Mondsüchtig: Matthias Wiemer fotografiert bei Nacht

Wenn über den Sehenswürdigkeiten der Ortenau der Mond aufgeht, jagt Matthias Wiemer nach dem perfekten Foto. Was er dafür braucht? Minutiöse Planung, Schnelligkeit, Brennweite – und harte Knochen!

Text: Jana Welle Fotos: Matthias Wiemer

Mond fotografieren im Schwarzwald: Ein Fotograf auf der Jagd nach dem perfekten Bild

Haben Sie sich schon einmal in der Nacht über einen Mann mit Kamera und gigantischem Teleobjektiv gewundert, der mitten im Nirgendwo Fotos macht, wo es scheinbar nichts Interessantes zu sehen gibt? Ist er ein Paparazzo, Privatdetektiv oder Einbrecher? „Es kommt schon öfter vor, dass mich Leute fragen, was ich da eigentlich mache“, sagt Matthias Wiemer. Wenn er Neugierigen dann auf dem Kameradisplay seine Aufnahmen zeigt, weicht das Misstrauen der Faszination: Der Hobbyfotograf hat sich nämlich auf Fotos von Sehenswürdigkeiten in der Ortenau und dem angrenzenden Elsass spezialisiert, hinter denen ein riesengroßer Mond aufgeht. Aussichtstürme, Burgen, Denkmäler setzt der Oberkircher so in Szene, als könnte man von dort aus den Erdtrabanten fast berühren.

„Viele Betrachter meiner Bilder gehen davon aus, sie wären das Ergebnis intensiver Bearbeitung am PC“, sagt der 60-jährige Physiotherapeut und Fotograf. Für seine beeindruckenden Aufnahmen braucht er aber weder Photoshop noch KI und auch keine astronomischen Ausnahmeereignisse wie den nächsten Supermond.

Mondfotografie: So entstehen beeindruckende Mondbilder ohne Photoshop

Die Erklärung ist ganz einfach: „Der Mond ist rund 380 000 Kilometer von uns entfernt. Ob ich in Oberkirch oder auf der Hornisgrinde stehe, ändert nichts an seinem scheinbaren Durchmesser“, sagt Matthias. Diese entspricht etwa der Größe eines mit ausgestrecktem Arm gehaltenen 10-Cent-Stückes. Entfernt Matthias sich aber von dem Gebäude, das er mit dem Mond im Hintergrund fotografieren will, wird dieses immer kleiner und kleiner. „Eine Kamera mit entsprechender Brennweite holt sowohl den Mond als auch das Objekt wie durch ein Fernglas nah heran und ermöglicht so diese ungewöhnlichen Bilder“, sagt der Oberkircher. Mindestens 200, besser 300 bis 600 Millimeter Brennweite braucht man dafür.

Um den Mond hinter dem Gebäude richtig vor die Linse zu bekommen, muss Matthias sich weit von seinen Motiven entfernen – oft steht er im Dunkeln vier bis fünfzehn Kilometer entfernt mit Stativ in einem matschigen Acker oder einem verschlafenen Wohngebiet. Kein Wunder, dass immer wieder Leute fragen, was er da eigentlich fotografiert ...

Wie Matthias Wiemer seine Motive findet

Matthias' Hobby ist eben was für scharfe Augen. Auf seinen Mountainbiketouren durch den Schwarzwald ist er unermüdlich auf der Suche nach freien Sichtachsen auf den Geigerskopfturm, den Moosturm oder den Hornisgrindeturm. Auch Burgen und Schlösser nimmt er gern ins Visier. „Die Schauenburg bei Oberkirch ist leider sehr schwer mit dem Mond im Hintergrund zu fotografieren, weil sie von Wald umgeben ist.“ Ohne Sturm Lothar, der 1999 viele Bäume in der Region umgeworfen hat, wären viele seiner Fotos heute gar nicht möglich.

Wenn Matthias eine grobe Position gefunden hat, die ihm aus großer Entfernung freie Sicht auf sein „Model“ bietet, plant er sein nächstes Nachtshooting mit der App PhotoPills. Wann wird der Mond das nächste Mal so stehen, dass er ihn mitsamt dem Gebäude aufnehmen kann? Wichtig ist auch, dass er dort, wo er sein Stativ aufstellt, Bewegungsfreiheit hat, um den perfekten Winkel für sein Foto zu erwischen. „Weinberge zum Beispiel sind super, weil ich da stufenweise die Höhe meiner Position anpassen kann.“ Einmal ist er dabei allerdings im Dunkeln den Rebberg heruntergekugelt und hat sich bei dem Sturz vier Rippen gebrochen. Seiner Begeisterung hat das keinerlei Abbruch getan.

Was treibt den Oberkircher, der seit 2017 mit Youtube-Tutorials an seiner Foto-Kunst feilt, immer wieder nachts oder frühmorgens aus dem Bett? Die Faszination für den Mond – und die Jagdleidenschaft nach dem perfekten Foto. „Es geht mir darum, Fotos zu machen, die so noch keiner gemacht hat, die man mit keinem Smartphone hinkriegt.“ Seine Drucke sind bestellbar bei der Heimatlichter GmbH, einem Netzwerk aus Fotografen im Südwesten. Aber für Geld treibe er den Aufwand nicht, sagt der Mondjäger.

