Räucherkunst aus dem Schwarzwald

Räuchern neu gedacht: Stefanie Thanhäuser verbindet alte Rituale mit Achtsamkeit und regionalen Kräutern.

Text: Carolin Johannsen · Fotos: Jigal Fichtner

Räuchern im Schwarzwald? Nicht immer geht es dabei um Speck oder Forellen. Stefanie Thanhäuser steht in ihrer Freiburger Manufaktur Schwarzwald Rauch an einem hellen Holztisch und steckt geschickt getrocknete Zweige zusammen. Beifuß, Rainfarn, Lavendel und Rosmarin. Ihre schmalen Finger wickeln Bast um das Räucherbündel und die langen, braunen Haare fallen ihr ins Gesicht, als sie sich vorbeugt. Es hat etwas Meditatives, wie sie die Kräuter bindet. Zum Schluss knipst sie mit einer Schere die überstehenden Stiele ab. Ein weiteres Räucherbündel ist fertig zum Anzünden. Ein dünner Rauchfaden steigt von den glimmenden Zweigen auf, der würzig-heimelige Duft verteilt sich im ganzen Raum. Stefanie atmet tief ein: „Räuchern entspannt mich sehr.“

Das geht offenbar nicht nur ihr so. Gerade zu Jahresende sind Stefanies Räucherbündel und -mischungen gefragt. Achtsamkeitsrituale zu den Raunächten – der Zeit zwischen Weihnachten und Dreikönig – trenden auf Social Media. Influencer führen Raunacht-Tagebücher, verbrennen zwölf Zettel mit Wünschen – und räuchern, was das Zeug hält. Die Wiederentdeckung einer alten Tradition. Lange bevor Selfcare erfunden wurde, ging es in der dunkelsten und kältesten Zeit des Jahres ums Überleben. Während langer Winternächte erzählte man sich in der Stube Geschichten über Geister und die heidnischen Götter der sogenannten Wilden Jagd, die in dieser Zeit ihr Unwesen treiben sollte. Die zwölf Nächte standen für die bevorstehenden zwölf Monate des neuen Jahres, und man versuchte sich in Weissagungen über das, was es bringen mochte. Zum Start in das neue Jahr gingen die Menschen außerdem mit Räuchergefäßen durch das Haus und die Ställe – um den Haushalt zu reinigen und Unglück zu vertreiben. Wer es sich leisten konnte, machte das mit kostbarem Weihrauch wie bei den Heiligen Drei Königen. „Die meisten haben das verwendet, was bei ihnen rund um den Hof wuchs“, sagt Stefanie. Im Schwarzwald waren das: Tannen, Kiefern, Fichten. Alles Bäume, die ihre Wunden mit wohlriechendem Harz verschließen.

 

Fichtenharz und Wacholder

Dieser typische Geruch des Waldes hat auch Stefanie früh angefixt. Von der Liebe zu Wildpflanzen, zum Gärtnern und Basteln kam die Freiburgerin schnell zum Hobby Räuchern, das zum Nebenberuf geworden ist. Dabei geht es der Neurologin nicht um Esoterik, Aberglaube und Hokuspokus, sondern darum, die Natur mit allen Sinnen zu erleben, innezuhalten und sich etwas Gutes zu tun: „Mit Aromen können wir unsere Stimmungen beeinflussen.“ Viele Leute erschnuppern in ihrer Manufaktur zum ersten Mal, wie gut echter Weihrauch, Weißer Salbei oder Wacholderbeeren riechen. Im besten Fall hat auch die Umwelt selbst am Ende was davon: „Wenn mich ein Duft persönlich berührt, dann kann er auch mein Bewusstsein dafür wecken, dass die Natur schützenswert ist“, glaubt Stefanie.

Baumharze kratzt Stefanie auf Waldspaziergängen vorsichtig von der Rinde – ein Jahr lang mindestens müssen die Stückchen vor dem Räuchern im Dunkeln auf Backpapier trocknen. Die meisten Kräuter wie Rosmarin oder Salbei zieht sie im eigenen Garten. In ihrer Manufaktur hängen bündelweise getrocknete Pflanzen, die sie im Herbst sorgfältig verarbeitet und kombiniert. „Reinigung“ oder „Liebe“ heißen die Mischungen, die sie in einem Online-Shop, aber auch jeden Freitag im Layback Workspace in Freiburg verkauft. In „Stille“ stecken Fichtenharz und -nadeln, Holunderblüten, Eichenmoos und Wacholderbeeren – Schwarzwaldduft für zu Hause.

Räuchern heißt nicht abfackeln!

In Workshops gibt Stefanie ihr Wissen weiter. Von der Saunameisterin bis zum Schwarzwaldschamanen ist bei ihren Kunden alles dabei. Was viele Anfänger falsch machen: Räuchern heißt nicht verbrennen! Vielmehr geht es um ein langsames Erhitzen der Kräuter, Harze und Wurzeln. Wie viel Rauch dabei entsteht, hängt von der Technik ab. Eine davon ist die Kohle-Räucherung. Dazu benötigt man ein feuerfestes Gefäß. Das füllt man mit Sand und platziert die Räucherkohle darauf, um sie anzuzünden. Damit das Räucherwerk nicht zu schnell verbrennt und man im Nebel steht, empfiehlt Stefanie, erst etwas Sand auf die gut durchgeglühte Kohle zu geben und mit einer Dreifingerprise Räucherwerk zu starten.

Rauchfreies Räuchern im Alltag gelingt am besten mit dem Räucherstövchen. Hierbei werden die Kräuter, Wurzeln und Hölzer auf ein Sieb oder eine Edelstahlplatte gelegt, mit ausreichend Abstand zur Kerzenflamme darunter – so reguliert man die Intensität, die ätherischen Öle werden frei und man kann den Duft genießen. Von bunten synthetischen Kügelchen, wie man sie oft in Räucherwerk aus dem Handel findet, hält Stefanie nichts: „Dann verräuchert man lieber die getrockneten Nadeln von seinem unbehandelten Weihnachtsbaum – oder bedient sich am Gewürzregal.“ Denn viele Zutaten, die man zum Aromatisieren von Speisen verwendet, kann man auch räuchern.

 

Auch mal Schnuppern? 

Die Räucher- und Kräutermanufaktur in der Schopfheimerstr. 3 in Freiburg öffnet freitags von 14-19 Uhr. 

#heimat Schwarzwald Ausgabe 51 (4/2025)

Die Winterausgabe ist da – und bringt alles mit, was diese Jahreszeit im Schwarzwald so besonders macht: Glühwein an kalten Fingern, leise knirschenden Schnee und Geschichten, die wärmer machen als jede Sauna.

In dieser Ausgabe begleiten wir unseren Reporter mitten hinein in den Freiburger Weihnachtsmarkt, wo er zwischen Striebele, Schlangen und Schmunzlern Glühwein zapft, bis die Brille beschlägt. Außerdem tauchen wir ein in die neue „Marie-Mania“: Die kleine Schwarzwald-Marie reist weiter um die Welt, sorgt für Kultmomente – und für jede Menge Herzklopfen bei Sammlern.

Dazu gibt’s wie immer Genuss, Handwerk, Rezepte und jede Menge Schwarzwald zum Wegträumen. Ein Heft zum Einmummeln, Durchblättern und Dableiben.

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