Krieg der Sterne

Schafft es die Energiekrise, dem Weihnachtsbeleuchtungswahnsinn endlich ein Ende zu setzen? Das fragt sich unsere Kolumnistin, als sie sich mal wieder mit rhythmisch blinkenden Herzen, einer Armada von Weihnachtsmännern und anderen Gipfeln der Geschmacklosigkeit konfrontiert sieht…

Draußen sein – nee danke. Denn draußen ist doof. Unbarmherzig treibt ein Wintersturm patschig-fette Schneeflocken vor sich her und mich in den Wahnsinn. Zum fünften Mal hat er heute meine mühselig angebrachte Lichterkette abgehängt. Also raus, Leiter aufstellen, Kette zurechtfummeln, supersicher befestigen (haha), Hintern abfrieren und wieder rein. So wird das nix mit der Kolumne. Und während ich mit klammen Fingern vor mich hinwerkle, überkommt mich ein tröstlicher Gedanke: Wenigstens muss man in diesem Energie-Winter nicht die ganz große Nummer durchziehen …

Tendenziell ist der Schwarzwald in dieser Hinsicht ja ohnehin recht dezent unterwegs. Was vielleicht nicht so sehr an mangelnden Ideen für die adventliche Inszenierung liegt, sondern an einer gewissen Sparsamkeit. „Des koscht doch ä Hufe“, pflegten unsere damaligen Nachbarn in Oberwolfach zu sagen und pappten Jahr für Jahr selbstgebastelte Papiersterne ihrer Enkel ans Fenster, sparsamst illuminiert durch einen dreiflammigen Schwippbogen, den vermutlich schon Napoleon im Gepäck hatte. Der Schwarzwald verbreitet ja an sich schon genug festliche Stimmung. Wenn nicht gerade der Borkenkäfer daran nagt. 

In der Stadt hingegen darf es dekotechnisch schon eleganter sein.  In Baden-Baden ist das normalerweise eine dezent-festliche Angelegenheit: Leuchtsterne überspannen die Fußgängerzone, ein paar geschmückte Bäume sind malerisch an den zentralen Plätzen verteilt, das war’s von Seiten der Stadt. Einige Privatleute setzen da ganz andere Maßstäbe – Putin hin, Putin her. 

„Ist bei dir im Haus jetzt ein Bordell?“, fragte mich eine Bekannte kürzlich. Ach ja, mein Nachbar. Der hat zwar mit dem horizontalen Gewerbe nichts zu tun, will aber in normalen Jahren alles toppen, was in unserer Straße an Adventsdeko vorhanden ist. Sämtliche Fenster und Balkontüren sind mit ekstatisch zuckenden LED-Schläuchen in Rot, Blau und Grün umrandet, das Balkongeländer verschwindet unter einer dicken Schicht von Lichterketten, die rhythmisch ihre Farben wechseln. Abgerundet wird das Ganze durch lange Girlanden mit ebenfalls blinkenden Sternen und Herzen. Dieses Trommelfeuer wollten einige Nachbarn so nicht unbeantwortet hinnehmen und hatten zuletzt noch mal nachgerüstet. Ich rechne allabendlich damit, dass der Notfallheli vom Krankenhaus versehentlich in unserem Garten landet … 

Der Garten nimmt sich vergleichsweise zurückhaltend aus gegen den Deko-Super-Gau in der Fußgängerzone. Dort setzt ein Gaststättenbetreiber seit Jahren alles daran, seinen Laden in einen ständig wachsenden Hort der Geschmacklosigkeiten zu verwandeln. Ab Mitte November bevölkert eine Armada von Weihnachtsmännern die Fassade. Dazu kommen Engel, Schneemänner, Rentiere, Eisbären und Tonnen von anderem Plunder, die dem ungeübten Betrachter mal eben einen Augen-Tinnitus bescheren können. Es plärrt, piept, schnauft und blinkt aus allen Ecken und Giebeln. 

Vielleicht schafft es ja die Energiekrise, diesem Wahnsinn mal ein Ende zu setzen. Und dann soll sie doch auch bitte noch mal kurz bei meinem Nachbarn vorbeischneien …

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