Mond fotografieren: Die richtige Zeit für Vollmond, Mondkrater und Mondsicheln

Bei tiefster Dunkelheit entstehen beeindruckende Scherenschnitte, nicht nur von den Gebäuden, die sich vor dem leuchtenden Erdtrabanten abheben. Manchmal lässt Matthias auch Helfer wie zum Beispiel seine Söhne auf dem Geigerskopfturm posieren und gibt ihnen, weil der Handy-Empfang im Schwarzwald oft schwächelt, per Walkie-Talkie Anweisungen. Viel Zeit bleibt ihnen nicht, denn die Erde rotiert ja weiter, die Position des Mondes ändert sich. Manchmal wiederholt Matthias Shootings mehrere Nächte hintereinander, um seine Einstellungen zu perfektionieren.

Das Problem der Mondfotografie ist, dass der Mond jeden Tag an einer anderen Stelle und zu einer anderen Uhrzeit auf- und untergeht. Für Matthias sind die gelungensten und gleichzeitig schwierigsten Bilder die, bei denen der Mond am blauen Himmel steht und das Bauwerk von der tief stehenden Sonne in warmes Licht getaucht wird – also in den Abendstunden kurz vor Sonnenuntergang und am frühen Morgen, wenn der Mond nach Vollmond untergeht. Den eigentlichen Vollmond findet er nicht ganz so spannend. Er ist zwar in seiner vollen Größe zu sehen, zeigt aber keinerlei Krater, da die Sonnenstrahlen senkrecht auf ihn treffen und damit keine Schatten werfen. „Gerade die sind aber besonders eindrucksvoll.“

Die größte Herausforderung für Matthias sind Mondsicheln. Das Zeitfenster dafür beschränkt sich aber auf maximal fünf Tage im Monat – und die Helligkeit muss passen. Auf die Gelegenheit, die Mondsichel hinter der Hohkönigsburg in elsässischen Orschwiller einzufangen, wartete er ein ganzes Jahr. Ausrichten, fokussieren, warten, auslösen – dann geht es bestenfalls euphorisiert heim. Nach einer Fotosession kann es Matthias kaum erwarten, seine Beute am PC zu sichten. Ist alles scharf geworden? Besonders glücklich ist er, wenn die Mondkrater und Meere gut zu erkennen sind oder wenn die Wetterfahne des Buchkopfturms bei Oppenau fast exakt auf den Landeplatz der Apollo-11-Mission von 1969 zeigt.

Polarlichter im Schwarzwald: Tolle Fotomotive mit etwas Glück

Manchmal fotografiert Matthias Gebäude auch „nur“ vor dem Sternenhimmel, was weit weniger Aufwand erfordert als seine Mondshootings. Wolken, Nebel, Polarlichter oder Besucher, die sich auf den Gebäuden tummeln – richtig spannende Aufnahmen entstehen nachts oft dann, wenn der Zufall seine Finger im Spiel hat. „Hinter jedem meiner Fotos steckt eine Geschichte.“ Auf die Idee, Türme oder das Hexenhaus auf dem Lautenbacher Hexensteig für seine Bilder zu beleuchten, ist er gekommen, weil er einmal nachts auf dem Buchkopfturm einen Vater traf, der beim Licht einer Taschenlampe Kindern Geschichten vorlas. Als Matthias später selbst Lampen auf den Geigerskopfturm schleppte, schreckte er ein Liebespaar auf, das sich einen romantischen Abend machen wollte. „Die beiden waren überrascht, haben mir dann aber sogar mit der Beleuchtung für mein Foto geholfen“, erinnert er sich.

Einer Familie, die wissen wollte, was er mit seiner riesigen Kamera nachts vor ihrer Einfahrt mache, hat er das Mondfoto hinterher geschenkt. Also: Wer Matthias nachts begegnet, braucht nicht zu erschrecken. Unterstützung ist immer willkommen – vielleicht bietet der eigene Balkon ja den perfekten Spot für einzigartige Heimatfotos?

Die richtige Einstellung für Mondfotografie

Hier Tipps für gelungene Mondfotos: In den manuellen Modus der Systemkamera schalten. Den Iso-Wert niedrig einstellen (100–400). Blende bei f/8 bis f/11 (scharf über die gesamte Szene). Verschlusszeit: mindestens 1/25 Sekunden (der Mond bewegt sich!). Und: Stativ nicht vergessen!

Mit einem Foto vom Geigerskopfturm hat Matthias Wiemer zuletzt beim achten Fotowettbewerb des Landratsamts Ortenaukreis den vierten Platz geholt. Bei der weltweit genutzten App PhotoPills landete er mehrfach den „PhotoPiller of the Day“. Seine Wandbilder sind bei heimatfotos.de erhältlich.

#heimat Schwarzwald Ausgabe 55 (4/2026)

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