefon. „Sonst kann ich dich nicht mitlaufen lassen.“ Also gut.

Die Regeln 

Dieter führt in Nordrach sein Sägewerk in fünfter Generation und hat mit Tochter Olivia eine Firma aufgebaut, die Tiny Houses in Form von Tipis anfertigt. Prüfend schaut er mich an, als ich die Treppenstufen nach oben komme, begrüßt mich dann aber herzlich. Den ersten Test scheine ich bestanden zu haben. Ein Glück! Da haben sich die vielen Crossfit-Stunden nach Feierabend also schon mal gelohnt. Natürlich interessiert mich gleich brennend, wie Dieter Survivalist wurde. Er erzählt mir von der Wildnis Kanadas und den entlegenen Seen, die er bereist hat. Und ich merke schnell, das ist eine Geschichte für sich …

Drinnen spielt Sohnemann Norman mit einem Freund Darts. Norman ist Sportstudent in den USA, läuft Marathons, 100-Kilometer-Läufe und sonstige verrückte Sachen und wird auch bei der Survival Challenge an den Start gehen. 

Für ihn, für mich, für alle sind die Regeln dabei so, wie ich dann anschließend gleich von Dieter erfahre: Am ersten Tag werden wir an einem ausgelosten Punkt und mit verbundenen Augen abgesetzt, haben nur einen Kompass und eine Marschkompasszahl zur Orientierung. Und: Jeder der 15 Absetzpunkte ist 40 Kilometer Luftlinie vom Ziel in Nordrach entfernt. Die Marschkompasszahl gibt an, in welche Richtung wir vom Absetzpunkt aus gehen müssen. Um ans Ziel zu kommen, haben wir von Freitagvormittag bis Sonntagabend um 21 Uhr Zeit. Gewandert werden darf von 6 bis 21 Uhr. Erst am Samstag, dem zweiten Tag, dürfen wir dann eine versiegelte Karte öffnen. Nach den ersten 20 Kilometern Luftlinie müssen wir die zweite Hälfte dann nur noch innerhalb eines zwei Kilometer breiten Korridors zurücklegen und ansonsten an dessen Start zurück. Fies! Kontrolliert werden die Laufrouten via GPS von Dieters ältestem Sohn Adrian und seiner Offenburger Tech-Firma Junker. 

Selbst, was in den Rucksack darf, ist streng reglementiert: Schlafsack und Isomatte, ein Messer, Feuerzeug oder Streichhölzer, ein Tarp (eine Art Überzelt), Kochtopf und Gaskocher, insgesamt vier Liter Wasser, ein Hygieneset und dazu neun Pflichtgegenstände, darunter Kompass, Armbanduhr und Warnweste. Mehr nicht.

Ganz schön viele Herausforderungen. In der Nacht nach dem Gespräch mit den Junkers träume ich, dass man sich bei der Survival Challenge als eine weitere Bedingung noch mit einem Wolf anfreunden muss …

Auf die Plätze

15 Teams gehen an den Start, 28 Teilnehmer. Drei haben sich ganz alleine angemeldet. Anita, Andre und Matteo. Ich soll nicht allein losgeschickt werden, Dieter fragt Matteo und wir bilden ein Team – aber erst nachdem ich hoch und heilig verspreche, ihn weder aufzuhalten noch ihm mit einem Navi oder Ähnlichem zu helfen. Im Camp sagt Dieter am Freitagmorgen: „Nehmt das nicht auf die leichte Schulter. Auch ich bin auf meinen Touren schon umgekehrt. Abbruch ist keine Niederlage.“ Trotzdem: Daran wollen wir jetzt natürlich erst mal nicht denken.

Das große Los

Matteo zieht für uns das Los. Darauf steht: 265° SW. Puhhh … während ich mir noch mal überlege, wie denn das mit dem Kompass so geht, zeigt mein Kollege, was gute Vorbereitung wirklich bedeutet: Er hat sich die Tage vor der Tour die Karte bestens angeschaut und im Geiste einen Halbkreis um Nordrach gezogen. Daher traut er sich die Vermutung zu: „Wir könnten irgendwo Richtung Freudenstadt oder Nagold sein.“ Ziemlich östlich und ein wenig Norden also – daher diese Marschkompasszahl in Richtung Südwesten. Na gut. Wenn er meint …

Nach einer Dreiviertelstunde Fahrt zum Absetzpunkt bin ich froh, als ich die Augenbinde wieder abnehmen darf. So ein bisschen sehe ich noch doppelt. Und ich sehe Regenwolken. Und eine kleine Scheune. Das Schild darauf mit der Aufschrift „Kohlwald 1“ sagt mir nichts. Egal. Noch ein bisschen Zeckenspray an die Beine und dann sagen wir Tschüss zu unseren Fahrern. Oder war es ein vermessenes „Bis morgen“? Es ist Freitag, 10.15 Uhr. Wir marschieren los.

Der Kompass gibt uns die Richtung vor. Zwischen Kornfeldern geht’s von der Scheune bei der Kreuzung nun die Straße hoch, an einem kleinen Wäldchen entlang und ein Stück weit auch hindurch. Auf der kleinen Hochebene peilen wir ein Windrad an, das in unserer Richtung liegt. Wir gehen auf Wanderwegen, Feldwegen und voll durch Wiesen und Felder, bis wir da sind. Von dort aus nehmen wir das nächste Ziel ins Visier: eines von vier nebeneinanderstehenden Windrädern in noch einiger Entfernung. Das wollen wir heute noch nehmen? Ambitioniert! Aber bei dem Tempo scheint es nicht unmöglich. Während Matteo immer schon das nächste Zwischenziel mit dem Kompass anpeilt, bin ich damit beschäftigt, hinterherzukommen. Gleich wird klar: Matteo ist der Typ Ich-muss-immer-zwei-Meter-vor-dir-laufen. Na das kann ja ein Spaß werden ...

So hoch unsere fernen Windräder auch stehen, verschwinden sie schnell mal wieder hinter dem nächsten Buckel – daher die Zwischenziele. Ich verstehe gut, was Matteo meint, wenn er sagt, „wenn du nur einmal abbiegst, weißt du die Richtung schon nicht mehr“. Die ganz große Erfahrung fehlt Matteo beim Kompasslesen dann doch, finde ich mit der Zeit heraus. Aber er ist absoluter Campingfan, hat sich aus einem Kombi seinen eigenen Camper ausgebaut und damit schon einige Touren in die Wildnis gemacht. Damit kann er ungefähr schon zehnmal mehr Wildniserfahrung vorweisen als ich.